Inés Rogge und Annika Pütz fühlen sich „wie Versuchskaninchen“

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Das Lachen ist Annika Pütz und Inés Rogge noch nicht vergangen. Aber der Ernst des Lebens wird in diesem Jahr ernster denn je. Denn für Pütz und Rogge hat das letzte Schuljahr begonnen, im Sommer 2013 wollen sie als Abiturienten das Aachener Couven-Gymnasium verlassen. Doch der Weg dahin ist für die beiden Schülerinnen nur schwer zu überblicken.

Denn es ist kein normales Schuljahr an den Gymnasien des Landes, das nun begonnen hat: Es ist das Jahr, in dem der doppelte Abiturjahrgang seinen Abschluss machen wird. Im Sommer 2013 werden rund 132.000 Jungen und Mädchen in Nordrhein-Westfalen an den Abiturprüfungen teilnehmen: 108.500 an Gymnasien, 15.500 auf Gesamtschulen, Weiterbildungskollegs und Waldorfschulen, 8000 an Berufskollegs und rund 20 an der Anna-Freud-Schule, einem Kölner Gymnasium für Körperbehinderte.

Es sind mehr denn je, denn eigentlich sind es zwei Jahrgänge, die gleichzeitig ihre letzten Prüfungen absolvieren. Von den 108 500 Gymnasiasten sind 50 000 dem neuen G8-Bildungsgang (G8 steht für achtjähriges Gymnasium) zuzuordnen. Es sind 8500 weniger als im „alten“ G9-Jahrgang, denn alle Jugendlichen, die von einer Haupt- oder Realschule ans Gymnasium wechseln, werden den G9-Kursen zugeordnet.

Vor allen Dingen gespannt

Annika Pütz ist G8-Schülerin, Inés Rogge G9-Schülerin. Sie besuchen das Aachener Couven-Gymnasium. Hier zählt Leiter Günther Sonnen 150 G9- und 110 G8-Schüler. Die 17-jährige Pütz und die 19-jährige Rogge werden ebenso wie ihr Schulleiter und ihr Lehrer, Oberstufenkoordinator Christian Fengler, von der Aachener Zeitung während dieses Schuljahres begleitet. Es wird berichtet, wie sie sich im Alltag schlagen, auf die Prüfungen vorbereiten und welche Überraschungen das Doppel-Abi-Jahr noch mit sich bringen wird.

Rogge ist vor allem eines: gespannt, wie dieses letzte Jahr werden wird. „Der Aufwand ist schon in der Stufe 12 spürbar größer geworden“, sagt sie. Nun sind ihre letzten Sommerferien vorbei. Mit dem Rucksack war sie in Schweden unterwegs, hat Fische gefangen und im Zelt übernachtet. Es war die große Freiheit, bevor die Schule sich wieder ihrem Tagesablauf bemächtigt. Ihre Leistungskurse sind Deutsch und Sozialwissenschaften, außerdem wird sie Ende des Schuljahres in Mathematik und Spanisch geprüft. Annika Pütz hat als LKs Mathematik und Biologie gewählt. Sie arbeitet gerne logisch und strukturiert. In beiden Fächern gibt es richtig und falsch, weniger Interpretationsspielraum.

Die weiteren Prüfungen wird sie wohl in Sozialwissenschaften und Spanisch ablegen. Sie will Medizin studieren, braucht einen hervorragenden Numerus Clausus. Ein ehrgeiziges Ziel, aber sie will es unbedingt erreichen. „Ich mache mir selber Druck. Aber ich wollte immer schon Medizin studieren, seit ich 13 bin“, sagt sie. Im März feiert sie ihren 18. Geburtstag.

