Im Sparrings-Ring herrscht soziale Gleichheit

Von: Hans-Peter Leisten
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Fitness, Ausdauer, Fairness und Disziplin: Nach diesem Rezept arbeiten die Boxtrainer rund um Abteilungsleiter Josef Gottfried im Box-Gym des PTSV Aachen in der Nadelfabrik am Reichsweg. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Josef Gottfried erlebt derzeit turbulente Zeiten, wogegen er aber gar nichts hat. Denn der Verein, zu dem seine Box-Abteilung gehört, der PTSV Aachen, erlebt grundsätzlich einen Aufschwung. Die Abteilung selbst hat in der Nadelfabrik am Reichsweg mit dem so genannten „Box Gym“ eine neue Heimat gefunden. Dort findet die Abteilung optimale Voraussetzungen für den Boxsport. Inzwischen sind die Kapazitätsgrenzen erreicht.

Aber nach Hause würden Josef Gottfried und seine Trainer einen jungen Menschen niemals schicken. Über die soziale Verantwortung des „Box-Gym“, die Herbst-Reise der Abteilung ins Box-Mekka Kuba und den Imagewandel des Box-Sports berichtet der PTSV-Abteilungsleiter in unserem Samstagsinterview.

Was antwortet ein überzeugter Box-Fan auf die Einschätzung, Boxen sei ein Sport für ein spezielles Milieu und nicht frei von aggressiven Elementen?

Gottfried: Darauf kann man ganz viel antworten. Zum Beispiel, dass Boxen einen enormen Imagewandel erlebt hat. Spätestens seit Henry Maske ist der Sport absolut salonfähig geworden. Ihre genannte Einschätzung resultiert aber auch aus der Tatsache, dass in der breiten Öffentlichkeit lange kein Unterschied zwischen Amateuren und Profis gemacht wurde. Die Glamour-Welt des Profiboxens gibt es im Amateurboxen nicht. Und es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die den aggressionsmindernden Charakter des Boxens belegen. Aggression hat im olympischen Boxen nichts zu suchen.

Wie sieht denn Ihr Training aus?

Gottfried: Was wir machen, ist Hochleistungssport. Wir trainieren fünf bis sechs Mal in der Woche, die Senioren genauso wie die Junioren. Das Training ist sehr komplex und umfasst Ausdauer genauso wie Schnelligkeit und vor allem Koordination – für alle Körperteile, die Arme genauso wie die Beine.

Dann können bei Ihnen nur leistungsorientierte Sportler mitmachen?

Gottfried: Nein. Wir unterscheiden beim PTSV zwei Säulen: Die eine besteht aus Fitness und Breitensport, die andere aus Leistungs- und Wettkampfsport. Und natürlich fangen alle in der Regel erst einmal mit der ersten Sparte an. Angesichts der Tatsache, dass die Kinder und Jugendlichen bis 16 Uhr in der Schule sind und die Zeiten bis zum Abitur verkürzt sind, wird es immer schwieriger, in den Wettkampfsport einzusteigen. Vor einem Wettkampf stehen in jedem Fall etliche Sparringskämpfe. Wir sagen aber auch, wenn es am Talent fehlt. Das heißt ja nicht, dass der- oder diejenige bei uns nicht mehr willkommen ist.

Diejenige? Bei Ihnen trainieren also auch Mädchen und Frauen?

Gottfried: Klar. Besonders seit Regina Halmich und Dr. Christine Theiss. Die jungen Frauen sind heutzutage viel selbstbewusster und viel fitnessorientierter.

Ab welchem Alter kann man bei Ihnen mitmachen?

Gottfried: Ab acht Jahren. Kinder sollten sich aber nicht zu früh spezialisieren, ab zehn Jahren können sie in den Wettkampfsport.

Wie sieht das Training im Grundsatz aus?

Gottfried: Am Anfang steht das Aufwärmen, es folgen Gymnastik und die Grundschulung mit Führhand und Schlaghand. Es wird aber mehr auf Fitness, Schnelligkeit und Ausdauer geachtet, bei der der ganze Körper gefordert ist.

Wird so auch der Verletzungsgefahr entgegengewirkt?

Gottfried: Die kann man beim olympischen Boxen so gut wie ausschließen.

Wie viele Mitglieder haben Sie und wie viele davon gehören zur Jugendabteilung?

Gottfried: Die Zahlen sind seit dem Einzug in die Nadelfabrik rasant gestiegen. Früher hatten wir um die 100 Mitglieder, aktuell sind wir bei rund 250. Davon gehören 80 in den Jugendbereich.

Wo liegt Ihr Einzugsgebiet?

Gottfried: 65 Prozent kommen aus dem Ostviertel. Das sagt aber nichts über die gesellschaftliche Zugehörigkeit aus. Hier darf niemanden interessieren, ob jemand vom Gymnasium kommt oder von der Förderschule – und es interessiert auch niemanden. Die Deutschen Meister gehören in dieselbe Gemeinschaft wie die Neulinge. Bei uns ist auch ein Junge mit geistigem Handicap voll integriert. Daher war für uns auch der Standort extrem wichtig. Ein Box-Gym muss dahin gehen, wo die Jugendlichen leben. Sonst erreicht man sie nicht.

Das heißt, dass Sie keine sozialen Probleme kennen?

Gottfried: Davon kann man nur träumen. Natürlich merken wir die sozialen Probleme, aber wir sind keine Jugend-OT und kennen als Boxer unsere Grenzen. Wir begegnen diesen Problemen mit unseren Mitteln.

