Aachen - IG-Metall-Chef Schyns: Von guten Abschlüssen und Ausbeutern

IG-Metall-Chef Schyns: Von guten Abschlüssen und Ausbeutern

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Hält seit knapp zwei Jahren an vorderster Front die Fahne der IG Metall in Aachen hoch: Als 1. Bevollmächtigter macht sich Achim Schyns für gerechtere Löhne, aber auch für bessere Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter stark. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Schon in der christlichen Arbeiterjugend hat er gelernt, sich für andere einzusetzen. Es wurde sein Beruf, in dem er mittlerweile an vorderster Front tätig ist: Seit knapp zwei Jahren steht Achim Schyns als 1. Bevollmächtigter an der Spitze der Aachener IG Metall.

Im Samstagsinterview mit AZ-Redakteur Oliver Schmetz spricht er über den erfolgreichen jüngsten Tarifabschluss, aber auch über weniger erfreuliche Baustellen auf seinem Tätigkeitsfeld. Dazu gehören die Schattenseiten der Leiharbeit. „Dort findet teilweise noch Ausbeutung statt“, sagt Schyns.

Insgesamt 4,8 Prozent mehr Lohn in den nächsten beiden Jahren – nach solch einem Tarifabschluss müssen Sie doch eigentlich mit einem Strahlen im Gesicht durch die Gegend laufen, oder?

Schyns: Mit dieser Entgelterhöhung bin ich zufrieden, und diese Rückmeldung haben wir auch von den Kolleginnen und Kollegen aus den Betrieben erhalten. Es ist ein guter Abschluss. Es gibt zwar auch eine Abweichmöglichkeit für Betriebe, denen es schlechter geht – diese können die Entgelterhöhungen verschieben –, aber es ist gewährleistet, dass am Ende der Laufzeit alle wieder auf einem Niveau sind.

Und darüber wird, was uns wichtig war, nicht mit den Betriebsräten verhandelt, sondern mit uns als Gewerkschaft, damit wir da jeweils saubere Lösungen finden. Der Abschluss ist im Übrigen für die gesamte Wirtschaft gut: Immerhin bringt er fünf Milliarden Euro mehr Kaufkraft nach Deutschland.

Das klingt sehr positiv. Herrscht diese Stimmung auch abseits von Tarifabschlüssen vor? Geht es der hiesigen Metallbranche gut?

Schyns: Die Situation in den Betrieben ist sicher hier und da unterschiedlich. Insgesamt geht es den Metall- und Elektrobetrieben gut. Wir haben keinen Betrieb mit massiven Problemen – zum Glück! Zum Teil ist die Auftragslage über Monate und sogar bis ins nächste Jahr hinein gesichert. Wir können also durchaus sagen, dass dieser Tarifabschluss gerechtfertigt ist.

Wo sieht es denn in der Region gut aus und wo eher nicht?

Schyns: Wenn ich einen Betrieb nennen darf, wo es gut aussieht, dann ist das die Firma Talbot Services. Die haben wir vor ein paar Jahren noch gerettet, der damalige Bombardier-Standort sollte ja zugemacht werden. So ein Neustart ist zwar immer schwer, aber im Moment ist die Situation sehr gut, die Auftragsbücher sind voll, die Firma ist breit aufgestellt. Das ist ein Betrieb, wo ich sagen würde: Das ist in Ordnung.

Obwohl das Unternehmen kürzlich noch Kurzarbeit anmelden musste...

Schyns: Ja, aber das ist ein Phänomen, das wir immer stärker erleben. Die Zyklen werden kürzer, die Ausschläge heftiger. Betriebe, von denen wir heute noch sagen, es geht ihnen gut, können morgen schon Kurzarbeit anmelden – es sei denn, sie haben auf lange Sicht die Auftragsbücher voll. Manchmal ändert sich die Situation dramatisch schnell. Bei Talbot war das der Fall: Gerade noch Kurzarbeit, und jetzt wissen sie kaum, wie sie die Arbeit bewältigen sollen.

Kürzere Zyklen, heftigere Ausschläge – da bedienen sich manche Firmen gerne Leiharbeitern. Dieses Thema haben Sie sich bei Ihrem Amtsantritt auf die Fahnen geschrieben. Was können Sie da tun?

Schyns: Wenn Leiharbeit dazu dient, die Kollegen in die Betriebe zu schicken, wo es gerade Arbeit gibt, und damit Arbeitslosigkeit vermieden wird, dann ist es ja gut. Wir haben aber auch erlebt, dass Leiharbeiter Stammbelegschaft ersetzt haben – und das als billige Arbeitskräfte.

