Aachen - In der WG Hasselholz finden junge Erwachsene eine Perspektive

In der WG Hasselholz finden junge Erwachsene eine Perspektive

Von: Christina Handschuhmacher
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Keine berufliche Perspektive, Schulden, Eltern, von denen keine Unterstützung zu erwarten ist: Die Gründe, warum junge Erwachsene in die WG Hasselholz im Aachener Süden einziehen, sind vielfältig. In der Caritas-Einrichtung lernen sie unter anderem, ihren Alltag sinnvoll zu strukturieren, selbstständig einen Haushalt zu führen und entwickeln Zukunftspläne. Foto: stock/chromorange, stock/epd, dpa

Aachen. Ein kühler Abend im Herbst 2012: Hatice hält es zu Hause nicht mehr aus. Sie packt ihre Sachen zusammen, verlässt die Wohnung, sucht Unterschlupf bei einer Freundin. Es ist nicht das erste Mal, dass Hatice von zu Hause abhaut. Aber es ist das erste Mal, dass sie nicht mehr zurückkehren wird.

Hatice will weg. Weg von ihrer Familie, die nie eine richtige Familie für sie war. Heim, Pflegefamilie, Frauenhaus, zwischendurch immer wieder zurück zu den Eltern – so sieht Hatices Kindheit und Jugend aus. Eine feste Anlaufstelle, einen Fixpunkt, gibt es nicht.

Aber bei ihrer Freundin kann Hatice nicht lange bleiben. Zu groß sind dort die eigenen Probleme. Bei einer Beratungsstelle für Frauen in Not bekommt sie die Adresse der Caritas-Wohngemeinschaft Hasselholz, die betreutes Wohnen für junge Erwachsene im Alter von 18 bis 28 Jahren anbietet. Ein Aufnahmegespräch mit Miryam Peters, der Leiterin der Einrichtung, folgt. Dann zieht Hatice ein.

Heute, rund ein Jahr später, sitzt Hatice, die eigentlich anders heißt, aber ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, im Wohnzimmer der WG Hasselholz. „Damals musste alles schnell gehen, weil ich dringend eine Unterkunft gebraucht habe“, sagt sie rückblickend. „Mittlerweile habe ich mich gut eingelebt. Und hier fühle ich mich besser, weil ich selbstbestimmter und freier leben kann.“

Idyllische Umgebung

Hatice ist die Jüngste in der WG, in der derzeit neun junge Menschen im Alter zwischen 19 und 27 Jahren wohnen. Die Wohngemeinschaft liegt in einem weiß getünchten Haus in einer Nebenstraße der Lütticher Straße. Ringsum Einfamilienhäuser, eine flache Hecke grenzt das Haus von der Straße ab, im Vorgarten steht eine alte Birke. Nahezu idyllisch wirkt die Umgebung. Noch vor einigen Jahren lebten Ordensschwestern hier, die das Haus irgendwann als Gästehaus nutzten und es schließlich gar nicht mehr brauchten. Seit 2006 finden junge Erwachsene, die in ihrem Leben noch keinen Halt gefunden haben, hier ein Zuhause auf Zeit und eine Perspektive für ihre Zukunft.

„Bei den Leuten, die hier einziehen wollen, setzen wir ein gewisses Maß an Eigenverantwortlichkeit und eine hohe Motivation voraus. Wir wollen sehen, dass sie auch etwas tun werden, um ihre Ziele zu erreichen“, sagt Miryam Peters, die die WG Hasselholz seit zehn Jahren leitet. Das Konzept der Einrichtung ist in Paragrafen gegossen – die WG Hasselholz bietet betreutes Wohnen gemäß §§ 67 bis 69 Sozialgesetzbuch XII. „Konkret heißt das, dass wir eine Einrichtung sind, die Hilfe zur Überwindung besonderer Schwierigkeiten bietet“, sagt Peters.

Und Schwierigkeiten gab und gibt es im Leben von Hatice und den anderen Bewohnern genug. Viele der jungen Menschen seien nur mit einem Elternteil aufgewachsen, oft habe es Probleme mit dem neuen Partner von Mutter oder Vater gegeben, erzählt Peters. „Kaum jemand, der hier lebt, hatte zuvor ein stabiles familiäres Umfeld. Bindungslosigkeit und Einsamkeit sind große Themen bei den jungen Erwachsenen. Die meisten haben keinen Kontakt mehr zu ihren Familien.“ Peters betont, dass nicht nur junge Menschen aus sozial schwachen Familien in der WG Hasselholz leben. „Hier wohnen genauso junge Erwachsene, die aus finanziell gut gestellten Familien kommen, aber emotional total vernachlässigt worden sind.“

Die Wege, auf denen die jungen Erwachsenen schließlich in die WG gelangen, sind unterschiedlich: Manche kommen über Beratungsstellen, Frauenhäuser oder andere Caritas-Einrichtungen. Andere sind gerade aus der Justizvollzugsanstalt entlassen worden oder sie haben über einen ehemaligen Bewohner von der WG gehört. „Es gibt wenige vergleichbare Einrichtungen in der Städteregion“, sagt Peters. Für junge Erwachsene in Problemsituationen fühle sich leider häufig niemand zuständig.

