Aachen - „Ihr könnt uns doch nicht einfach ignorieren!“

„Ihr könnt uns doch nicht einfach ignorieren!“

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Der Mann vor dem Bunker: Kristof Mittelstädt bringt sich in dem Interview mit Studierenden der FH selbst als Vermittler ins Spiel. Foto: CMD
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Sie haben sich mit der Musikszene in Aachen befasst: die FH-Studierenden aus dem Studiengang Communication and Multimedia Design (oben von links) Jordan Bigge, Julia Sydow, Andrea Foerster, Michael Hauck, (unten von links) Stephanie Föhr, Deborah Falkenberg und Maria Hübsch.

Aachen. Marode Fassaden, Rauchverbot, Verkauf von Gebäuden, Lärmschutz. Dies sind einige der bekannten Gründe für die nicht abreißende Serie von schließenden Clubs in Aachen. Der Musikbunker in der Goffart- und Junkerstraße beispielsweise ist durch den Verkauf der Gebäude bedroht. Weitere Ursachen für das Ende vieler Lokalitäten sind Beschwerden der Anwohner und Probleme mit den Behörden. Ihr Vorwurf: Zu viel Lärm gehe während der Veranstaltungen der Clubs aus.

Wie ist der aktuelle Stand dieser Debatte nur wenige Wochen nach der Demonstration der Aktion „Macht mal Lärm in dieser Stadt“ und kurz nach der Kommunalwahl? Kristof Mittelstädt, Musiker und Gründer der Aktion, vermisst einen „ordentlichen Vermittler“ zwischen den gegnerischen und unversöhnlich wirkenden Parteien. In unserem Gespräch sagt er: „Es wäre ein Job, an dem ich Spaß hätte. Ich glaube, ich hätte den nötigen Sachverstand dafür. Letztendlich muss es jemand mit einem gewissen Gespür sein. Mit einem gewissen Hang zur Diplomatie. Jemand, der da viel vermitteln kann. Wenn man mich fragen würde, wäre ich nicht zu feige es zu machen. Aber Politik ist eben auch noch ein Feld, das man lernen muss. Politiker wird man nicht vom einen auf den anderen Tag.“

Ein Teil der Kultur Aachens

Moderne Musik, so Mittelstädt weiter, dürfe nicht als Lärm bezeichnet werden, sondern als das, was sie ist: ein Teil der Aachener Kultur. „Das wäre für mich die Traumvorstellung, dass es nicht nur den vermittelnden Mediator gibt. Es soll einen Sachverständigen geben, der sich mit dem Thema auch im Kern beschäftigt. Der dann auch die Politiker berät oder ihnen sagt: „So und so müsst ihr handeln, damit es voran geht!“

Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) meint, die Stadt müsse bei der Standortsuche ihre Dienstleistung stärker anbieten und vermitteln. „Ich setze mich für eine lebendige Club- und Musikszene ein, weil dies unverzichtbare Bestandteile des Kulturlebens einer Großstadt sind. Das gehört zur Lebensqualität Aachens. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, diejenigen zu unterstützen, die in unserer Stadt für eine lebendige Kultur sorgen.“

Die Grünen wollen die Errichtung neuer Veranstaltungsstätten unterstützen. Außerdem setzen sie sich für die Unabhängigkeit der Clubs gegenüber städtischer Einflussnahme ein. Für Bürgermeister Björn Jansen (SPD) ist es wichtig, dass ein Ausgleich zwischen den Bedürfnissen der Nachbarn und denen der Studenten geschaffen werde.

Kristof Mittelstädt, den wir im anliegenden Park des Musikbunkers treffen, will Clubs wie den Musikbunker schützen und erhalten. Das Wetter lässt keine Wünsche offen, wodurch viele Menschen nach draußen gelockt werden. Studenten, die sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen, Eltern, die mit ihren Kindern den anliegenden Spielplatz besuchen. Hier kommt alles zusammen: Ein Club, stellvertretend für eine Reihe Kulturstätten. Die Jugend, für die diese erhalten bleiben sollen. Und der Mann, der dafür kämpft, dass dies auch geschieht.

