Aachen - In der Zwickmühle aus Angst und Toleranz

In der Zwickmühle aus Angst und Toleranz

Von: Julia Gröbbels
Letzte Aktualisierung:
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„Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“: Regisseurin Jenke Nordalm und Jelena Nagorni, zuständig für Bühne und Kostüme, bringen Lukas Bärfuss‘ schneidende Parabel auf die Bretter des Theaters. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Nie wieder diese Tabletten!“ Doras Mutter ist sich sicher: Ihre Tochter soll ab jetzt ohne diese ruhig stellenden Pillen ein ganz normales Leben führen. Aber Dora (Nele Swanton) ist mitnichten normal. Sie ist eigen, geistig anders.

Als sich Dora unsediert und pubertierend ins Leben stürzt und sich noch dazu in einen „feinen“ Herrn (Benedikt Voellmy) verliebt, der zur Gewalt neigt, hört für ihre eigentlich doch so liberale Umgebung der Spaß auf. Insbesondere Doras Eltern (Elke Borkenstein, Karsten Meyer) haben Schwierigkeiten, mit der neuen Situation umzugehen. Aber was wissen die alle schon von Doras Glück...

Aktueller denn je

Der Schweizer Autor Lukas Bärfuss schrieb 2003 sein höchst sensibel und gleichzeitig grotesk-schwarzhumoriges Stück über die „sexuellen Neurosen“ einer Gesellschaft. Und noch zehn Jahre später ist die Thematik des Stückes, das heute in der Kammer des Theaters Premiere feiert, aktueller denn je. „Die Debatte um Inklusion zeigt, dass es bei dem Thema in Deutschland noch immer großen Diskussionsbedarf gibt“, so Dramaturgin Inge Zeppenfeld.

In dem Stück gehe es allerdings um weit mehr als um Inklusion. „Dora empfindet körperliche Liebe anders als ihr Umfeld, und je weiter sie in ihren Entscheidungen geht, umso stärker sind die Repressionen des Umfeldes“, erklärt Regisseurin Jenke Nordalm. Es gehe weniger darum, wie Dora in eine Gesellschaft eingegliedert werden kann, als vielmehr darum, welche Probleme und Barrieren mit dem (Aus-)Leben ihres Andersseins verbunden sind.

Da ist die Angst der Eltern, die sich um ihr Kind sorgen, der Versuch etwas zu kontrollieren, das nicht zu kontrollieren ist, und der große Freiheitsdrang der Tochter: Mit all diesen Nuancen spielt der Autor in insgesamt 35 Kurzszenen.

„Bärfuss versteht es mit seiner Mischung aus sachlichen und mythologischen Elementen, den Zuschauer zu fesseln, zu berühren und zum Nachdenken anzuregen“, sagt Zeppenfeld. Zudem habe Bärfuss das Stück mit reichlich Sprachwitz gewürzt, so dass die eigentlich eher ernste Thematik das ein oder andere Mal durchaus auch zum Schmunzeln einlädt.

Eines ist sicher: Das Stück bietet eine Menge Diskussionspotenzial. Es stellt das Verhalten einer Gesellschaft in Frage, in der Angst und das Einschätzen von Risikofaktoren schon lange auf der Tagesordnung stehen. Es regt zum Fragen nach Problemen an, über die zwar schon viel, aber – wie man sehen wird – noch lange nicht genug nachgedacht wurde und für die es nicht immer eine eindeutige Lösung geben kann.

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