Im Flutlicht reiten die Frauen im Schatten

Von: Thorsten Karbach
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Meredith Michaels-Beerbaum
Umgekehrte Verhältnisse: In Deutschland reiten mehr Frauen (im Bild Meredith Michaels-Beerbaum), doch beim CHIO dominieren die Männer. Foto: dpa

Aachen. Ganz schön erhellend sind diese vier Flutlichtmasten. 292 Scheinwerfer im Hauptstadion bringen beim Preis der Nationen ans Licht, dass im Springsport die Frauen zumindest zahlenmäßig im Schatten der Männer stehen. Unter den 31 Startern aus acht Nationen sind nur vier Frauen.

Janika Sprunger (Schweiz), Eugenie Angot (Frankreich), Tina Fletcher (Großbritannien) und Meredith Michaels-Beerbaum (Deutschland). Die Verhältnisse im Reitsport kann das Flutlicht auch mit 1350 Lux nicht abbilden. Denn von 720.000 von der Reiterlichen Vereinigung FN in Deutschland erfassten Reitern, sind 544.000 Frauen. Bei Kinder unter 14 Jahren sind es 149.000 von 168.000.

Auch der CHIO ist vielerorts Frauensache, etwa beim Blick auf die Tribünen oder in die 200 Zelte des Ladendorfs. Frauen finden zwischen Reithose und Softgel-Gamaschen schicke Viskose-Streck-Blazer, Handtaschen und Ohrringe. Achtung Klischee: Für Männer gibt es am Eingang Sportwagen.

Es ist schon erstaunlich, dass zwar mehr Frauen Pferdesport betreiben, die Starterlisten beim CHIO dagegen viel mehr Männernamen aufweisen. 2010 hat der ALRV ausgerechnet, dass Frauen nur 22,7 Prozent der Teilnehmer stellen. Beim Springen sind es nur 15 Prozent, bei der Dressur 71,5 Prozent. Eine Gespannfahrerin gab es nicht. Auf dem Kutschbock gehen 2013 immerhin zwei Frauen an den Start.

Der Gesamtanteil der Frauen hat sich seit 1925 kaum verändert. Tatsächlich wurden auch da 23,2 Prozent Frauen gezählt. 18,3 Prozent beim Springen, 38,3 Prozent bei der Dressur und 6,2 Prozent beim Fahren. Der ALRV hat sein CHIO früher als viele andere Veranstalter für Frauen geöffnet – allerdings gingen sie oft in separaten Amazonenwettbewerben an den Start. Solche Jagd- und Dressurprüfungen gab es bis in die 1970er.

Das erste Damenjagdspringen war für die Siegerin 100 Mark wert. Müller van Gember steht in der Siegerliste. Spannender waren in den Anfangsjahren die Tandemspringen von Männern und Frauen. Die Zuschauer in Aachen waren begeistert, anderswo wurde die Frau nicht so gerne im Sattel gesehen: Zehn Jahre später musste die Fachzeitschrift St. Georg einen Aufruf starten, Frauen zur Teilnahme an Reitturnieren zu ermuntern. Noch herrschte die allgemeine Ansicht, Reiten würde den Unterleibsorganen schaden. Aber die Erde war auch mal eine Scheibe.

Wenn es jetzt rund geht in den Stadien, dann sind die Männer im Springstadion nicht nur beim Preis der Nationen immer noch in der Übermacht. Doch warum nur? „Wenn Jungs reiten, dann ziehen sie dieses Hobby durch“, sagt Springreiter Christian Ahlmann. „Vielleicht sind Männer ehrgeiziger“, glaubt Hans-Dieter Dreher. Dressurbundestrainer Monica Theodorescu sieht die Zahlen und kann sie sich doch nicht erklären: „Es ist so, aber warum? Es gibt keinen Grund.“ Reiten ist keine Kraftfrage. Dies zeigt die zierliche Janne-Friederike Meyer. Reiten lässt sich auch mit der Familie prima vereinbaren. Das beweist Meredith Michaels-Beerbaum.

Die Stimmung auf den Tribünen bestimmen die Frauen. Gerade gestern Abend schlägt ihre Stunde. Der ALRV schätzt sein Publikum. Er ist sich auch der ganz natürlichen Bedürfnisse bewusst: Auf dem Gelände gibt es mehr Damen- als Herrentoiletten.

Im Parcours läuft es allerdings noch nicht allzu gut, für die Frauen im Sattel. Doch das Ziel ist klar: Sie wollen auf die Siegerlisten am Richterhaus. Die Vielseitigkeit (seit 2007 im Programm) haben ausschließlich Männer gewonnen. Den Großen Preis von Aachen der Springreiter gibt es seit 1927. Es dauerte bis 1980, ehe die Britin Liz Edgar als erste Frau gewann. Und ihr folgten nur noch Anne Kursinski (1991), Michaels-Beerbaum (2005), Beezie Madden (2007) und Meyer (2011). Nur in der Dressur gingen mehr, nämlich 25 von 43, Große Preise an eine Frau.

Das Rampenlicht gehörte dann gestern doch noch drei Frauen. Ein Sponsor überließ die Siegerehrung seinen Auszubildendenden Sabrina Kessel, Rita Alves und Esther Schulz. In diesem Moment war der CHIO definitiv Frauensache.

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