Im Stadtbetrieb brennt's lichterloh

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Demnächst überflüssig? Deze
Demnächst überflüssig? Dezernent Lothar Barth hat die Idee, die „Seitenlader”-Technik bei der Müllabfuhr einzuführen. Das würde manchen Arbeitsplatz überflüssig machen und sorgt für Ängste im Stadtbetrieb.

Aachen. Frustrierte und verunsicherte Kollegen, die unberechtigte Kritik an ihrer Arbeit beklagen und teils um ihre Jobs fürchten, ein Personalrat, der heftigste Vorwürfe erhebt, und ein zuständiger Dezernent, der sich das alles nicht erklären kann - beim Aachener Stadtbetrieb ist ordentlich Feuer unter dem Dach.

„Hier brennt es an vielen Stellen”, sagt Marc Topp (Verdi), Personalratsvorsitzender des Stadtbetriebs, der auch dem gesamtstädtischen Personalrat vorsteht. „Hier ist so viel Dampf auf dem Kessel, dass wir größte Mühe haben, die Leute zu beruhigen, damit uns nicht der ganze Laden um die Ohren fliegt.”

Es geht um Umstrukturierungen in dem 650 Mitarbeiter zählenden städtischen Eigenbetrieb, um Befürchtungen, die die Belegschaft hegt, und um einen städtischen Personaldezernenten, der offenbar extrem polarisiert: Denn speziell gegen Dr. Lothar Barth, seit Anfang des Jahres in städtischen Diensten, richten sich die Vorwürfe. Und dabei legt Topp verbal selber Feuer an die Lunte, denn seine Kritik ist an Heftigkeit kaum zu überbieten.

Als „menschlich unterirdisch” bezeichnet Topp Barths Vorgehen in Sachen Stadtbetrieb und wirft ihm „schlechten Umgang mit den Mitarbeitern vor”. Mit dem Dezernenten habe bislang kein Dialog stattfinden können, sagt Topp. Er sei darüber „aufs Äußerste enttäuscht”. Das Verhältnis sei „auf dem Nullpunkt und steigert sich von Tag zu Tag - nach unten”.

Topp betont, dass er nicht auf einen Konflikt aus sei, sein Vorpreschen sei ein „Hilferuf”. Und an OB Marcel Philipp richtet er mit seiner Stellvertreterin Erika Meuter deutliche Worte: „Wir appellieren dringend an den OB, diesen Menschen in seinem Handeln und Tun zu stoppen.” Auch Hubert Meyers (Komba) als stellvertretender Gesamtpersonalratsvorsitzender, verlangt „ein klares Bekenntnis zum Stadtbetrieb”. Leiter Franz Narloch habe es nicht verdient, wie hier mit ihm umgegangen werde.

Barth reagiert mit Unverständnis und Betroffenheit auf die Vorwürfe. „Das ist unglaublich, ich habe dem Personalrat nichts getan.” Mit Abteilungsleitern des Stadtbetriebs habe er jüngst ein positives Gespräch gehabt, in dem Blockaden und Fehleinschätzungen ausgeräumt worden seien. Er habe auch eingeräumt, einigen zu viel zugemutet zu haben, sagt Barth und betont: „Ich bin ein Dezernent, der etwas bewegen will, aber ich bin doch kein Rambo.”

Dass der Personalrat den Dezernenten so attackiert, hängt damit zusammen, dass man die Info erhalten hat, Barth löse im September den Stadtbetriebschef Franz Narloch kurz vor dessen Pensionierung kommissarisch als Leiter ab - das ist der Vorgang, den Topp als „menschlich unterirdisch” bezeichnet. Barth dementiert entschieden, dass Narloch „abgesägt” werden solle. Wenn überhaupt, werde er mit Narloch gemeinsam den Übergang gewährleisten, bis eine neue Doppelspitze für den Stadtbetrieb gefunden sei.


Heftig kritisiert Topp auch, dass Barth die Müllabfuhr umkrempeln wolle und die Einführung von Seitenlader-Fahrzeugen plane. Dafür müssten die Bürger die Tonnen an den Straßenrand stellen, damit ein automatischer Greifarm sie packen kann. „Das würde 60 bis 70 Beschäftigte überflüssig machen und ist in der Innenstadt überhaupt nicht praktikabel”, sagt er. Barth bestätigt, dass man sich die neue Technik anschaue, aber keiner um seinen Job fürchten müsse. „Es gibt in dieser Stadtverwaltung keine betriebsbedingten Kündigungen”, beteuert er. Und im Übrigen müsse über eine Einführung ohnehin die Politik entscheiden.

In der ebenfalls gescholtenen Politik - in einem Brief des Personalrats an den OB ist von „politischen Machenschaften” die Rede - herrscht Unverständnis über die Attacken. Ulla Griepentrog (Grüne) wie auch Peter Blum (FDP) sagen, dass „es hier nicht um die Entlassung von Herrn Narloch geht”. Vielmehr gehe er Ende 2012 in Ruhestand. Da sich die Ausschreibung für eine Nachfolge verzögert habe, brauche man jemanden für den Übergang. Mit Narloch solle Barth diesen Übergang gestalten.

„Die jetzige Stimmungsmache wirft uns zurück an einen Punkt, den wir schon überwunden hatten”, ärgert sich Griepentrog. Die Umstrukturierung des Grünflächenbereichs sei indes dringend notwendig, denn da habe der Stadtbetrieb einen „Geburtsfehler”. Bald soll es einen Auftraggeber - den Fachbereich Umwelt, bei dem die Fäden zusammenlaufen - geben und einen Auftragnehmer, den Stadtbetrieb. Topp betont indes, dass man Reformen nicht ablehne, aber mehr Geld benötige: „Man zwingt uns, so zu arbeiten wie jetzt, weil wir keine Knete kriegen, und dann wird uns noch gesagt, ihr macht eine Scheißarbeit.”

Überhaupt kein Thema ist für die Politik besagte Änderung bei der Müllabfuhr. Das werde man nicht umsetzen. Dass der Stadtrat bald die für die Doppelspitze notwendige Satzungsänderung vornimmt, davon geht Claus Haase als Vorsitzender des Betriebsausschusses für den Stadtbetrieb aus. Er findet die Formulierung „politische Machenschaften” im Brief an den OB „sehr unglücklich: Das könnte mancher für eine Frechheit halten”.

Wie es weitergeht? Montag hat Topp einen Termin beim OB, am Mittwoch findet eine außerordentliche Betriebsversammlung im Stadtbetrieb statt. Laut Topp haben die Gewerkschaften signalisiert, angesichts der Zustände im Stadtbetrieb zu prüfen, den Haustarifvertrag vorzeitig zu kündigen - mit allen Konsequenzen, die auch Streik heißen können. Beim Stadtbetrieb ist nicht nur Feuer unterm Dach, es riecht auch kräftig nach verbrannter Erde.


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