Da haben wir gegengesteuert, indem wir zum einen bessere Tarifverträge in der Leiharbeiter abgeschlossen haben. Vor allem aber haben wir in der Metall- und Elektroindustrie Branchenzuschläge vereinbart, wo man auch als Leiharbeiter auf das Lohnniveau von 90 Prozent eines Festangestellten kommt. Damit sind wir noch nicht bei gleicher Bezahlung, aber immerhin schon einen Schritt weiter. Das hat einige Betriebe dazu bewogen zu sagen: Leiharbeit machen wir nicht mehr, das lohnt sich nicht mehr.

Wo ist das geschehen?

Schyns: Zum Beispiel bei der Schumag. Die hatte einmal 100 Leiharbeiter, heute gibt es keinen mehr.

Die Kollegen wurden fest angestellt?

Schyns: Richtig. Die mussten im Rahmen eines Tarifvertrages mit übernommen werden. Das war ein schönes Ergebnis.

Gibt es auch „schwarze Schafe“, also Firmen, die trotzdem besonders stark auf Leiharbeit setzen?

Schyns: Nein, eher gibt es schwarze Schafe bei den Leiharbeitsfirmen. Das gilt sicher nicht für alle, aber für einige schon. Da sind zum Teil richtige Gewerkschaftshasser am Werk. Und weil Leiharbeiter jetzt mehr verdienen, stellen wir fest, dass mehr über Werkverträge geregelt wird. Da brauchen wir dringend das neue Gesetz zu Leiharbeit und Werkverträgen, aber da hat sich die Große Koalition ja auch einiges vorgenommen.

Talbot Services haben Sie als positives Beispiel in der Region genannt. Gibt es auch Sorgenkinder?

Schyns: Sehr schlecht sieht es wegen des niedrigen Ölpreises für Zulieferer der Ölindustrie aus. Und wegen des Embargos auch für Firmen, deren Kunden in Russland sitzen. Aber das betrifft beides nicht den Bereich Aachen. Schlecht sieht es hier bei Gießereien aus. Da hatten wir etwa die Schließung der Gießerei Schmolz & Bickenbach in Kohlscheid.

Ein Dauerbrenner unter den Sorgenkindern in Aachen war immer wieder Philips. Wie beurteilen Sie dort die Lage?

Schyns: Das muss man differenziert betrachtet. Es gibt ja Philips hier eigentlich gar nicht mehr oder nur noch zu einem sehr geringen Teil. Insgesamt sind es am Standort Rothe Erde – so nennen wir das jetzt – noch 1600 Beschäftigte, davon der größte Teil bei Lumileds, die Automobillampen herstellen, mit 1000 Beschäftigten. Da hatten wir eigentlich befürchtet, dass die Produktion stark zurückgeht, vor allem bei Xenon-Lampen. Aber es ist genau der umgekehrte Fall eingetreten: Dadurch dass sich LED noch nicht so durchsetzt, haben die im Moment sehr viel zu tun.

Was uns Sorgen macht, ist der Bereich Maschinenbau mit 70 Mitarbeitern, wo ein Verkauf gescheitert ist. Da verhandeln wir über einen Sozialplan. Diese Sparte soll neu ausgerichtet werden und bleibt erst einmal unter dem Philips-Dach. Und große Sorgen machen wir uns auch um den Bereich, der Halogenlampen für Haushalte herstellt, wo 200 Mitarbeiter beschäftigt sind. 2018 kommt das Halogen-Verbot, und damit bricht denen der europäische Markt weg.

Also steht zu befürchten, dass sich der Standtort Rothe Erde weiter verkleinert.

Schyns: Ja. Insgesamt schon. Weil auch von Eindhoven aus mehr und mehr die Maßgabe erfolgt, weg von der Produktion und hin zur Entwicklung von Lösungen zu gehen.

Was die Arbeit für einen Metallgewerkschafter nicht einfacher macht. Sie haben vor knapp zwei Jahren Franz-Peter Beckers an der Spitze der Aachener IG Metall beerbt. Ist der Job eigentlich so, wie Sie ihn sich vorgestellt haben?

Schyns: (lacht) Es ist ein sehr interessanter Job, der aber auch sehr zeitfüllend ist. Aber ich kann viel für die Kollegen tun, für bessere Arbeitsbedingungen, und deshalb bin ich froh, dass ich ihn mir ausgesucht habe. Auch wenn es sicher nicht schön ist, wenn es um Verhandlungen über Standortsicherung und Entlassungen geht.