Die Infrastruktur fehlt

Beide Schülerinnen engagieren sich in der Schülervertretung (SV), haben sich um die Verschönerung des Schulhofes bemüht und Unterstufenpartys organisiert. „Organisieren macht mir super viel Spaß. Die SV-Arbeit bringt wertvolle Erfahrungen“, sagt Rogge. Pütz war sogar in der Bezirksschülervertretung, beide sind also irgendwie auch politisch engagiert und werfen nicht nur den Blick der betroffenen Schülerinnen auf die Schulzeitverkürzung. „Mir ist Schule nie schwergefallen, aber ich frage mich oft, wie die G8-Umstellung so schlecht geplant werden konnte. Ich habe mich schon mehr als einmal ordentlich geärgert“, sagt Pütz.

Die Entscheidung für die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre fiel 2004 unter Schulministerin Barbara Sommer. Es war die große Zeit des Umbruchs, überall in Deutschland wurde die Schulzeit verkürzt, die Mittelstufe sollte nur noch drei statt vier Jahre dauern. Nur in Rheinland-Pfalz blieb es bislang bei einem Modellversuch für Ganztagsschulen. Sonst wurde überall in Jahren verkürzt und deswegen täglich länger unterrichtet. Doch die Infrastruktur in den Schulen fehlte. „Es ist schön, wenn nach sieben Jahren endlich eine Mensa gebaut wird“, sagt Pütz sarkastisch. „Wurde vorher nicht daran gedacht?“ Die neue Mensa wird bald fertig – mit 135 Plätzen für 1200 Schüler.

In der öffentlichen Diskussion wurde immer wieder auf den internationalen Wettbewerb hingewiesen, in dem die deutschen Schüler das Nachsehen hätten, weil anderswo Jugendliche schon mit 17 ihren Abschluss in der Tasche hätten. Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hielt 1997 eine Rede mit dem Titel „Aufbruch ins 21. Jahrhundert“ und sagte: „Warum soll nicht auch in Deutschland ein Abitur nach zwölf Jahren zu machen sein? Für mich persönlich sind die Jahre, die unseren jungen Leuten bislang verloren gehen, gestohlene Lebenszeit.“

Inés Rogge hat dazu eine andere Meinung. In der neunten Klasse war sie für zwei Monate in Frankreich, in der Jahrgangsstufe 11 ein halbes Jahr in Venezuela, erst bei einer Gastfamilie, dann bei Nonnen. Nach dem Abitur möchte sie noch ein Freiwilliges Soziales Jahr anhängen, gerne noch mal in Südamerika, und dann fürs Studium aus Aachen weggehen. „Die Zeit im Ausland war die beste Erfahrung meines Schullebens. Es ist eine Frechheit, dass dafür den G8-Schülern keine Zeit bleibt“, findet sie. Um ein Lernjahr voraus sollten Deutschlands Schüler durch die Reform sein. Nun fehlt ihnen die Zeit, auch mal nach rechts oder links zu schauen. „Mir tun die G8-Schüler leid, sie haben viel weniger Freizeit“, sagt Rogge.

Annika Pütz hat früher Fußball gespielt, dann wegen einer Verletzung aufgehört. Sie spielt Querflöte und gibt drei Stunden Schwimmtraining in der Woche. Wenn sie dann noch Energie findet, zieht sie selber Bahnen. Sie würde gerne tanzen, aber dafür fehlt ihr einfach die Zeit. „Das wäre viel zu stressig“, sagt sie. Inés Rogge geht ebenfalls gerne schwimmen, und ihr bleibt die Zeit, in einem Café und als Kindermädchen zu arbeiten. Nur Volleyball spielt sie nicht mehr. Aber nicht weil sie keine Zeit mehr hat. Ihre Mannschaft hatte sich aufgelöst. So einfach war das bei ihr.

Konzentration aufs Wesentliche

Versprochen wurde eine Konzentration auf das Wesentliche. „Die neuen kompetenzorientierten Lehrpläne fokussieren auf die Fähigkeiten, die ein Schüler erwerben muss, um in seinem späteren Leben bestehen zu können“, erklärte Professor Wilfried Bos als Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund in einer 16-seitigen Werbebroschüre des Schulministeriums zur Einführung von G8. Alles klingt rosig. Prächtig wird die Konzentration aufs Wesentliche beworben.

