Aachen - IHK-Geschäftsführerin: Akteure noch besser vernetzen

IHK-Geschäftsführerin: Akteure noch besser vernetzen

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Expertin in Sachen Industrie in Aachen: IHK-Geschäftsführerin Anke Schweda wird am kommenden Dienstag im Zeitungsverlag auf Einladung des Marketing-Clubs über ihr Fachgebiet referieren. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ein Jahresumsatz von mehr als 17,2 Milliarden Euro, gut 24 Prozent der Bruttowertschöpfung im gesamten Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen und 73.700 Arbeitsplätze in der Region: Mit diesen Zahlen der produzierenden Unternehmen lässt sich arbeiten. Das findet auch Anke Schweda.

Seit Juli 2013 leitet sie den Bereich „Innovation, Umwelt und Industrie“ bei der IHK Aachen – seit Februar dieses Jahres als Geschäftsführerin. Inzwischen ist die gebürtige Münsteranerin in ihrer neuen Heimat angekommen – und im Thema „Industrie in Aachen“ zu Hause. Einblicke in ihre Arbeit bei der IHK gibt Anke Schweda am kommenden Dienstag, 18. August, ab 18.30 Uhr im Zeitungsverlag Aachen auf Einladung des Marketing-Clubs. Vorab hat sie mit AZ-Redakteur Robert Esser über die Bedeutung der regionalen Industrie und aktuelle Herausforderungen gesprochen.

Wer über die Autobahn nach Aachen fährt, der wird nicht nur vom hohen Dom, sondern seit ein paar Monaten auch von Schildern mit der Aufschrift „Industrieland NRW – Technologieregion Aachen“ begrüßt. Das soll sicher nicht nur Touristen anlocken, oder?

Schweda: Wir sind froh, dass wir die Schilder haben. Bislang wurde am Rande von deutschen Autobahnen eher auf historische Orte hingewiesen. Die Industrie- und Handelskammern haben die Initiative ergriffen, weil Nordrhein-Westfalen zweifellos mehr als ein Museum ist. Diesen Eindruck konnten Auswärtige früher haben. Jetzt wird schnell klar: Ja, wir sind in NRW auch ein Industriestandort mit modernsten Technologien.

Kommt in der Universitäts- und Wissenschaftsstadt Aachen das Thema Industrie zu kurz?

Schweda: Das würde ich so nicht sagen. Jeder kennt große Aachener Produktionsstätten wie Lindt, Zentis, Continental, Saint-Gobain, Philips, Grünenthal und Dr. Babor.

Die kann man ja nicht nur sehen, sondern teilweise auch riechen.

Schweda: Genau! Aber es geht in Aachen um mehr als um Süßwarenprodukte. Es geht um Technologien, die in Aachen immer weiterentwickelt werden, um auf dem internationalen Markt bestehen zu können. Wenn zudem ein Schweizer Großunternehmen wie Lindt seinen größten Produktionsstandort Europas in Aachen hat und weiter ausbaut, weil die Bedingungen hier exzellent sind, sind das hervorragende Aussichten für die Region – und das hat Signalwirkung!

Warum ist Aachen nicht nur in Sachen Wissenschaft, sondern offenbar auch für die Industrie eine exzellente Wahl?

Schweda: Weil die Rahmenbedingungen stimmen. Wir sind in der Mitte Europas, wir sind verkehrstechnisch sehr gut angebunden – und wir haben die Fachkräfte, die Industrieunternehmen benötigen.

Wie unterstützt die Industrie- und Handelskammer Aachen den hiesigen Standort? Können Sie einige konkrete Beispiele nennen?

Schweda: Wir sind in vielen Themen und auf unterschiedlichen Ebenen unterwegs. Wir vertreten politische Interessen – und wir bieten eine ganze Palette von Dienstleistungen an. Als Beispiel nenne ich zunächst ein Thema: Energie. Die Energiepreise und eine sichere Energieversorgung werden von unseren Unternehmern als besonders wichtige Faktoren genannt. Ein einzelnes Unternehmen kann aber in Sachen Energiepolitik in Düsseldorf und Berlin nicht viel ausrichten. Mit der gebündelten Kraft der IHK lässt sich allerdings einiges bewegen.

Die Energiewende birgt einige Gefahren.

Schweda: Dass die Braunkohleabgabe zunächst vom Tisch ist, ist sicher – unter anderem – eine Folge des Engagements der IHK. Ein ganz einfaches Beispiel: Was morgens als Marmelade auf unserem Brötchen landet, ist das Resultat einer Wertschöpfungskette, die ohne Braunkohle nicht zu realisieren wäre. Warum? In der Zuckerfabrik Euskirchen kommen Zuckerrüben von 1000 Bauern an. Die Fabrik braucht Braunkohlestaub, um zu produzieren. Und der Geschäftsführer sagt: „Kein Zucker ohne Braunkohle, weil die erneuerbaren Energien noch nicht so weit entwickelt sind, dass sie diesen speziellen Prozess unterstützen können.“ Die Fabrik liefert 80 Prozent ihres Zuckers in die Region – etwa an Lambertz, Zentis, Lindt und Haribo. 80 Prozent! Wenn man sich klarmacht, was da insgesamt an Arbeitsplätzen hintersteckt, erkennt man den riesigen Wirtschaftsfaktor. Und den würden wir sehr leichtfertig aufs Spiel setzen, wenn wir die Braunkohle aufgeben, ohne Alternativen für einen sicheren Drei-Schicht-Betrieb zu haben. Das darf nicht passieren! Schlimmstenfalls würden die Energiepreise so stark steigen, dass der Zucker demnächst in Asien produziert wird – und dann auch Printen, Marmelade, Gebäck und so weiter. Das wäre dramatisch.

