Ideenschmiede hinter historischen Mauern

Von: Hans-Peter Leisten
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Großbaustelle Urkundensaal: Hier lagerten einst päpstliche Siegel, künftig vermitteln neue Medien Wissenwertes über Europa. Die alten Archivschränke – noch in Schutzkisten – werden entkernt und zu Hörboxen, in denen man sitzen kann. Alle Foto: Michael Jaspers
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Sie achten auf Planung und Ausführung: Projektleiterin Brigitte Schuh vom städtischen Gebäudemanagement und Architekt Albert Frey. Foto: Michael Jaspers
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Bruchstein: Aus diesem Fenster zur sogenannten „Kapelle“ wird eine barrierefrei Tür. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Man kann den Ort als geheimnisvoll bezeichnen. Als Ort der Vergangenheit – aber auch der Zukunft. Als Kristallisationspunkt der Aachener Stadthistorie, demnächst aber auch als Schmiede zur Erweiterung des europäischen Bewusstseins.

Er vereinigt alles in sich und wird dementsprechend den Namen „Station Europa“ tragen. Dieser Name bildet die inhaltliche Klammer für die Nutzung eines bemerkenswerten Gebäudes, das die meisten Aachener gemeinhin als Grashaus kennen. Am Fischmarkt gelegen, geben sich derzeit noch städtische Planer, Architekten und vor allem Handwerker den Schlüssel in die Hand, damit die Idee mit Leben gefüllt wird.

Station Europa. Ende des Jahres soll sie fertig sein. Und dann werden Brigitte Schuh und Albert Frey nach Stand der Dinge auf die Bewältigung einer Aufgabe zurückblicken können, die auch für sie alles andere als alltäglich war. Dann werden sie diesen ständig schmalen Grad zwischen Denkmalschutz und zukunftsweisender Nutzung zu Ende beschritten haben. Und das Haus, in dem in den letzten Jahrzehnten Aachens Archivalien lagerten, kann seine Funktion als europäisches Ideenlabor aufnehmen.

In gewisser Weise wird dann auch die Route Charlemagne mit ihren neun weiteren Stationen – Centre Charlemagne, Rathaus, Dom, Domschatzkammer, Zeitungsmuseum, Elisenbrunnen, Couven-Museum, Haus Löwenstein und SuperC – komplett sein. Brigitte Schuh ist die zuständige Projektleiterin für diese ganz besondere Station beim städtischen Gebäudemanagement, Albert Frey der Architekt, der mit ihr im Schulterschluss die Pläne realisiert. Und seitdem die Akten, Urkunden, Protokolle, Fotos ihre neue archivarische Heimat am Reichsweg haben, haben Schuh und Frey auch räumlich freie Hand.

Soweit der Denkmalschutz dies zulässt. „Einerseits müssen wir ein historisches Gebäude aufwerten – im Übrigen das letzte historische im Rahmen der Route Charlemagne –, andererseits viel moderne Technik unterbringen“, beschreibt die städtische Gebäudeexpertin den zu vollziehenden Spagat.

Der wird beim Rundgang durch das Grashaus stets aufs Neue offensichtlich. Die Sanierung der Fassade nimmt sich da vergleichsweise unproblematisch aus. Die alten Fensterrahmen wurden überarbeitet und im Erdgeschoss von innen durch energetische Kastenfenster ergänzt. Fugen wurden nach historischem Vorbild mit feiner Querlinie ausgebessert. Bis 1890 hinter der mittelalterlichen Fassade des ersten Aachener Rathauses errichtet, hat am Mauerwerk des als Stadtbibliothek und später ausschließlich Archiv genutzten Gebäudes der Zahn der Zeit genagt. Die Substanz ist aber nicht angegriffen. An der Fassade zum Fischmarkt wurde der rote Schriftzug unter dem glatten Fries im original Farbton erneuert.

Im Innenhof, der nach Fertigstellung der Arbeiten wieder als Durchgang zur Marktschule genutzt wird, stehen die Planer dennoch vor einer größeren Herausforderung. Um den Zugang zur sogenannten „Kapelle“ im Vordertrakt zu ermöglichen, müssen 60 Zentimeter Niveauunterschied überwunden werden. „In langen Diskussionen konnten wir den Landschaftsverband von der Notwendigkeit eines Hebeliftes überzeugen“, ist Albert Frey froh, dass die „Kapelle“ künftig barrierefrei erreichbar ist. Denn auch Kinder und Jugendliche mit Handicap sollen den Raum, der als Teil des „Europäischen Klassenzimmers“ medial bespielt werden soll, erreichen können. Dazu muss aber in der Tat ein Stück aus der Fassade gebrochen werden. Dieses „Europäische Klassenzimmer“ bildet einen der drei inhaltlichen Schwerpunkte dieser „Station Europa“ und wird vor allem im ersten Stockwerk großzügig Platz erhalten.

