Im Sozialwerk grassiert das Theatervirus

Von: Matthias Hinrichs
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Freuen sich auf garantiert loh
Freuen sich auf garantiert lohnenswerte Exkursionen ins Theater: Andrea Zinnen und Thorsten Moitzheim (von vorn) gehören zu den ersten Azubis im Sozialwerk Aachener Christen, die das neue Angebot gern angenommen haben. Mindestens genauso gespannt: Dr. Götz Dyckerhoff (Toni-Jansen-Stiftung), Mira Loos und Michael Schmitz-Aufterbeck (Theater Aachen), Dr. Ingrid Böttcher (Theater Initiative), Melanie Völl (Sozialwerk),
Dr. Adolf Bartz (Theater Initiative) und Dieter Genten (Sozialwerk, von links). Foto:s: Andreas Herrmann Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Gut, an manches muss man sich ein bisschen gewöhnen. Aber das macht Spaß und lohnt sich! Abschalten ist allenfalls angesagt, wenns ums Handy geht. An der Kasse gibts kein Popcorn. Dafür muss man keine stundenlangen Reklame-Ouvertüren über sich ergehen lassen, bevor der Vorhang sich hebt.

Und bei der „Schnupperpremiere” im vergangenen Sommer sitzt ein knappes Dutzend junger Menschen gleich in der allerersten Reihe. So manche(r) von ihnen hat bei der Aufführung des sozialkritischen Dramas „Der Goldene Drache” das erste Mal in seinem Leben waschechte Schauspieler direkt vor der Nase - jedenfalls auf einer waschechten Schauspielbühne. Sozusagen großes Kino ohne Kino. „Das Stück war am Anfang ganz schön verwirrend”, sagt Thorsten Moitzheim hinterher. „Aber wie die einzelnen Geschichten am Ende zusammengeführt wurden - das fand ich echt genial!”

Na also. Der 22-jährige angehende Kaufmann hat sich ruckzuck anstecken lassen vom berühmten Theatervirus. Genau wie Andrea Zinnen, 20, die eine Ausbildung zur Fachverkäuferin macht. Mit acht weiteren „Kollegen” im Sozialwerk Aachener Christen haben die beiden kürzlich selbst mit für eine Premiere ganz anderer Art gesorgt. Möglich gemacht hat das die Theater Initiative Aachen mit einem höchst vielversprechenden Projekt: „Wir freuen uns sehr, dass unsere neue Kooperation mit dem Sozialwerk und dem Theater Aachen gleich zum Start so hervorragende Resonanz findet”, sagt Dr. Ingrid Böttcher, Vorsitzende der Initiative.

Denn eigentlich war es gar nicht so schwer, die jungen Leute da abzuholen, wo sie stehen, wie man so sagt. Und die berühmten Hemmschwellen am Portal zum Kunsthort kurzerhand aus dem Weg zu räumen. Kürzlich nämlich hat der Verein die Verantwortlichen der Ausbildungs- und Qualifizierungsstätte für Jugendliche mit Vermittlungshemmnissen, wie das im Amtsdeutsch heißt, für eine „Inszenierung” gewinnen können, deren Ziel ebenso einfach umrissen wie effektiv zu realisieren ist: „Wir wollen, dass viel mehr Menschen mit sozial schwierigem Hintergrund die buchstäblich lebendige Kultur in unserer Stadt kennenlernen, sich mit ihr auseinandersetzen und so auch langfristig dabeibleiben”, erläutert Ingrid Böttcher.

Nicht nur Dr. Götz Dyckerhoff vom Vorstand der Toni-Jansen-Stiftung, die das Sozialwerk seit Jahr und Tag maßgeblich unterstützt, und Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck waren sofort Feuer und Flamme, als es darum ging, den oft formulierten Anspruch in ein konkretes Konzept zu gießen. Und Melanie Völl, frisch gebackene Projektleiterin beim Sozialwerk, erhielt gleich 22 „Bewerbungen”, als sie per Aushang nachfragte, wer Interesse habe, das Theater nicht nur als Zuschauer kennenzulernen, sondern dabei auch gründliche Blicke hinter die Kulissen zu werfen - zum Nulltarif.

„Die Initiative steht und fällt mit Sponsoren”, berichtet Ingrid Böttcher. Sie können mit einem Beitrag von 100 Euro eine „Patenschaft” zwecks Finanzierung übernehmen. Immerhin zehn potenzielle Bühnenfans sind somit beim Start des Projekts dabei. Sie werden nun unter anderem die aktuellen Stücke „Tschick”, „Verrücktes Blut” und die Humperdinck-Oper „Hänsel und Gretel” gemeinsam besuchen.

Und sie werden auch sonst keinesfalls allein gelassen. Mit Theaterpädagogin Mira Loos können sie Einblicke in die künstlerische und technische Vorbereitung der Inszenierungen nehmen, den einen oder anderen Regisseur, Schauspieler oder Bühnenbildner kennenlernen. Und sich im Nachhinein austauschen.

Begleitet werden sie dabei nicht zuletzt von Adolf Bartz, der als ehemaliger Direktor des Couven-Gymnasiums und Mitglied der Theater Initiative mit sichtlicher Begeisterung dabei ist, wenn es darum geht, das Projekt ab sofort in allen seinen Phasen zu dokumentieren. „Wir hoffen sehr, dass die Kooperation auch langfristig zu greifbaren Erfolgen führt”, sagt Bartz. Denn: „Es darf nicht sein, dass Theater und Kultur im Allgemeinen zu einer Veranstaltung für Eliten wird”, unterstreicht Schmitz-Aufterbeck. „Gerade in einer Zeit, in der die soziale Schere weiter auseinandergeht, müssen wir für mehr Teilhabe sorgen.”

Thorsten Moitzheim sagt das mit seinen Worten so: „Natürlich haben wir die Stücke gemeinsam aussuchen können - beim ersten Mal war es jedenfalls sehr interessant, sich hinterher darüber zu unterhalten, wie die Inszenierung bei den anderen angekommen ist.” Mindestens sechs Aufführungen wollen die frisch gebackenen Bühnen-Fans sich im Laufe der Spielzeit „erarbeiten”. Schon der Blick in ihre Gesichter zeigt, dass sie daran mächtig Spaß haben - auch ohne Handy und Popcorn.

Spenden willkommen: Wer möchte Pate werden?

Wer das Projekt unter dem Titel „Kultur ist für alle da!” unterstützen möchte, kann eine Patenschaft finanzieren: 100 Euro sind nötig, um einem Auszubildenden beim Sozialwerk für eine Spielzeit die Teilnahme zu ermöglichen. Infos gibt es unter theaterinitiative.de, per Mail unter kontakt@theaterinitiative.de sowie unter Telefon 0241/8906648.

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