Aachen - Im Räumfahrzeug durch die Aachener Nacht

Im Räumfahrzeug durch die Aachener Nacht

Von: Sarah Sillius
Letzte Aktualisierung:
schnee-bu
Eine harte Winternacht: Mit dem tonnenschweren orangen Räumfahrzeug kämpfte gestern Nacht Eugen Heinrich, wie Dutzende seiner Kollegen, gegen Schneemassen und extreme Glätte auf den Straßen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Von oben Flocken, von unten Eis - und hinten schleudert der Teller des Räumfahrzeugs Streugut auf verschneite Straßen. Am Lenkrad des tonnenschweren, orangen Boliden sitzt Eugen Heinrich. In der Nacht auf Donnerstag kämpfen der 47-Jährige und Dutzende Kollegen des Aachener Stadtbetriebs gegen den verschärften Wintereinbruch in Aachen.

Gemeldet sind 15 Zentimeter Neuschnee bis zum Morgen. Die Straßen sind spiegelglatt.

Viele Verkehrsteilnehmer verlieren trotzdem den Kampf gegen Eis und Schnee: In der Stadt meldet die Polizei bis Mitternacht reihenweise Blechschäden, verletzt wird aber niemand. Mehrere Straßen müssen zeitweise gesperrt werden - etwa die Lütticher Straße, auf der zwei Bäume umfielen. Am Napoleonsberg hängt schon gegen 17 Uhr ein Bus fest, der Verkehr aus Aachen muss in Brand bis 18 Uhr umgeleitet werden.

Im Frühling, Sommer und Herbst ist Heinrich zuständig für die Straßenreinigung. Für Sauberkeit. Dann kurvt er mit einer Kehrmaschine durch die Stadt. Jetzt ist Winterdienst mit einem der großen Räumfahrzeuge angesagt. Rund acht Tonnen Streugut inklusive Salz hat er an Bord. Um 18.15 Uhr setzt er das drei Meter breite Gefährt in Gang. Vom Stadtbetriebshof am Madrider Ring arbeitet er sich zuerst Richtung Hitfeld vor. Der Schnee fegt an der Windschutzscheibe vorbei. Vom Steuerpult aus regelt Heinrich die Streumenge. „Normal sind 10 Gramm pro Quadratmeter”, erklärt er.

Es sollte die bislang härteste Nacht in diesem Winter werden, sagt Heinrich, und er muss es schließlich wissen. „Bei einer Temperatur von null bis drei Grad, zwischen Gefrierpunkt und Tau, ist es am gefährlichsten.” Und genau diese Temperaturen sind prognostiziert. Heinrich schaltet den Allradantrieb ein.

„Diese Woche hab´ ich Rufbereitschaft”, erzählt er. In so einer Nacht muss er natürlich ran. Aber das stört den Russlanddeutschen nicht, Butterbrote und Mandarinen hat seine Frau ihm eingepackt. „Tagsüber in der Stadt ist es oft chaotisch, aber nachts macht mir das Spaß. Dann, wenn sonst kaum einer auf der Straße ist.”

Nur manchmal ärgert er sich über die Autofahrer, die kein Verständnis für die Räumfahrzeuge aufbringen. „Diese Woche hat mich wieder einer überholt und mir den Stinkefinger gezeigt”, erzählt er. „Aber 99 Prozent der Autofahrer haben Verständnis.”

Dann hat er endlich den Kornelimünsterweg erreicht. „Da hinten ist eine sehr gefährliche Kurve, da muss ich maximal abstreuen”, sagt Heinrich, fährt langsamer und verdoppelt die Streumenge. Ähnlich gefährlich wie diese Stelle seien sonst nur die Reimser Straße und der Ronheider Berg.

Ein Blick in den Rückspiegel. „Jetzt ist hinter uns alles schwarz. Wenn wir gleich zurückkommen, ist wieder alles weiß.” Der Fahrer „fährt Schleife”. Klar, er muss auch die Gegenfahrbahn freiräumen und bestreuen. Heinrich rollt langsam. „Nicht schneller als 30 Stundenkilometer - und in der Stadt noch weniger.” Es könnten Steine im Schnee sein, die gegen Fußgänger oder Autos fliegen.

Sittarder Straße: Ein kleineres Räumfahrzeug steht auf der Gegenfahrbahn. Heinrich lässt die Scheibe runter. „Hi Axel, hast du Probleme?” - „Nein, alles okay, nur die Scheibenwischer sind voller Eis.” Heinrich winkt und fährt weiter. „Es ist ein gutes Klima unter den Kollegen.” Man helfe sich gegenseitig - auch der Feuerwehr. Ehrensache. „Wenn es brennt und gelöscht wird, oder wenn ein Wasserrohrbruch ist, müssen wir direkt hin.”

Heinrich ahnt noch nicht, wie lang er in dieser Nacht unterwegs sein wird. Doch trotz der Räumfahrzeuge wird der Verkehrsfluss wegen des Schneefalls in Aachen auch am Donnerstagmorgen beeinträchtigt sein. Denn überall gleichzeitig zu räumen - das können Heinrich und seine Kollegen in so einer Nacht nicht schaffen. Es sind einfach zu viele Flocken, und zu viel Eis.

Bezüglich mancher Bereiche in der Stadt herrscht Unklarheit darüber, wer für den Räum- und Streudienst zuständig ist.

Wie sieht es an den Bushaltestellen aus? Dieter Lennartz, für den Winterdienst zuständiger Abteilungsleiter beim Stadtbetrieb, erklärt: „Für die Busbuchten ist der Stadtbetrieb zuständig, für die Gehwege an den Bushaltestellen die Hauseigentümer.”

Wer muss sich um die Straßen nahe der Bahnstrecke (Hackländerstraße, Zollamtstraße, Casinostraße) kümmern? Stadt oder Bahn? „Die Bahn”, sagt Lennartz. Seit Tagen versuche er aber vergeblich, einen Ansprechpartner bei der Bahn zu finden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert