In der Soers die Liebe des Lebens gefunden

Von: Nina Leßenich
Letzte Aktualisierung:
12527033.jpg
Hier haben sie sich kennengelernt: Bei der Reit-Weltmeisterschaft 2006 sitzen Sharon (62) und Michael Rhode (72) zufällig nebeneinander auf der Mercedes-Benz-Tribüne. Noch heute kommen sie jedes Jahr in die Soers zurück. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Als Sharon Rhode vor zehn Jahren zur Reit-Weltmeisterschaft nach Aachen kommt, hat die damals 52-Jährige der Männerwelt abgeschworen. 20 Jahre nach ihrer Scheidung entschließt sich die Südafrikanerin, in Zukunft lieber alleine zu leben – keine Bemühungen mehr, keine Dates, darauf hat sie keine Lust mehr.

Das schreibt sie ihrer besten Freundin damals per SMS. Sharon Rhode sitzt an diesem Tag im August 2006 auf der Mercedes-Benz-Tribüne im Hauptstadion. Gerade reitet die Russin Alexandra Korelova auf ihrem Schimmel Balagur, einem ehemaligen Polizeipferd, in der Dressurprüfung. Ein unspektakulärer Auftritt – bis die Piaffe kommt. „Wow, that‘s got to be a ten“, sagt Sharon, die selbst Vier-Sterne-Richterin ist. Das müssen zehn Punkte sein. „Yes, I agree“, reagiert der Mann zu ihrer Linken spontan und stimmt ihr zu. Noch am gleichen Abend schreibt Sharon ihrer Freundin erneut eine SMS: „Ich habe einen Mann getroffen.“

Was aus der zufälligen Unterhaltung von Sharon und Michael Rhode wird, ist eine Geschichte, die selbst Hollywood nicht schöner hätte schreiben können. Noch heute, zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung, glitzern ihre Augen, wenn sie die Geschichte erzählen, die ihr Leben verändert hat.

Die Richter geben Balagur damals keine zehn Punkte – und so kommen beide ins Gespräch, diskutieren die Bewertungen der Richter, sprechen über Pferde. Im Gespräch stellen beide fest, dass ihre Lebensgeschichten trotz der großen Distanz zwischen Deutschland und Südafrika eine Gemeinsamkeit haben: Michaels Vetter Elmar Rhode, der auf seinem Pferd Ferris in den 1970er Jahren mehrfach die südafrikanische Meisterschaft gewann. „Ich fragte Sharon damals, ob sie Elmar kenne“, erinnert sich Michael. „Und Sharon sagte: ‚Ja, ich habe einmal sein Pferd geritten.‘“ Auch Elmar Rhode sitzt an diesem Tag neben seinem Vetter im Hauptstadion – und trifft die Frau, die in Afrika einst sein Pferd reiten durfte, so nach über 30 Jahren in Deutschland wieder.

Drei Tage lang sitzen Sharon und Michael auf der Tribüne nebeneinander, reden und diskutieren. „Irgendwann habe ich ihn gefragt, ob seine Frau zum Freestyle-Wettkampf kommt“, erinnert sich Sharon. „Michael war ein sehr netter Mann. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er nicht verheiratet ist“, sagt sie. Als er ihr erzählte, dass er bereits seit zehn Jahren geschieden ist, sei sie sehr überrascht gewesen – so wie er, als er von ihrer Scheidung erfährt. „Wäre er ein Pferd, hätte er neugierig die Ohren aufgerichtet“, sagt Sharon und lacht herzlich.

Am letzten gemeinsamen Abend in der Soers lädt Michael sie zu einem Glas Sekt ein, schaut ihr tief in die Augen und sagt „We met for a reason.“. Wir haben uns aus einem bestimmten Grund getroffen. „Der war ja sowas von direkt“, sagt Sharon bei der Erinnerung an den Abend. Und wird auch zehn Jahre danach fast noch ein wenig rot. „Ich war sprachlos.“

In den darauffolgenden Wochen versuchen der Deutsche und die Südafrikanerin in Kontakt zu bleiben. „Mein Sohn musste mir erst einmal beibringen, wie man E-Mails schreibt“, erinnert sich Michael, der damals bis in die Nacht mit einem Lexikon auf dem Schoß vor dem Computer sitzt, um Nachrichten nach Südafrika zu verschicken.

