Im Alexianer-Krankenhaus werden Menschen in Lebenskrisen behandelt

Von: Philipp Schröders
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Keine Helfer in Weiß: Auf den Akut-Stationen des Alexianer-Krankenhauses erkennt man das Personal nur am Namensschild. Aber das Team (von links) mit Dieter Schnarr, Hermann Bäumler, Jutta Weber, Dr. Wassili Hinüber, Silvia Hagenhoff hat immer ein offenes Ohr für die Patienten. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Ein Patient rastet aus und fängt an, das Mobiliar zu demolieren. Die Pfleger sind in Alarmbereitschaft. Lautstark beschwert sich der psychisch-kranke Mann darüber, eingeschlossen zu sein. In seinem Zustand ist er eine Gefahr für sich und andere.

Eine Möglichkeit: ihn am Bett festzuschnallen. Dieter Schnarr wählt einen anderen Weg. Der Krankenpfleger geht mit dem Patienten eine Runde durch den Park des Krankenhauses. In einem Gespräch gelingt es ihm, den Mann zu beruhigen. Bald kann er wieder auf die Station, ohne das besondere Maßnahmen getroffen werden müssen.

Alltag für Schnarr, dem pflegerischen Leiter auf einer der beiden Akut-Stationen des Alexianer-Krankenhauses. „Ich mache diesen Job jetzt seit 28 Jahren. In dieser Zeit lernt man, die Patienten richtig einzuschätzen.”

Auf der Akut-Station werden Menschen aufgenommen und behandelt, die sich in schweren Lebenskrisen befinden. Sie leiden unter akuten psychiatrischen Krankheiten wie Psychosen, Depressionen, Suchterkrankungen und Persönlichkeitsstörungen. Ungefähr die Hälfte der Patienten kommt freiwillig, die andere Hälfte wird von einem Betreuer, Sanitäter oder auch Polizisten gebracht.

Im letzten Fall hat ein Richter beschlossen, dass der Patient auf der Station festgehalten werden muss. Dennoch ist die Akut-Station keine geschlossene Abteilung. „Dieses Bild, das viele noch im Kopf haben, gibt es nicht mehr” erklärt Dr. Wassili Hinüber, Oberarzt auf der Lukas-Station. Zum Schutz einzelner Patienten kann der Eingang zeitweise abgeschlossen werden. Die anderen dürfen die Station aber weiterhin verlassen. Im Eingangsbereich sitzt rund um die Uhr eine Pflegekraft, die den Ausgang regelt.

Aufbau und Einrichtung der Lukas-Station erinnern nicht an Filme wie „Einer flog über das Kuckucksnest”. Die Krankenpflegerin am Eingang sitzt mit einem Patienten am Tisch, beide sind in eine Unterhaltung versunken. Nur eine kleine rote Lampe über der Tür erinnert daran, das diese auch verriegelt werden kann. Gummizellen oder Zwangsjacken sucht man vergebens.

Die Patienten sind zu zweit in hellen Zimmern untergebracht. Wer will, darf von zu Hause seine Bettwäsche und persönliche Gegenstände mitbringen. An den Wänden hängen Bilder, die den Zimmerbewohnern gehören. „Früher hieß es, dass Bilderrahmen mit Glas aufgrund der Verletzungsgefahr nicht erlaubt sind. Es ist aber wichtig, dass die Patienten sich wohl fühlen und etwas Persönliches hier haben”, erklärt Hermann Bäumler, pflegerischer Leiter der Lukas-Station.

Patienten und Personal sind schwer zu unterscheiden. Weiße Kittel trägt hier keiner. Bäumler hat ein gestreiftes Hemd und Jeans an. Auch die Ärzte kommen mit ihren „Alltagsklamotten” zur Arbeit. Dies soll helfen, Vertrauen aufzubauen.

In Zentrum liegt das Stationszimmer, von den Patienten aufgrund der riesigen Frontscheibe liebevoll „Aquarium” genannt. Hier ist die Tür immer offen. Gegenüber gibt es einen großen Aufenthaltsraum, in dem geraucht werden darf. In anderen Zimmern wird Gestaltungs-, Musik- und Bewegungstherapie angeboten.

Sehr wichtig ist die Gesprächstherapie. Diese wird von Ärzten und Pflegern angeboten. Basis sei hier ein bestehendes Vertrauensverhältnis. „In der Regel sucht der Patient seinen Therapeuten selbst aus”, sagt Bäumler.

Medikamente spielen bei der Behandlung psychischer Krankheiten eine wichtige Rolle. Aber Hinüber betont, dass die Psychotherapie im Vordergrund stehe. „Medikamente setzten wir so hoch dosiert, aber auch so selten wie möglich ein.”

Darüber, ob eine Ausgangssperre verhängt wird oder gar ein Patient fixiert werden muss, wird immer im Team entschieden. Jedoch werden diese Mittel nur im Notfall angewandt. Vielmehr ist das Personal bemüht, eine offene und beruhigende Atmosphäre zu schaffen.

Manche Erkrankungen sind mit erneuten akuten Phasen verbunden. Daher gibt es Patienten, die mehrmals auf die Station kommen. „Wenn die Polizei einen bekannten Patienten in Handschellen bringt, sage ich den Beamten meist, dass sie ihm erstmal die Fesseln abnehmen sollen. Oft reagieren die Polizisten dann etwas verdutzt”, sagt Bäumler.

Einen Unterschied zwischen seiner Arbeit und der der Kollegen auf anderen Stationen sieht er nicht: „Bei uns sind die Anforderungen nicht höher, sondern nur anders.” Auch wenn die Patienten manchmal ausrasten.
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