Wo sehen Sie in Zukunft Ihre größten Baustellen?

Schyns: Bei der prekären Beschäftigung und der Leiharbeit. Da ist noch einiges zu tun, um der teilweise stattfindenden Ausbeutung entgegenzuwirken. Da haben wir viele gute Schritte gemacht, aber sind noch lange nicht am Ziel.

Haben Sie für die Ausbeutung von Beschäftigten konkrete Beispiele? Von was für Löhnen reden wird da?

Schyns: Das geht weniger über den Verdienst – es gibt ja Mindestlohnregelungen – als vielmehr über die Flexibilität, die gefordert wird. Zum Beispiel Leute, die finanziell schlecht gestellt sind und mit ihrem alten Auto ständig über weite Strecken hin und her geschickt werden. Dazu die ewige Unsicherheit: Behalte ich meinen Arbeitsplatz oder nicht?

Wo werde ich morgen eingesetzt? Und die ständige Abrufbereitschaft nach dem Motto: Morgen hast du da und da Spätschicht. Das alles dann für ein Gehalt, bei dem klar ist, dass man im Rentenalter Leistungen zum Lebensunterhalt beantragen muss. Dass finde ich sehr schlimm, diese Unsicherheit und Unplanbarkeit des Lebens.

Weitere Baustellen?

Schyns: Wichtig sind weitere Betriebsratsgründungen, um mehr Mitbestimmung zu erreichen. Viele kleine Betriebe haben keine Betriebsräte. Da erleben wir leider, dass die Arbeitgeber sich oft querstellen. Viele wollen die Gewerkschaft außen vor haben, weil sie wissen, dass wir stark sind und die Leute rechtlich gut beraten. Daran müssen wir weiter arbeiten. Und wir müssen gucken, dass wir Tarifverträge wieder flächendeckender hinbekommen. Früher, als es in der Branche hier noch viel mehr Großbetriebe gab, war Tarifbindung üblich. Heute sind die großen Betriebe nicht mehr so groß und viele kleinere haben keinen Tarifvertrag mehr.

Sie sind nicht nur Gewerkschafter, sondern auch SPD-Ratsherr in Eschweiler. Sie engagieren sich in einer Partei, die man durchaus auch als Baustelle bezeichnen kann. Wie fühlt sich in diesen Zeiten ein Gewerkschafter in der SPD? Das Image der SPD als Anwältin der Arbeiter hat doch gelitten, oder?

Schyns: Meine Wurzeln liegen in der christlichen Arbeiterjugend. Da haben wir gelernt, dass es wichtig ist, sich für die Leute einzusetzen. Deshalb bin ich hauptamtlicher Gewerkschafter geworden, aber das reicht ja alleine nicht aus. Denn wir können ja in unserer Arbeit Gesetze nur anwenden. Deshalb ist auch ein politisches Engagement wichtig, und da sehe ich die SPD durchaus als geeignete Partei an, weil sie schon Arbeitnehmerinteressen vertritt.

Viele sehen das nicht mehr so...

Schyns: Ich weiß, wegen Schröder und Hartz IV und so. Aber für mich war das damals ein Grund, in die SPD einzutreten, weil ich gedacht habe, die SPD muss wieder eine andere Partei werden, sich wieder zu ihren Wurzeln bekennen.

Tut sie das denn?

Schyns: Wenn ich die Bundesregierung sehe: So eine schlechte Rolle spielt die SPD gar nicht. Wenn Frau Merkel sagt, sie habe den Mindestlohn eingeführt, dann war das eine Forderung der SPD, gegen die sich die CDU enorm gewehrt hat. Deshalb bin ich froh, dass wir die SPD in dieser Koalition haben. Wichtig ist, dass die Partei sich zu ihren Wurzeln bekennt. In Eschweiler ist das zum Beispiel der Fall (lacht). Auf Bundesebene eigentlich auch, aber es kommt bei den Leuten oft nicht mehr so an.

Was muss passieren, dass nicht nur der Gewerkschafter, sondern auch der Sozialdemokrat Achim Schyns mit einem Strahlen im Gesicht durch die Gegend laufen kann?

Schyns: Bessere Wahlergebnisse (lacht), so wie in Eschweiler (Anm. der Red.: Dort hat die SPD im Stadtrat eine absolute Mehrheit). Aber im Ernst: Die SPD muss sich klar zur Arbeitnehmerschaft positionieren und das auch nach außen stärker darstellen.

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