Inda-Gymnasium als Notunterkunft für 300 Flüchtlinge

Von: Stephan Mohne
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Ankunft in Aachen: Die ersten 150 Flüchtlinge kamen Montagabend, weitere 150 folgen am Dienstag. Foto: Ralf Roeger
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Betretene Mienen: Montagmorgen erfuhren die Dezernenten Lothar Barth und Manfred Sicking sowie Sozialamtsleiter Heinrich Emonts (v.l.), dass die Stadt binnen 24 Stunden 300 weitere Flüchtlinge aufnehmen muss. Daraufhin wurde umgehend ein Krisenstab ins Leben gerufen. Foto: Michael Jaspers
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Mit vereinten Kräften: Betten und Mobiliar für 300 Menschen mussten innerhalb weniger Stunden im Inda-Gymnasium in Kornelimünster aufgebaut werden. Foto: Ralf Roeger

Aachen. [Hinweis: Dies ist ein Artikel von 2015 aus unserem Archiv, siehe Datum.] Es ist gegen 10 Uhr am Montagmorgen, als bei Dezernent Lothar Barth das Telefon klingelt. Am Apparat: der stellvertretende Regierungspräsident Wilhelm Steitz. Ebenso freundlich wie unmissverständlich teilt er mit, dass die Stadt Aachen 300 weitere Flüchtlinge aufnehmen muss.

Nun, dass weitere Flüchtlinge kommen würden, das ist für die Verwaltung keine Neuigkeit. Wohl aber, dass diese 300 Menschen binnen 24 Stunden eintreffen werden. Dem Anruf folgt das Ganze wenig später dann auch noch in Schriftform. Klipp und klar ist da von einer „Anweisung“ die Rede.

Was tun? 300 Menschen in so kurzer Zeit unterzubringen scheint kaum möglich. Pläne hat die Stadt, wie berichtet. Da geht es zum Beispiel um modulare Wohnsysteme (Container), die nach Haaren, zum Kronenberg und zur Adenauerallee sollen. Doch die werden erst im Herbst beziehungsweise Winter geliefert. Fast alle aktuellen Kapazitäten sind bereits mit den rund 1500 derzeit in Aachen lebenden Flüchtlingen ausgereizt.

Lothar Barth und sein Dezernentenkollege Manfred Sicking rufen eilends einen Krisenstab ins Leben, auch die Politik wird informiert. Denn bereits am Abend sollen die ersten 150 Menschen in Aachen ankommen. Die Köpfe rauchen. Und die Notlösung ist schließlich gefunden. Die 300 Flüchtlinge sollen vorübergehend in den Klassenräumen des Inda-Gymnasiums in Kornelimünster untergebracht werden.

„Für dieses Gebäude gibt es Notfallpläne“, begründet Barth am späten Nachmittag bei einer Pressekonferenz vor Ort. Diese Pläne sind einst für Fälle wie etwa eine großräumige Evakuierung nach einem Bombenfund oder Ähnlichem gemacht worden. Jetzt dienen sie einer ganz anderen Ausnahmesituation.

Derweil rücken in Kornelimünster unter staunenden Blicken von Anwohnern Züge des Katastrophenschutzes der Malteser, der Johanniter und des Roten Kreuzes an. Flankiert von der Feuerwehr und anderem städtischen Personal wie Hausmeister Michael Nellissen, der in den Ferien eigentlich für vier Schulen zuständig ist. 300 Betten wollen in Windeseile aufgebaut sein. Rund 100 Helfer packen an, sogar aus der Bevölkerung gibt es Zulauf, nachdem sich die Nachricht verbreitet hat. Später stoßen christliche und islamische Geistliche ebenso dazu wie Mediziner und Dolmetscher.

Doch da fängt das Problem schon an. Denn der Stadt ist nur die nackte Zahl übermittelt worden. Unbekannt ist hingegen, ob es sich um Männer, Frauen, Kinder oder alles zusammen handelt. Unbekannt ist ebenso die Herkunft der Menschen oder auch ihr Alter. Diese „Informationspolitik“, die gegen Null tendiert, ruft bei den städtischen Verantwortlichen kräftiges Kopfschütteln hervor.

Und das angesichts der Kurzfristigkeit der „Anweisung“. Manfred Sicking sagt: „Das habe ich mir in meiner Fantasie nicht vorstellen können.“ Offenbar sind derzeit auch die übergeordneten Behörden ziemlich überfordert mit der Situation, was sie mit Institutionen bis hinauf zu höchsten EU-Gremien gemeinsam haben.

Dennoch betont Lothar Barth, man werde die Lage bewältigen. Wobei die eigentliche Aufgabe noch bevorsteht. Spätestens in 14 Tagen soll das große Gymnasium wieder geräumt sein – schließlich beginnt am 12. August das Schuljahr. Dann müssen die 300 Menschen woanders Platz finden. Wo, das sagt Barth vorerst nicht. Es würden mehrere Optionen geprüft. Darunter eine Gewerbeimmobilie, der Bushof und Schulturnhallen. Wie etwa jene an der Barbarastraße, die erst vor wenigen Tagen geräumt wurde – inklusive herausreißen des eigens verlegten Laminatbodens. Der muss jetzt gegebenenfalls wieder neu verlegt werden. Eine unglaubliche Situation.

Dass die Menschen willkommen sind und bestmöglich betreut werden, daran lassen Bürgermeisterin Hilde Scheidt und Kornelimünsters stellvertretender Bezirksbürgermeister Ladislaus Hoffner indes keinen Zweifel. Barth bittet allerdings darum, von spontanen Spendenaktionen am „Inda“ zunächst abzusehen, damit man erst einmal in Ruhe die Menschen unterbringen und alles organisieren könne.

Organisiert werden muss laut Hilde Scheidt, dass langfristig zusätzliche Kapazitäten mittels eines Investitionsprogramms geschaffen werden. Sollte das nach der „Umsiedlung“ der aktuellen 300 Neuankömmlinge einmal mehr per kurfristigem Anruf aus Köln angeordnet werden, wird es wohl noch dramatischer als an diesem Montag ohnehin schon. Denn für diesen Fall hat die Stadt laut Barth (noch) keinen Plan.

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