… und die Industrie zählt rund 73.700 Arbeitsplätze im Kammerbezirk Aachen!

Schweda: … und in Aachen fast 19.000! Und diese Zahlen kann man in der Wertschöpfungskette – also bis zum fertigen Produkt beim Verbraucher – locker verdreifachen. Das ist ein immens wichtiger Markt. Das sollte jedem klar sein.

Entsprechend groß ist der Einsatz der IHK.

Schweda: Ja. Ich glaube, wir werden als IHK auch immer mehr zum „Wirtschaftserklärer“. Das heißt: Wir möchten die Komplexität und die Bedeutung ganzer Wertschöpfungsketten transparent und deutlich machen. Es geht um einzelne Unternehmen, aber eben mindestens genauso um „das große Ganze“. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, der wir uns gemeinsam mit unseren Unternehmern stellen.

Ein weiteres Stichwort der Neuzeit ist die „Industrie 4.0“. Was bedeutet das?

Schweda: Wenn wir unsere Interaktion – auch im Hinblick auf das Zusammenspiel von Arbeit und Kommunikation – nicht dem fortschreitenden Grad der Digitalisierung angleichen, verpassen wir Möglichkeiten. Vor fünf Jahren waren wir in Sachen Erreichbarkeit und digitale Vernetzung noch nicht ansatzweise so weit wie heute. Daraus ergeben sich Herausforderungen und Chancen. Das rollt auf die Produktion zu. Wo wir früher ein Stück Nockenwelle in die Hand genommen haben, um einen Motor gemäß Auftragszettel zu fräsen, greift heute schon die digitale Interaktion. Unterschiedliche Produktionsschritte innerhalb eines Unternehmens, aber auch der Zulieferer und der Abnehmer werden vernetzt und bedarfsgerecht individuell gesteuert.

Ohne Digitalisierung läuft nichts mehr?

Schweda: Es wird sicher unberührte Nischen geben. Aber große Produzenten werden um das Thema „Industrie 4.0“ nicht herumkommen. Wer sich jetzt nicht informiert, verpasst den Zug. Dafür möchten wir die Unternehmer sensibilisieren. Im zweiten Schritt folgen dann Seminare und Fachgespräche. Wichtig ist aber auch, kleine Betriebe mitzunehmen. Es geht nicht nur um Unternehmen ab 1000 Mitarbeitern. Es gibt gerade bei den Mittelständlern viele gute Beispiele, also Betriebe, die dank Digitalisierung sehr flexibel und leistungsstark aufgestellt sind. Wir sprechen insgesamt von mehr als 8000 Unternehmen im industriellen Bereich.

Welche Rolle spielen die RWTH Aachen und FH Aachen für den Industriestandort?

Schweda: Die Hochschulen sind die wichtigsten Innovationsmotoren, die wir haben. Wenn wir Hochschulen und Unternehmen noch stärker zusammenbringen, dann stehen wir auf einer Startrampe, von der wir uns im Vergleich zu anderen Regionen hervorragend hochschießen können. Als IHK arbeiten wir daran, diese Startrampe stetig zu untermauern und auszubauen. Technologietransfer ist dabei der entscheidende Faktor.

Zum Beispiel?

Schweda: Erstens das Thema Bauen. Wir haben hervorragende Bauingenieure und Architekten, wir sind hier einer der renommiertesten Hochschulstandorte Deutschlands in diesen Fachgebieten. Die Vernetzung der Hochschulinstitute mit den Unternehmen ist leider erschreckend gering. Unsere Unternehmer sagen, sie bräuchten bei diesen hervorragend ausgebildeten Akademikern noch zwei Jahre nach deren Studienabschluss, um ihnen beizubringen, was die Industrie tatsächlich von ihnen im Job erwartet. Das ist volkswirtschaftlich natürlich eine riesige Verschwendung von Ressourcen, Personal, Zeit und Geld. IHK-Präsident Bert Wirtz hat deshalb renommierte Unternehmer und namhafte Hochschulprofessoren an einen Tisch gebracht. Alle Beteiligten sind von diesem Projekt überzeugt und der Meinung, dass wir in Aachen auch eine eigene Bauakademie mit industriellem Input brauchen: etwa zur Erforschung neuer Materialien und moderner Arbeitsabläufe.

Was fehlt sonst in Aachen?

Schweda: (überlegt) Eigentlich haben wir alles. Es geht nur darum, die richtigen Köpfe zusammenzubringen. Wir haben exzellentes Know-how – sowohl in den Hochschulen als auch bei den Absolventen. Wir haben extrem gute Unternehmer, die technologisch sehr weit vorne sind. Wir haben Unternehmer, die in Traditionsprodukten unterwegs sind. Für die Zukunft ist es wichtig, dass diese Gruppen kooperieren. Da sind wir als IHK gefragt. Nehmen Sie den 3-D-Druck: Da haben wir kürzlich Unternehmer ins RWTH-Institut für Lasertechnik eingeladen. Wir haben mit 50 Unternehmern gerechnet. Gekommen sind mehr als 120. Daraus sind bereits konkrete Projekte von Unternehmern mit dem Fraunhofer-Institut entstanden. Das ist Innovation pur!

Wo sehen Sie den Industriestandort Aachen in zehn Jahren?

Schweda: Auf jeden Fall sind wir weiter Industriestandort. Fahrzeugbau, Pharmazie, Medizintechnik, Bau oder Nahrungsmittel – das wird es alles weiterhin geben. Produziert wird in Aachen. Wir werden weiter wachsen, insbesondere im Hightech-Bereich – davon bin ich überzeugt. Aber die Entwicklung ist kein Selbstläufer, dafür muss man etwas tun. Daran arbeiten wir als IHK.

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