Auf die beiden anderen Schwerpunkte stößt man künftig automatisch beim Eintritt durch das Hauptportal vom Innenhof aus. Quasi zur Begrüßung wartet das Büro von „Europe Direct“, zurzeit noch in Haus Löwenstein untergebracht, auf Besucher. Hinter verschiebbaren Glaswänden, die fast frei schwebend in Führungen hängen, kann man dort ab 2015 alle Angebote des europaweiten Informationsnetzwerks der Europäischen Union in Anspruch nehmen.

Moderne Technik im Keller

Nur wenige Meter daneben wird die Karlspreisstiftung einziehen. Beide Einrichtungen brauchen natürlich die Voraussetzungen für moderne Kommunikationstechnik. Die nächste Herausforderung für Schuh, Frey und Co. Denn das Motto lautet: Wie bringt man in einem historischen Gebäude möglichst viel zukunftsorientierte Technik unter, von der man möglichst wenig sieht? Natürlich wurde die komplett erneuerte Wärme- und Klimatechnik im Keller untergebracht. Da im Erdgeschoss sämtliche Trennwände mit dem Charme der 70er Jahre entfernt und die alten Gewölbe freigelegt wurden, bot sich hier die Möglichkeit einer konzentrierten vertikalen Verlegung hinter dezenter Verkleidung.

Besonderes Feingefühl erforderte und erfordert immer noch die Versorgung mit Strom- und EDV-Kabeln in der Mitte der historischen Räume. Dort, wo künftig multimediale Stationen die jungen Besucher für Europa begeistern sollen. In der Kapelle und im darüberliegenden Urkundensaal wurde dazu das Parkett vorsichtig geöffnet. In der Kapelle sind da durchaus die Qualitäten eines Höhlenforschers gefragt, denn unter dem Raum befindet sich ein eigentlich aufgeschütteter Kellerraum, der nur noch einen schmalen Zwischenraum zum Verlegen der Kabel offen lässt. In den muss ein Elektriker bäuchlings hineinkriechen, um die Leitungen durchzuziehen. Klaustrophobie ist da fehl am Platz.

Durch Öffnungen im Parkett, das aus der Zeit um 1880 stammt, werden die Kabel zu den Übergabepunkten für die Medien geführt. Im Urkundensaal klappt dies, in dem die Kabel im Zickzackverlauf unter den vorübergehend entfernten Dielen versteckt werden. Spannend ist hier auch die Nutzung der alten großen, hölzernen Archivschränke. Die werden komplett entkernt, bleiben aber in ihrer äußeren Form bestehen und dienen als Hülle für Hörboxen – die Besucher werden im alten Gehölz sitzend mit neuesten Informationen über Europa versorgt.

Als Raum für Ausstellungen des „Europäischen Klassenzimmers“ dient ab dem neuen Jahr der frühere Lesesaal. Trennwände und innen liegende Fenster wurden entfernt. „Hier war es sehr wichtig, die schöne Achsenfolge wieder herauszuarbeiten und einen durchgehenden Raum zu schaffen“, beschreibt Architekt Albert Frey die Herausforderung, wohl wissend, dass hier später Videofilme und Ausstellungen gezeigt werden. Und die brauchen Platz.

Mit viel Weitblick

Genau wie die früheren prunkvollen Regalwände, die nach der Sanierung wieder in den Saal zurückkehren und Platz für eine ganz besondere Ausstellung bieten werden: „Die Kinder und Jugendlichen, die das Europäische Klassenzimmer besuchen, sollen möglichst alle ein kleines, persönliches Stück Europa mitbringen und hier lassen“, erklärt Brigitte Schuh das Konzept. Mit gut zwei Millionen Euro wird das historische Gebäude zukunftsfähig gemacht. So entsteht ein lebendiges Stück Europa im alten Grashaus, das mit sehr viel Weitblick für kommende Generationen umgestaltet wird.

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