In zwölf Tagen sechs Mal in Gewahrsam

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Setzt weiter auf Kontrollen: Polizeipräsident Dirk Weinspach. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Während immer mehr Beamte aus einer großen Frustration heraus bereit sind zu reden, breitet die Aachener Polizei offiziell einen Mantel des Schweigens über das brisante Thema.

Die Rede ist im Speziellen vom Fall eines 18-jährigen Algeriers, der am vergangenen Wochenende in Aachen drei Mal wegen mutmaßlicher Straftaten auffiel und festgenommen wurde, aber jedes Mal auf freien Fuß gesetzt werden musste, weil die Staatsanwaltschaft keine ausreichenden Haftgründe sah.

Und die Rede ist im Allgemeinen vom „Antanztrick“ – einer Diebstahls- bzw. Raubmasche, derer sich auch besagter 18-Jähriger bedient haben soll und die sich nach AZ-Informationen in Aachen zu einem massiven Problem ausgewachsen hat.

So massiv jedenfalls, dass die Aachener Staatsanwaltschaft jetzt ihre Ermittlungen zu dieser Vorgehensweise, bei der die Opfer auf spielerische Weise „angetanzt“, abgelenkt und dann bestohlen oder auch gewaltsam beraubt werden, in einer Ermittlungsgruppe bündeln und intensivieren will.

Zu beiden Themen liegt der Polizei seit Donnerstagvormittag ein Katalog mit 19 konkreten Fragen der AZ in schriftlicher Form vor. Keine einzige davon wurde bis Freitagabend beantwortet. Die Polizei verweist stattdessen auf eine Pressekonferenz am kommenden Dienstag zum allgemeinen Thema „Sicherheit in Aachen“. Polizeipräsident Dirk Weinspach werde sich dann unter anderem auch zum „Antanztrick“ äußern, erklärte Polizeisprecher Werner Schneider am Freitag auf AZ-Anfrage.

Derweil beschäftigt dieses Thema und insbesondere der Fall des 18-Jährigen nicht nur viele Polizeibeamte, die oft nur noch hilflos und frustriert den Kopf schütteln, wenn solche Tatverdächtige mit triumphierender Geste an ihnen vorbei in die Freiheit spazieren. Er bewegt auch viele Bürger, die sich um die Sicherheit in Aachen sorgen – was etliche Zuschriften an die Redaktion belegen.

Zumal die Geschichte des 18-jährigen Algeriers offensichtlich eine größere Dimension hat als bisher bekannt: Denn nach AZ-Informationen ist der junge Mann alleine in den ersten zwölf Tagen dieses Jahres sechs Mal von der Polizei wegen Straftaten in Gewahrsam genommen worden – und wurde jedes Mal wieder auf freien Fuß gesetzt.

Und aus Polizeikreisen ist auch zu erfahren, dass er seit 2014 bereits wegen rund 40 Delikten aktenkundig geworden ist – wegen Ladendiebstahls, Taschendiebstahls, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruchs, Körperverletzung, Widerstands gegen Polizeibeamte und Rauschgiftdelikten.

„Er ist völlig aggressiv, spuckt, tritt und kratzt“, sagt ein Polizeibeamter über den Mann. „Manchmal hat man den Eindruck, den Haftgrund der Wiederholungsgefahr gibt es gar nicht mehr“, wundert sich ein anderer frustrierter Beamter.

Bei der Aachener Staatsanwaltschaft führt man gegen den Mann, der nach AZ-Informationen trotz der Fülle der ihm zur Last gelegten Delikte nicht einmal auf der Intensivtäterliste auftaucht, aktuell drei Strafverfahren, wie deren Sprecher Dr. Jost Schützeberg bestätigt.

Schützeberg erklärt auch, warum seine Behörde nach den mutmaßlichen Taten des Mannes am vergangenen Wochenende – eine Sachbeschädigung, ein „Antanzen“ mit räuberischem Diebstahl und gefährlicher Körperverletzung sowie ein Fall sexueller Beleidigung – nach gründlicher Prüfung von einem Antrag auf Untersuchungshaft bisher abgesehen hat: „Die Sache ist glasklar. Es gibt bisher keinen hinreichenden Tatverdacht“, erklärt Schützeberg.

Es gebe diesbezüglich „umfangreiche Nachermittlungen“ mit Befragungen von Zeugen und des Tatverdächtigen. Unklar bleibt derweil, ob der Staatsanwaltschaft für die Entscheidung die Zahl von rund 40 bisherigen Delikten überhaupt bekannt war.

„Wenn dem so ist, würde das in die Überlegungen einfließen. Allerdings bleibt der nicht hinreichende Tatverdacht erst einmal das Kriterium“, sagt der Behördensprecher. Zumal Wiederholungsgefahr im Gegensatz zu Fluchtgefahr eine nachrangige Begründung sei. Schützeberg: „Dabei werden noch strengere Maßstäbe angesetzt.“

Klar ist hingegen, dass das „Antanzen“ auch in Aachen längst ein ausgesprochen relevantes Problem geworden ist – jedenfalls wenn man den Aussagen erfahrener Polizeibeamter vertraut. Diese Art von Straftat, die fast ausschließlich Tätern nordafrikanischer Herkunft – vornehmlich aus Marokko, Algerien und Tunesien – zugeschrieben wird, geschehe in der Stadt mittlerweile täglich, heißt es da.

Das lasse sich an den Anzeigen der Opfer ablesen. Manche der Täter seien in der Lage, binnen kürzester Zeit enorm viele Straftaten zu begehen, nicht selten 100 Taten binnen weniger Monate. Und es sei „frustrierend“, so hört man in Gesprächen mit Polizisten immer wieder, „dass diese Straftäter fast immer unbehelligt davonkommen“.

Um wie viele Taten geht es dabei insgesamt in Aachen und in der Städteregion? Um wie viele Tatverdächtige? Warum taucht der besagte 18-Jährige nicht auf der Liste der Intensivtäter auf, um die man sich bei der Polizei besonders kümmert? Gibt es vergleichbare Kaliber wie ihn und wenn ja, wie viele? Und was gedenkt man generell gegen das Phänomen zu tun?

Auf all diese und viele drängende Fragen mehr reagiert die Aachener Polizei aktuell mit Schweigen. Erst bei besagter Pressekonferenz am Dienstag soll es Antworten geben. Erst dann könne man auch auf die Fragen unserer Zeitung eingehen.

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