Doch als Sharon ihn schließlich auf ihren Hof nahe Johannesburg einlädt, zögert Michael zunächst. „Eine Beziehung auf diese Entfernung macht doch keinen Sinn“, denkt er zunächst. Seine Mutter ist es, die ihm damals Mut zuspricht. „Also habe ich mich getraut und bin geflogen“, erinnert er sich.

Im Abstand von ein paar Monaten folgen ein Besuch von Sharon in Deutschland und ein zweiter Besuch von Michael in Südafrika. Dann der Wendepunkt: Sharon wird kurz nach Michaels Abreise vor der Einfahrt zu ihrem Hof überfallen, mit einem Messer bedroht, gefesselt und bei über 30 Grad in der prallen Sonne in ihrem Auto eingeschlossen. „Ich habe Glück, dass ich noch lebe“, sagt Sharon heute. „In Südafrika werden Menschen manchmal wegen eines Handys ermordet.“

Für Michael ist damals klar: Das gefährliche Leben in Südafrika ist nichts für ihn, er will seine Sharon in Sicherheit wissen – in Deutschland. „Das ist gar nicht so einfach“, sagt Sharon damals. Ihr Hof, ihre Computer-Beratungsfirma, ihre Pferde, Hunde und Freunde – sie ist in Südafrika tief verwurzelt. „Für mich war klar: Wenn ich nach Deutschland komme, müssen wir einige Kompromisse machen“, sagt Sharon. „Also sagte er bei seinem nächsten Besuch zu mir: Dann heiraten wir eben. Was sagst du dazu?“, erinnert sie sich. „Und ich habe ja gesagt!“

Obwohl sie die Entscheidung nie bereut hat, sei es ihr damals nicht leichtgefallen, ihr Heimatland zu verlassen, sagt Sharon, die heute beinahe akzentfrei Deutsch spricht. „Ich dachte damals, es dauert sicher eine Weile, bis mit der Firma alles abgewickelt ist und bis ich meinen Hof verkauft habe“, sagt sie. Aber dann geht doch alles ganz schnell: Innerhalb von zwei Wochen ist das Haus verkauft und so fliegt Sharon schneller als gedacht mit ihrem Vater, der besten Freundin, drei Hunden und ihrem Pferd nach Deutschland – wo sie Michael im kleinen Familienkreis heiratet.

Liebesgeschichte im Eilverfahren

Von ihrem ersten Kennenlernen beim Auftritt von Balagur bis zur Hochzeit am 4. September 2007 vergehen ein Jahr und ein Monat – eine Liebesgeschichte im Eilverfahren, sozusagen. „Es ist Schicksal, dass bei uns alles so schnell geklappt hat“, sagt Sharon. „Es passt einfach alles“, meint auch ihr Mann, mit dem sie inzwischen seit neun Jahren verheiratet ist. Dass die beiden glücklich sind, sieht man ihnen an: Immer wieder blicken sie einander lange in die Augen, berühren sich flüchtig, schmunzeln bei der gemeinsamen Erinnerung an ihr Kennenlernen. „We complement each other“, sagt Sharon. Wir ergänzen einander. Das glaubt man ihnen.

Heute leben Michael und Sharon Rhode mit ihren sechs Pferden in Oer-Erkenschwick am nördlichen Rand des Ruhrgebiets – auf einem großen Grundstück mit Fachwerkhaus, Teehaus im Garten, Stall und eigener Reithalle. „Wir sind keine Stadtmenschen“, sagt Michael. „Wir lieben es, wenn morgens schon die Pferde wiehern und wir abends noch einmal kurz im Stall vorbeischauen.“

Einmal im Jahr geht es für die beiden dann aber trotzdem zurück in die Stadt, nach Aachen. Zurück an den Ort, an dem alles angefangen hat. Damit diese Erinnerung nicht verblasst, haben beide von einem von Michaels Söhnen aus erster Ehe ein besonders Hochzeitsgeschenk bekommen: lebenslange Karten für den CHIO.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert