Im Eisregen wird den Fans warm ums Herz

Von: Stephan Mohne
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„Volle Hütte“ zum großen Spektakel gegen die Bayern: Dieses Bild könnte angesichts der Alemannia-Krise für lange Zeit Seltenheitswert haben. Der Tag des Rettungsspiels machte dennoch mächtig Mut für den schweren Weg der kommenden Monate. Foto: Andreas Steindl
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Mit Spardose unterwegs in Sachen Alemannia-Rettung: Pascal Wiech und Marco Kirschhall aus der U15-Jugend sammelten kräftig mit.

Aachen. Sonntag, 20. Januar 2013. Es ist der Tag des großen Rettungsspiels. Und es ist der Tag der Gänsehaut. Das hat auch, aber bei weitem nicht nur mit dem Wetter zu tun. Es ist der Tag, an dem Zehntausende sich auf den Weg machen, weil am Tivoli dieses ganz und gar außergewöhnliche Großereignis wartet. Der FC Bayern München reist an. Eine der weltbesten Vereinsmannschaften will helfen, den krisengeschüttelten, aber traditionsreichen Drittligisten vor der endgültigen Pleite zu bewahren.

Es ist aber nicht nur der Tag der „großen“ Helfer. Es ist auch der Tag jener Ehrenamtler und Fans, die ohne Unterlass Rettungsutensilien wie Schals oder Buttons an den Mann und die Frau bringen oder aber mit der Sammelbüchse in der Eiseskälte umherlaufen und Danke für jeden gespendeten Cent sagen. Doch der Reihe nach.

Am frühen Morgen gehen die bangen Blicke gen Himmel und Erde. Vom Himmel fällt unaufhörlich Schnee, der sich auf der Erde fleißig sammelt. Kann das Spiel der Spiele überhaupt stattfinden? Die Fans, die sich Richtung Tivoli aufgemacht haben, können vor Ort schnell aufatmen. Mit einiger Kraftanstrengung ist das Stadion für die Großveranstaltung fit gemacht worden. Der Vorplatz ist geräumt, das Spielfeld ebenfalls. Schon frühmorgens ist ein Dutzend freiwilliger Helfer dem Aufruf gefolgt, ab 7.30 Uhr Schnee zu schippen. Abends zuvor waren sie bereits unter anderem via Internet zusammengetrommelt worden. Einzig die steilen Aufgänge im Stadion und teils auch die Stehplatzränge bereiten den Tag über Kopfschmerzen, denn sie sind stellenweise spiegelglatt. Zu größeren Zwischenfällen kommt es aber glücklicherweise nicht.

Die ersten Zuschauer trudeln indes schon zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn an der Krefelder Straße ein. Zu dieser Zeit hört der Schneefall auf. Dummerweise wird er aber abgelöst durch Eisregen, der sich bei Kontakt mit der Haut wie Nadelstiche anfühlt. Nicht, dass das für schlechte Laune sorgen würde. Die Fans haben sich dick eingepackt, rücken teils mit Stapeln von Wolldecken an. Und im Fan-Treff hinter der Stehtribüne geht es ohnehin heiß her. Dort werden die zum Teil von Fans selbst erdachten Rettungsutensilien verkauft. Draußen vor dem Stadion stehen sogar „Einweiser“ mit Hinweisschildern, die zum Kauf der Stücke animieren sollen. „Bombig“ ist denn auch die Antwort von Frank Beißel auf die Frage, wie der Verkauf so laufe. Er steht im Fan-Treff hinter der Verkaufstheke und kann schon anderthalb Stunden vor Anpfiff bilanzieren: „Wir mussten schon Nachschub holen.“ Zudem spendet mancher Käufer auch noch das Wechselgeld fürs Überleben des Traditionsklubs.

Dass die Rettungsaktion ein solcher Erfolg ist, liegt auch an Leuten wie Jan Zilgens, der sich gerade einen Retter-Schal kauft und diverse andere Teile zulegt. Dabei ist er fanmäßig schon gut bestückt – eingehüllt in ein Bayern-Trikot, aber auch manchem schwarz-gelben Accessoire. Ja, ist er denn nun Anhänger der Bayern oder der Alemannia? „Beides“, sagt der Fan, der aus Heinsberg angereist ist.

Überhaupt ist an diesem Tag erlaubt, was sonst verpönt bis verboten ist. Fan-Utensilien anderer Vereine dürfen aus Sicherheitsgründen sonst nicht auf die Stehtribüne transportiert werden. An diesem Sonntag aber sind Bayern-Em-bleme herzlich willkommen. Ebenso wie klimpernde Münzen. Um diese zu sammeln, haben sich Alemannia-Jugendliche mit Spardosen an den Eingängen postiert. So etwa Pascal Wiech und Marco Kirschhall. Die beiden 14-Jährigen kicken im U15-Regionalliga-Team der Alemannia. Ihr Trainer habe sie ermuntert, bei der Rettungsaktion mitzumachen, erzählen sie, während die nächsten Euro in ihren Büchsen landen.

Weltstars zum Anfassen

Gänsehaut verursachen an diesem eisigen Nachmittag noch mehrere Dinge. Da wäre zum einen die Mannschaft des wahrscheinlich kommenden Deutschen Meisters. Die Bayern laufen nämlich keineswegs mit einem B-Team auf. Stars wie Robben, Gomez, Dante stehen auf dem Platz. Teils haben sie keine 24 Stunden zuvor noch in der Allianz-Arena gegen Greuther Fürth gespielt. Als die Bayern zum Warmmachen auf den Platz kommen, brandet Applaus auf. Diese Bayern, die sich unbürokratisch und spontan zu dem Retter-Spiel bereit erklärt haben, werden am Tivoli wohl nie mehr Hohn und Spott über sich ergehen lassen müssen.

Nach dem Spiel übrigens gibt es den nächsten Punkt auf der Sympathiekarte: Die Weltstars huschen nicht etwa in den Bus und rauschen ab. Nein, sie lassen sich gerne mit den Fans fotografieren, schreiben Autogramme, wünschen den Aachenern viel Erfolg, die ihnen gerade auch noch ein prima Duell geliefert haben.

Gänsehaut, nächste Episode: Am Mikrofon von Stadionsprecher Robert Moonen sitzt vor dem Spiel der siebenjährige Tim. Er hat den Alemannen einen Brief geschrieben, sein Sparschwein mit seinem Taschengeld gefüllt und dem Klub zwecks Rettung übergeben. Dass Alemannia an diesen Tag gewinnt, glaubt er zwar nicht. Die Hoffnung auf ein Tor hat er aber schon. Dass es letztlich sogar zwei werden, kann er da natürlich noch nicht wissen. Und immerhin: Alemannia ist der erste Gegner im Jahr 2013, dem gegen die Bayern überhaupt ein Gegentor gelingt. Der Jubel im ausverkauften Haus – in dem wegen des Wetters dennoch einige Plätze leer geblieben sind – fällt entsprechend aus.

Zufrieden sind am Ende des Tages einige. So etwa Sven Merckens, Mitorganisator der großen Verkaufsaktion im Fan-Treff: „Die Artikel sind in rauen Mengen weggegangen“, sagt er. Unter dem Strich wird es wohl eine fünfstellige Summe sein, die dadurch zusammengekommen ist. Die Aktion, bei der es auch attraktive Preis zu gewinnen gibt, soll natürlich fortgesetzt werden. „Wunderbar“ findet den Tag auch Christian Außem. Der ständige Einsatzleiter der Polizei am Tivoli und seine Kollegen haben nämlich rein gar nichts zu vermelden in Sachen Fan-Randale. Im Gegenteil, es versammeln sich etliche Anhänger nach dem Spiel noch auf der Tribüne, um sich gegen Rassismus und Extremismus in der Fan-Szene zu positionieren. Auch das ein klares Zeichen.

Zu dieser Zeit sind die meisten Zuschauer schon auf dem Nachhauseweg. Und die Frage, die bleibt, lautet: War es angesichts des weiterhin drohenden finanziellen Untergangs das letzte Gänsehaut-Erlebnis am Tivoli für viele, viele Jahre? Bloß nicht! Nach diesem Sonntag kann man jedenfalls unterstreichen: Es wäre eine Schande.

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