Im Wiesental wächst Vertrauen

Von: Oliver Schmetz
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Der plakative Protest hatte Er
Der plakative Protest hatte Erfolg: In der Gartenkolonie Wiesental im Aachener Norden fällt keine einzige Parzelle weg. Das hatte vor Jahresfrist noch ganz anders ausgesehen. Damals wurden Pläne bekannt, nach denen insgesamt 40 Gärten hätten weichen müssen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Vor einem guten Jahr stand in diesem Vereinsheim im Wiesental Gisela Nacken auf der Bühne, legte den Gastgebern das Mikro auf den Tisch und verließ wutentbrannt den Saal. Zorn war der Planungsdezernentin entgegengeschlagen, üble Anfeindungen musste sie sich anhören, die Atmosphäre war vergiftet.

Jetzt stehen dort Petra Senden, Sprecherin der Kleingärtner im Wiesental, und Nackens Kollege Martin Fauck, kommissarischer Leiter des städtischen Planungsbereichs, und überschütten sich gegenseitig förmlich mit Lob und Freundlichkeiten. Die Stimmung ist gelöst, heiter, und am Ende, da drücken die beiden sich sogar.

Freundschaftliche Umarmung statt erboster Abgang - es hat sich einiges verändert in diesem einen Jahr. 32 Kleingärten wollte die Stadt seinerzeit im Zuge des Projekts „Soziale Stadt Aachen-Nord” dafür opfern, dass breite „Grünfugen” die Gartenkolonie durchschneiden und neue Wege zur Wurm öffnen.

Acht weitere Gärten sollten in einem späteren Planungsschritt über die Klinge springen. Doch dieser Plan ist Geschichte: Denn am Freitag haben die Stadt, der Kleingartenverein, der Stadtverband der Familiengärtner und die Gewoge vertraglich vereinbart, dass im Wiesental kein einziger Kleingärtner den Garten, den er hat, verlieren wird. „Wir haben es geschafft”, sagt Josef Mandelartz, Vorsitzender des Kleingartenvereins, dort oben auf der Bühne, wo vor Jahresfrist noch die Fetzen flogen.

Dass im Wiesental jetzt Vertrauen wächst und gedeiht, danach hatte es damals nicht ausgesehen. Zu verhärtet schienen die Fronten: hier Verwaltung und schwarz-grüne Ratsmehrheit, die ihre Pläne verteidigten und zunächst auch knallhart durchziehen wollten, dort die Kleingärtner, die um ihre Idylle fürchteten, die die „Arroganz der Planer” beklagten und sich schließlich dagegen auflehnten. Es war die wohl erste Kleingärtnerdemo Aachens, die die Politik nachhaltig beeindruckte und ein Umdenken provozierte. Mediation statt Konfrontation hieß die Losung, ein Vermittlungsverfahren wurde in Gang gesetzt.

Das ist an diesem Freitag nun offiziell beendet, und zwar sehr erfolgreich. Und deshalb ist es auch kein Wunder, dass dem Mediator Michael W. Stahlmann an diesem Nachmittag besonders viele Menschen auf die Schulter klopfen. Der bedankt sich bei den früheren Konfliktparteien, die den Weg „vom Entweder-oder zum Sowohl-als-auch” gefunden hätten: „Sie haben sich zugehört, sich aufeinander eingelassen und sich nicht an der Vergangenheit festgehalten.”

Martin Fauck schildert im Rückblick auf ein „ganz spannendes Jahr”, wie er sich die Anlage damals ansah, mit den Leuten sprach und sie plötzlich verstand: „Ich konnte ganz schnell nachvollziehen, warum das hier so eine Bedeutung hat und warum Sie aufgestanden sind, um das zu verteidigen.” Und Petra Senden fasst das in fünf intensiven Mediationsrunden gewachsene Vertrauen in einen bemerkenswerten Satz: „Wir haben das Nein-Sagen komplett verlernt.”

Die „Wiesentaler” sagen nun zum Beispiel Ja zum Wunsch der Stadt, die Anlage für alle Bürger mehr zur Wurm hin zu öffnen. Allerdings werden dafür zwei bestehende Wege in der Kolonie aufgewertet und neue Ausgänge zur Wurm geschaffen - jedoch während der üblichen Öffnungszeiten. Ein dritter Weg soll am Rand der Anlage über das Gelände der benachbarten Schule verlaufen. Das Hausrecht bleibt indes bei den Kleingärtnern. Das heißt: Die Besucher müssen sich benehmen, keiner darf etwa mit dem Fahrrad durch die Kolonie brettern.

Oberhalb des Areals will die Gewoge überdies eine Aussichtsterrasse mit Blick auf die Wurm anlegen, innerhalb der Kolonie soll ein Landschaftsarchitekt Ideen zur Verschönerung entwickeln. Und falls demnächst einmal eine Parzelle frei werde, könne man ja überlegen, ob man dort nicht einen „Attraktivitätspunkt” - zum Beispiel einen Lehrgarten - anlege, meint Fauck.

Allerdings gehe das künftig nur mit den Kleingärtnern zusammen und nicht über deren Köpfe hinweg, betont Senden: „Das Wichtigste ist, dass wir zu jedem Stein, der hier bewegt wird, gefragt werden.”

Doch bei so viel Harmonie, wie an diesem Nachmittag verbreitet wird, kann man sich Konflikte im Wiesental kaum noch vorstellen. Einzig Heijo Plum, Vorsitzender des Stadtverbandes der Kleingärtner, streut dezent ein paar kritische Töne ein, als er daran erinnert, wie heftig das „Reizthema” damals die Gemüter erhitzt hat, zumal „vorher ja schon 164 Gärten für den Tivoli geopfert worden sind”. Doch dann tut er das, was Verbandvorsitzende besonders gerne tun, und verleiht Petra Senden und Josef Mandelartz für ihr Engagement die silberne bzw. goldene Ehrennadel.

Da fließen dann nicht zum ersten Mal an diesem Tag auch ein paar Tränchen. Die hatte Mandelartz schon vor einem guten Jahr in den Augen, als er auf der Bühne im Vereinsheim einen flammenden Appell an Politik und Verwaltung richtete: „Bitte”, rief er damals in den Saal, „bitte teilen Sie unsere Kolonie nicht.” Jetzt steht er wieder da oben, mit Tränen in den Augen. Und freut sich einfach nur.
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