Immer mehr aggressive Gruppen in der Stadt, immer mehr Gewalt

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Im Visier: Den Bushof und sein Umfeld nehmen seit Februar Überwachungskameras der Polizei in den Blick. Im Fall der drei Polizisten, die am Wochenende dort schwer verletzt wurden, half das nicht. Der Tatort am Peterskirchhof lag außerhalb des Blickfeldes der Kameras. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die gute Nachricht vorweg: Die drei Polizeibeamten, die in der Nacht zum Samstag am Peterskirchhof neben dem Bushof durch eine Gruppe junger Männer schwer verletzt wurden, konnten das Krankenhaus wieder verlassen. Die Täter hatten auf die Beamten eingeschlagen und eingetreten – auch gegen die Köpfe der Polizisten. Aber mit den guten Nachrichten war es das dann auch schon.

Denn das Thema Gewalt gegen die eigenen Kollegen treibt die Polizei immer mehr um – und nicht nur die. Auch städtische Bedienstete wie Ordnungskräfte oder Politessen klagen über immer stärker steigende Aggressivität.

Polizeidirektor Wilhelm Sauer kann davon ein Lied singen. Er ist der Chef der Innenstadtinspektion der Aachener Polizei. Und damit liegen Einsatzbrennpunkte wie das Bushofumfeld in seinem Revier. Immer häufiger seien die Beamten großer Aggressivität ausgesetzt, sagt er. Im aktuellen Fall sei es anfangs eigentlich nur um eine Ruhestörung gegangen. Doch dann sei die Situation schnell eskaliert. Mit fatalem Ausgang für die drei Polizisten, die laut Polizeisprecher Paul Kemen auf nicht absehbare Zeit dienstunfähig sind.

Oft Drogen und Alkohol im Spiel

Laut Sauer treffe man immer wieder auf „Gruppen, die sich zusammenrotten“. Fast immer seien Alkohol und Drogen im Spiel. „Das ist nicht mehr wie früher, wo man sich am Sportplatz traf, um mal ein paar Bierchen zu trinken“, sagt der erfahrene Polizist. Vielmehr finde die „Zusammenrottung“ heute im öffentlichen Raum – wie am Bushof – statt. Insbesondere Wettbüros und Spielhallen seien dabei Anlaufpunkte. Auch das könne man zum Beispiel am Bushof, aber auch im Ostviertel beobachten.

Für die Polizei bedeute das Auftreten solcher Gruppen, dass es oft nicht mehr reiche, einen Streifenwagen zu schicken, um eine Situation zu beruhigen. Deshalb greife man an Brennpunkten immer häufiger zum Mittel des Schwerpunktgroßeinsatzes. Am Bushof wurden auch Überwachungskameras installiert, die im aktuellen Fall aber nicht halfen. Der Tatort am Peterskirchhof lag knapp außerhalb des Blickfeldes.

Das Phänomen der Gruppenzusammenrottung hänge auch damit zusammen, „dass diese Leute schlicht Zeit haben und offenbar nicht wissen, wohin damit“. So gelte bei der Polizei mittlerweile der Satz: „Freizeit wird zur Tatzeit.“ Wobei das Gewaltpotenzial deutlich zugenommen habe – und das Alter der Beteiligten immer mehr abgenommen. „Früher war es die Ausnahme, wenn mal ein 14-Jähriger dabei war. Das ist heute schon fast normal“, stellt der Polizeidirektor fest. Meist handele es sich um Jugendliche um die 16, 17 Jahre. Auch bei dem Fall am Peterskirchhof waren bis auf einen 31-Jährigen alle Tatverdächtigen im jugendlichen Alter.

Die Polizei versucht sich indes so gut es geht auf die hohe Gewaltbereitschaft einzustellen. „Wir orientieren uns im Training verstärkt daran“, berichtet Sauer. So werde zum Beispiel trainiert, dass man mit allen Mitteln versuchen müsse, wieder auf die Beine zu kommen, wenn man am Boden liegt. So hätten auch die betroffenen Beamten am Wochenende instinktiv gehandelt.

Was sie möglicherweise von noch schlimmeren Folgen bewahrte. Zunächst nur zu zweit, schafften die Polizisten es letztlich gerade noch, Verstärkung zu rufen. Ein weiterer Trainingsschwerpunkt sei „interkulturelle Kompetenz“, um Körpersprache und Verhalten ausländischer Beteiligter besser einschätzen zu können. „Da kann eine für uns aggressiv wirkende Geste in diesem Kulturkreis völlig normal sein. Das muss man wissen“, so Sauer.

Falschparkerin geht auf Politesse los

Dass kurz nach dem Übergriff auf die drei Polizisten am Montag in der Düppelstraße eine Politesse von einer Autofahrerin gebissen wurde, passt da ins Bild. Denn auch bei der Stadt verzeichnet man eine deutliche Zunahme an Gewalttaten und Beleidigungen gegenüber städtischen Bediensteten, wie Rita Klösges vom städtischen Presseamt bestätigt.

Die Politesse hatte die Frau zum Weiterfahren aufgefordert, als diese mit ihrem Wagen im absoluten Halteverbot vor einer Schule stand. Stattdessen stiegen laut Stadt und Polizei Fahrerin und Beifahrerin aus und attackierten die Mitarbeiterin des Ordnungsamts, die einen Biss in den rechten Zeigefinger und eine Verletzung am Hals erlitt und zur Behandlung ins Krankenhaus gebracht wurde.

Bei der Stadt versuche man solchen Fällen zu begegnen, so Klösges. An Brennpunkten seien die Kollegen des Ordnungsamts schon länger immer mindestens zu zweit unterwegs. Außerdem habe die Politik zuletzt 200.000 Euro zum besseren Schutz der städtischen Mitarbeiter bereitgestellt – unter anderem auch für Sicherheitsdienste. Einen solchen gibt es beispielsweise seit Juli 2016 im Verwaltungshochhaus am Hauptbahnhof. Offensichtlich eine sinnvolle Investition: Bis September dieses Jahres verzeichnete die Security dort 175 Einsätze ...

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