Aachen - Im Knast-Kontor handwerkliche Arbeiten kaufen

Im Knast-Kontor handwerkliche Arbeiten kaufen

Von: Carolin Cremer-Kruff
Letzte Aktualisierung:
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Hofft auf große Resonanz für das neueröffnete Knast-Kontor im Eulershof: Dieter Heinen, Leiter des allgemeinen Vollzugsdienstes in der Justizvollzugsanstalt in der Soers. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Im Lagerraum über der Werkstatt der „Arbeitstherapie Holz“ in der Justizvollzugsanstalt Aachen reihen sich Schaukelpferde und -motorräder an Eulengarderoben, kleine Truhen, Kerzenständer, Vogelhäuser, Nistkästen für Fledermäuse und vieles mehr.

In einem Regal stehen unzählige Kerzen, schön verpackt. Unten wird währenddessen noch fleißig gewerkelt. Gleich um 15 Uhr ist Feierabend. Die sechs Insassen, die hier zurzeit arbeiten, führen an ihren Werkstücken noch die letzten Handgriffe aus, bevor es zurück in die Zelle geht.

Einen Raum weiter entstehen währenddessen verschiedene Gegenstände aus Metall. Hier ist die Gruppe „Arbeitstherapie Metall“ im Einsatz und fertigt fantasievolle Edelstahlsteintiere an. Frösche, Pfauen, Hunde, Katzen – neuerdings auch Pinguine. An der Decke wippen Pferde an einem Mobile hin und her, auf dem Boden steht ein massiver Feuertopf. Kaum zu glauben, dass diese Objekte von absoluten Amateuren hergestellt werden.

Viele haben noch nie gearbeitet

Viele der Männer, die in den Arbeitstherapien – kurz ATP – eingesetzt werden, haben zuvor in ihrem Leben noch nie richtig gearbeitet, kennen keinen geregelten Tagesablauf. Analphabeten sind keine Seltenheit. Auch unter den Insassen haben die ATPler nicht den besten Ruf. Hier landen nur die, die nichts können, heißt es. Wirklich? Die Ergebnisse sprechen eine andere Sprache.

Schon seit vielen Jahren werden die Werkstücke aus Holz, Metall, Stein, Wachs und Keramik, die in den Arbeits- und Sozialtherapie-Gruppen der JVA Aachen entstehen, in dem Online-Shop knastladen.de, einem Zusammenschluss aller Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen, verkauft. Nun gibt es in Aachen auch einen richtigen Laden mit dem Namen „Knast-Kontor“, welcher außerhalb der Gefängnismauern auf dem Eulershof am Eulersweg in der Soers eine Heimat gefunden hat. Ende März war Premiere.

„Bereits an diesem Nachmittag kamen rund 20 Besucher. Wir hoffen, dass es noch mehr werden“, so Dieter Heinen, Leiter allgemeiner Vollzugsdienst, der sich maßgeblich für das Knast-Kontor eingesetzt hat. Denn ab jetzt steht an jedem letzten Donnerstag im Monat eine Auswahl der handgemachten und qualitativ hochwertigen Produkte in den Verkaufsregalen bereit. So gibt es zum Beispiel im Frühjahr Nistkästen und verschiedene Dekogegenstände für den Garten, im Winter selbst gegossene Kerzen und Weihnachtsschmuck.

Einige Artikel wie Kinderspielzeug oder Möbel sind ganzjährig erhältlich, alles „made in Aachen“. „Das Sortiment ist immer anders und für eine Überraschung gut“, weiß Heinen, der selbst ein Fan der „Knastprodukte“ ist.

Das Knast-Kontor hat seiner Meinung nach entscheidende Vorteile: Hier steht nicht nur das haptische Erlebnis im Vordergrund, auch der persönliche Kontakt zu Mitarbeitern der JVA wird so hergestellt, man kommt ins Gespräch. Dem „Knast“ kann jenseits von hohen grauen Betonmauern ein Gesicht gegeben werden. Eine Schnittstelle zwischen JVA und Außenwelt wurde geschaffen.

Wie wichtig dies ist, hat sich erst kürzlich bei der Euregio Wirtschaftsschau – gleich nebenan auf dem CHIO-Gelände – gezeigt, bei der die JVA mit einem eigenen Stand vertreten war. „Die Besucher haben uns die selbst hergestellten Gegenstände förmlich aus der Hand gerissen“, erzählt Michael Krings, Werkhallenleiter der ATP Metall. „Wenn wir das den Insassen erzählen, ist das für sie eine enorme Wertschätzung.“ Denn darum geht es auch. Viele sind motivierter, wenn sie wissen, dass das, was sie herstellen, verkauft wird, dass es Menschen gibt, die sich dafür interessieren.

Bald auch Möbel im Angebot?

Wenn es nach Dieter Heinen geht, soll in Zukunft im Knast-Kontor noch ein zweiter Verkaufsraum hergerichtet werden. „Wenn es irgendwie möglich ist, werden wir in einem weiteren Trakt des Eulerhofs auch die selbstgemachten Möbelstücke aus der JVA ausstellen.“ Denn auch in diesem Bereich existiert mittlerweile ein umfangreiches Sortiment zu fairen Preisen. Mit allen Artikeln, die in der JVA entstehen, wird kein Gewinn gemacht – die Einnahmen decken lediglich die Betriebsausgaben der Werkstätten.

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