Allen in der WG Hasselholz ist gemein, dass sie zwar vom Gesetz her als Erwachsene gelten, aber dennoch ihr Leben noch nicht selbstständig meistern können. Die Diplom-Heilpädagogin Miryam Peters, ein Sozialarbeiter und ein Freizeitbetreuer kümmern sich darum, dass sich das ändert.

„Beim Einzug halten wir schriftlich fest, welche Ziele der Bewohner im Laufe der Zeit erreichen will“, sagt Peters. So üben die Betreuer mit den jungen Erwachsenen den Umgang mit Geld, entwickeln schulische und berufliche Perspektiven, geben Hilfestellung – sei es beim Einkaufen und Kochen oder beim Ausfüllen von Anträgen. Sie kümmern sich darum, dass die jungen Erwachsenen Vorsorgetermine beim Arzt wahrnehmen und genauso sorgen sie dafür, dass die Freizeit sinnvoll gestaltet wird – fernab davon den ganzen Tag nur im Bett oder vor dem Fernseher zu verbringen.

Wer gewalttätig wird, fliegt raus

Für das Leben in der WG gibt es feste Spielregeln: keine Drogen. Die Mittags- und Nachtruhe muss eingehalten werden. Die jungen Erwachsenen sollen respektvoll miteinander umgehen. Wer gewalttätig wird, fliegt raus.

Die Bewohner kaufen selbstständig ein, kochen, putzen die Gemeinschaftsräume, jeder hat sein eigenes Zimmer. Es ist fast genauso wie in jeder anderen beliebigen WG in Deutschland auch, nur mit dem Unterschied, dass hier im Notfall noch immer jemand da ist, der helfend einspringen kann.

Auf maximal eineinhalb Jahre ist die Wohnzeit begrenzt. „Unser Ziel ist ja, dass wir eine Übergangslösung sind auf dem Weg zur Selbstständigkeit.“ In Ausnahmefällen kann ein Antrag auf Verlängerung gestellt werden, etwa wenn der Bewohner gerade eine Ausbildung begonnen hat und der Auszug aus der WG den Verlauf der Ausbildung gefährden könnte.

Hatice lebt nun seit über einem Jahr in der WG Hasselholz. Sie ist zur Ruhe gekommen, hat gelernt ihren Alltag zu strukturieren, sich um sich selbst zu kümmern. Momentan nimmt sie an KursAktiv teil, einer sechsmonatigen Maßnahme der Volkshochschule Aachen für arbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene. KursAktiv soll ihnen bei der Berufsorientierung- und vorbereitung helfen.

Und Hatice hat eine Freundin in der WG gefunden: Anne (Name von der Redaktion geändert). Die 23-Jährige lebt seit fünf Monaten am Hasselholzer Weg. Anne ist schon mit 17 zu Hause ausgezogen, lebte mit ihrem Mann zusammen. Als dieser gewalttätig wurde, suchte sie Schutz im Frauenhaus. Zurück nach Hause zu ziehen, war keine Option. Denn auch Anne hat keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. Schließlich kam sie in die WG Hasselholz. „Es tut gut, nicht alleine zu sein. Hier ist es nie langweilig. Wir sind zu neunt fast wie eine große Familie“, sagt Anne.

Anne hat Pläne für die Zukunft geschmiedet: „Ich will ab Februar meinen Realschulabschluss an der VHS nachholen und danach im handwerklichen Bereich arbeiten oder etwas mit Kindern machen.“

Und auch Hatices Ziel steht fest: Sie will Kinderkrankenpflegerin werden. „Ich will das Schritt für Schritt machen. Erst möchte ich einen Ausbildungsplatz finden, dann kann ich mich um eine eigene Wohnung kümmern und wenn irgendwann das Geld reicht, will ich meinen Führerschein machen.“ Die Zeit in der WG Hasselholz bringt Hatice und Anne ihren Zielen ein Stück näher.

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