Schnell werden wir jedoch von seinem Standpunkt überrascht. „Es liegt in der Verantwortung der Gäste, sich anständig zu verhalten, wenn sie sich vor den Läden befinden oder auf den Heimweg machen. Es gibt Leute, die müssen sonntags arbeiten. Es gibt Leute, die haben Schichtdienst. Und auf die sollten wir alle Rücksicht nehmen.“

Mittelstädt versucht einen Kompromiss zwischen Anwohnern und Clubgängern zu finden. Besonders den jungen Feierwütigen sei es oftmals nicht bewusst, wie viel Lärm tatsächlich von ihnen ausgehe und wie sehr sie die Anwohner damit stören könnten. Ein Aufeinandertreffen der Fronten ist auf Dauer unvermeidbar. „Es gäbe weniger Beschwerden, wenn die Leute vernünftig und gesittet nach Hause gehen würden. Dann würde es dem ganzen Kulturbetrieb wahrscheinlich ein bisschen besser gehen.“

Bekommt er selbst den Krawall der Partygänger mit? „Ich habe keine Kneipe und keine Disko bei mir vor der Haustür, aber ich wohne in der Innenstadt. Auch ich bekomme es manchmal mit, wie laut es werden kann, wenn sich die Leute in den frühen Morgenstunden noch darüber freuen, dass sie eine großartige Party gehabt haben. Ich glaube deswegen auch nicht, dass nur das Ordnungsamt übereifrig ist. Es wird oft zurecht gerufen.“

Der Name seiner Aktion ergebe sich aus dem Lärmschutzparagraphen des Ordnungsgesetzes. Dort werde etwas, das störend ist, als Lärm bezeichnet. „Da wird sehr über einen Kamm geschoren und auch Kultur wird dann als Lärm degradiert. Und deswegen sage ich lasst uns mal Lärm machen, dann machen wir auch richtig Lärm!“ Diesen gab es schließlich auf der Abschlussdemonstration von „Macht mal Lärm in dieser Stadt“, im Aachener Zentrum, zu hören.

Hunderte Menschen verschiedener Altersgruppen liefen da vor Wochen dem Demotruck hinterher, aus dem donnernde Techno-Beats dröhnten. Für sie war klar: „Aachen ist die schönste Stadt der Welt!“ Dieser Satz war der am häufigsten zu hörende Satz an diesem Nachmittag. Und: „Für eine freie Kulturszene!“ schallte es aus der Menschenmeute. Die größte Aufmerksamkeit hatte eine große künstlerisch gestaltete Leinwand, die das Motto der Demonstration trug. „Macht mal Lärm“ erhob sich da gen Himmel, aber auch andere Parolen, wie „Was ist der Unterschied zwischen einem Joghurt und Aachen? - Joghurt hat eine lebendige Kultur!“, oder „Aachen hat mehr zu bieten als Karl den Großen!“

Licht am Endes des Tunnels?

Der Organisator war teilweise sprachlos über die gute Stimmung und begeistert über den „Lärm“, der in Aachen gemacht wurde. „Es war ganz ganz groß für uns alle! -Ihr könnt uns nicht ignorieren!“

In Verbindung mit der Demonstration sei Olaf Müller, der Leiter des Aachener Kulturbetriebs, bereits kurz vorher auf ihn zugekommen, erzählt Mittelstädt: „Darüber habe ich mich sehr gefreut und bin sehr gespannt, was ein persönliches Gespräch bringen wird.“ Reaktionen aus der Politik gäbe es bisher zwar nicht, aber er hoffe, dass sich im neu gewählten Rat jetzt auch endlich was bewege. Mit dem Wahlergebnis sei er in dieser Hinsicht durchaus zufrieden. Inwiefern die Aktion darauf Einfluss hatte, sei aber schwer zu sagen, und ob sich was bewegen werde, bleibe abzuwarten.

Für die Zukunft sei bisher noch nichts Konkretes geplant. „Aber weiter geht es auf jeden Fall! Erstmal freue ich mich jetzt auf mein Gespräch mit Herrn Müller und beobachte aktiv, was der neue Rat so macht. Sollte sich aber zu lange nichts bewegen, werden wir uns schon bemerkbar machen und auch öffentlich Kritik äußern.“

Doch es scheint Licht am Ende des Tunnels. Das Urteil vom Januar diesen Jahres, das dem Musikbunker nur noch einen sehr eingeschränkten Betrieb erlaubt, wurde im Juni revidiert. Es dürfen nun wieder ohne strikte Beschränkung Veranstaltungen organisiert werden. Nichtsdestotrotz sucht Lars Templin, der Geschäftsführer des Musikbunkervereins, weiterhin den Dialog mit den Anwohnern.

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