Die da sind?

Gottfried: Eine wichtige Voraussetzung ist, dass sechs lizensierte Trainer das Training leiten. Hinzu kommt aber – und das ist sehr wichtig: Bei jedem Training ist ein Sozialarbeiter aus der Sozialeinrichtung „In Via“ – unser Kooperationspartner – dabei. Und es herrschen ganz strikte Regeln.

Welche?

Gottfried: Zunächst müssen sich alle auf Deutsch unterhalten. Das verhindert zum einen, dass unbemerkt über jemanden gesprochen wird und zum zweiten, dass sich Grüppchen verschiedener nationaler Herkunft bilden können. Zweitens achten wir sehr auf Pünktlichkeit. Es gibt bei Verspätungen zweimal eine Ermahnung, beim dritten Mal geht es nach Hause. Desweiteren achten wir sehr auf Sauberkeit bei der Ausübung unseres Sports. Dies alles dient im Verbund der Disziplin, die ein wesentlicher Aspekt des Boxens ist.

Denn eines ist ganz entscheidend: Wir bilden keine Schläger aus! Wer seine hier erlernte Boxtechnik draußen anwendet, kann gehen. Es kommt darauf an, seinen Körper und seine Grenzen kennenzulernen. Kraft, Emotionen und Wut müssen immer beherrscht sein. Man kann sich gerne bei uns davon überzeugen: Wer zwei Minuten am Sandsack trainiert hat, bei dem ist der Druck raus.

Aber das will auch erst gelernt sein. Gerade bei Jugendlichen, die vielleicht nicht das perfekt-harmonische Umfeld zu Hause haben.

Gottfried: Für so etwas müssen unsere Trainer ein Gespür haben und positiv motivieren. Die jungen Menschen suchen Anerkennung und sollen sie bei uns finden. Hier helfen Lob und positive Motivation. Sie müssen dann selbst etwas daraus machen. Um ein Bild zu bemühen: Wir können die Pferde nur zur Tränke führen – trinken müssen sie selber. Wir stehen im Übrigen auch vor einer Kooperation mit dem Geschwister-Scholl-Gymnasium. Die Schule würde das nicht machen, wenn unser Konzept nicht stimmig wäre. Boxen ist absolut als Schulsport geeignet.

Was machen Sie denn, wenn sich jemand die Ausrüstung nicht leisten kann?

Gottfried: Dann müssen wir zur Stelle sein. Hier hilft uns die Initiative „Jugend im Kampf gegen Gewalt“ außerordentlich weiter. Sie stellt dem PTSV dann Ausrüstungen zur Verfügung, wenn das Geld fehlt. Der feste Box-Ring ist eine ihrer Spenden, wir bekommen den Teambus für unsere Fahrten gestellt und haben auch Unterstützung bei unseren Kämpfen. Seit 2010 haben wir zu Geschäftsführer Walter Küpper Kontakt. Ohne die Initiative wäre einiges nicht möglich. Über Walter Küpper ist letztlich auch unsere Kuba-Reise vermittelt worden.

Kuba-Reise?

Gottfried: Walter Küpper konnte als Förderer der Initiative die Reiseagentur SoliArenas gewinnen, die auf Kuba-Reisen spezialisiert ist. Sie hat Kontakt zur kubanischen Boxakademie hergestellt. Daraus ist dann die Idee einer Trainingsreise für unsere Jugendlichen nach Kuba entstanden, die die Agentur weitgehend finanziert.

Wie sieht die Reise aus?

Gottfried: Was Brasilien für den Fußball ist, ist Kuba fürs Boxen. Die Reise dauert vom 3. bis 11. September. Unsere Boxer dürfen in die Trainingsakademie in Havanna, mit der kubanischen Nationalmannschaft trainieren und auch in einem Städtevergleichskampf antreten. Diese Reise dürfte den Zusammenhalt nochmals fördern.

Hat die Reise auch einen sozialen Aspekt?

Gottfried: Man muss klar sagen: Für viele unserer Jugendlichen bedeutet Sommerferien Abhängen im Park. Wegfahren kennen viele nicht. Sie sollen natürlich auch Land und Leute kennenlernen. Und vielleicht erkennt manch einer im Vergleich auch, in welch tollem Land wir hier in Deutschland leben.

Haben Sie angesichts dieser Perspektiven keine Angst, aus allen Nähten zu platzen?

Gottfried: Wir hatten schon erwartet, dass die neuen Möglichkeiten in der Nadelfabrik gut angenommen werden. Aber nicht, dass sie so gut angenommen werden. Auch für uns stand trotz sechs- bis siebenjähriger Planung nicht fest, dass unser Trainerteam so gut harmonieren würde. Ideal ist auch, dass wir unser Lauftraining im benachbarten Kennedypark absolvieren können. Streng genommen müssten wir uns wieder vergrößern, aber das ist im Moment eher Wunschdenken.

Bekommen Ihre Spitzensportler eigentlich Prämien?

Gottfried: Keinen Cent, auch die Deutschen Meister nicht. Wir finanzieren die komplette Ausbildung und übernehmen die Kosten. Der Leistungssport verlangt sehr viel. Aber wenn wir Prämien zahlen würden, ginge dieses Geld der Jugendarbeit verloren. Wir sind nicht nur ein e.V., um Spendenquittungen auszustellen. Wir haben eine soziale Verantwortung.

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