Annika Pütz hat erst seit einem Jahr die neuen Bücher für die verkürzte Schulzeit. Sie vermisst die Zeit, um Themen vertiefen zu können. In einem Jahr ist sie fertig. „Ich bin zwar zurechtgekommen, aber ich fühle mich manchmal wie ein Versuchskaninchen“, sagt sie. „Anfangs hatte ich keine Ahnung, was auf mich zukommt.“ Und mit dieser Einschätzung steht sie nicht alleine da. Anders als angekündigt wurden sogar Kurse letztlich gemischt, saßen G8- und G9-Schüler plötzlich zusammen. Ihre Zeugnisse werden sie aber getrennt voneinander erhalten. Gefeiert wird das Abitur unabhängig voneinander, nur in den Vorbereitungen können Pütz und Rogge zusammenarbeiten. Schon logistisch wäre alles andere bei 260 Abiturienten überaus schwierig bis unmöglich. Und das sind nur die kleinen Klippen, die die Umstellung von G9 auf G8 und speziell diesen Doppel-Abi-Jahrgang begleiten.

Die ersten Erfahrungen waren alles andere als flächendeckend gut, die Kritik an der hastigen Umstellung wurde laut. Nach der Abwahl der CDU-FDP-Landesregierung entschied Rot-grün mit Schulministerin Sylvia Löhrmann, den Schulen die Wahl zu geben. Die Gymnasien konnten 2010 einen Antrag stellen, in einem Schulversuch wieder von G8 zu G9 zurückzukehren. Doch bis zum 30. Dezember 2010 gingen nur von 13 Gymnasien entsprechende Anträge ein. 630 gibt es in NRW. Das ständige Hin und Her war nicht im Sinne der Pädagogen.

Kein Wunder. Schulleiter Günther Sonnen wünscht sich, dass zunächst einmal Ruhe ins ständig reformierte System kommt. Im Sinne der Schüler. Die stehen so oder so vor der größten Herausforderung ihres bisherigen Schullebens. „Ich habe die Hoffnung, dass es nicht so stressig wird, wie über das letzte Jahr immer gesagt wird“, sagt Inés Rogge. „Aber ich werde ganz bestimmt viel Zeit mit und in der Schule verbringen. Aber ich will auch noch ein Leben außerhalb der Schule haben.“ Das Lachen soll weder ihr noch Annika Pütz vergehen.

Der Oberstufenkoordinator behält alles im Blick

Er ist Lehrer für Mathematik und Musik (hier unterrichtet er auch Annika Pütz), doch vor allem ist Christian Fengler Oberstufenkoordinator des Aachener Couven-Gymnasiums und somit für die gesamte Organisation der 560 Schüler umfassenden Oberstufe zuständig – in Abstimmung mit den jeweils zwei Beratungslehrern der vier Jahrgänge.

Seine Arbeit umfasst die Vorabinformation von Eltern und Schülern, die Organisation des Wahlverfahrens der Leistungs- und aller anderen Kurse (über ein Online-Modul), die Kursblockung, die Klausurplanung für alle Oberstufenschüler in Koordination mit zwei Partnerschulen, die Nachschreibeverfahren, Facharbeiten, Studienfahrten, Schülerdatenpflege, Studientage, Aufnahmegespräche, Downloadverwaltung auf der Homepage und die Organisation der Abiturprüfungen. Die Stundenpläne muss er nicht schreiben. „Die Hauptbelastung liegt im zweiten Halbjahr“, sagt Fengler. Denn neben den Abiturprüfungen muss das nächste Schuljahr vorbereitet werden. „Da bleibt keine Zeit mehr für anderes, erst recht in diesem Jahr.“ Denn mehr Schüler bedeuten mehr Kurse, mehr Planung, mehr Beratungsgespräche und nach den Osterferien eben auch mehr Abiturprüfungen. Auf der Suche nach passenden Räumen muss er sich nun sogar an die Hochschulen wenden.


Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert