Aachen - Hörsäle, die wieder verschwinden können

Hörsäle, die wieder verschwinden können

Von: Carlin Kruff
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Das erst kürzlich fertiggestellte „SemiTemp“ auf dem Parkplatz zwischen Reiffmuseum und Eisenbahnlinie ist in modularem Bausystem errichtet. Das Seminargebäude wurde innerhalb von acht Monaten – von der Beauftragung bis zur Übergabe – realisiert. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wohnen auf Zeit? Selbstverständlich. Bauen auf Zeit? Unmöglich. Oder vielleicht doch? Das Stichwort lautet „temporäres Bauen“. Zugegeben, für Otto Normalverbraucher ist solch ein Bauprojekt wohl kaum erschwinglich oder lohnenswert, aber in vielen anderen Bereichen ist dieser neue Trend nicht nur effektiver, sondern auch günstiger als Bauen für die Ewigkeit.

Werden temporäre Gebäude nicht mehr benötigt, dann können sie einfach demontiert werden und machen Platz für anderes, anstatt ungenutzt ihr Dasein zu fristen. Die Einzelteile können anschließend wieder an einem anderen Ort zusammengesetzt werden.

Keine Grenzen gesetzt

Der Nutzung sind dabei keine Grenzen gesetzt: Heute eine Sporthalle, morgen ein Supermarkt und übermorgen eine Messehalle. Temporär heißt in diesem Zusammenhang: Bis zu 20 Jahre, alles was darüber liegt, fällt in die Kategorie der permanenten Gebäude. Auch im Hochschulbetrieb gewinnen „Gebäude auf Zeit“, die gemietet oder geleast werden können, immer mehr an Bedeutung, denn stark ansteigende Studierendenzahlen, die in erster Linie auf G8 zurückzuführen sind, erfordern binnen kürzester Zeit mehr Hörsäle und Seminarräume. Was aber passiert, wenn in wenigen Jahren der Raumbedarf wieder sinkt? Temporäres und modulares Bauen scheinen in dieser vertrackten Situation der Schlüssel zum Erfolg zu sein. Das hat auch die RWTH Aachen mit mehr als 40 000 Studierenden erkannt, wie Gabriele Golubowitsch, die leitende Baudirektorin der RWTH Aachen, bei dem Symposium „Temporäres Bauen“, verriet.

Experten aus den Bereichen Architektur und Bau diskutierten unter der Moderation von Torsten Knippertz, Stadionsprecher von Borussia Mönchengladbach, über das neue Phänomen – natürlich stilecht im neuen Hörsaalgebäude TEMP am Republikplatz. Dieses kann sich zu der modernen Art der temporären Bauten zählen. Und damit konnten die Teilnehmer unmittelbar auf Tuchfühlung mit dieser neuen Bauform gehen – nicht nur bei interessanten Vorträgen, sondern auch bei einer exklusiven Führung durch die Räumlichkeiten.

Errichtet wurde das Gebäude, welches neben einem großzügigen Foyer zwei Hörsäle für je 500 Studenten bereithält, von dem auf temporäre Raumlösungen spezialisierten Unternehmen Neptunus – als Interimsgebäude für das erst 2016 fertiggestellte „feste“ Hörsaalzentrum in der Claßenstraße. Sitzt man im Innern, spürt man kaum einen Unterschied zu einem permanenten Gebäude. Der von vielen Seiten befürchtete „Zeltcharakter“ bleibt aus, das Hörsaalgebäude ist mit allen technischen Finessen sowie sanitären Anlagen ausgestattet – und zusätzlich mit einem speziellen Schallschutz aufgrund der Nähe zu den Bahngleisen. Lediglich ein Jahr hat die Umsetzung gebraucht. Und viel Platz wurde für den Aufbau auch nicht benötigt. Für den Aufbau wurden zudem nicht mehr als 20 Mitarbeiter benötigt.

Temporäre Gebäude

Das sogenannte TEMP befindet sich in Aachen in bester Gesellschaft. Rund 350 Gebäude verwaltet die RWTH, darunter befinden sich zunehmend auch temporäre Gebäude. So etwa der „Modulbau Physik“, der „Modulbau Melaten Nord“ oder auch der gerade einmal 27 Quadratmeter große „Grill-Cube“ am Templergraben. Haben sie ihren Dienst erfüllt, verschwinden sie wieder von der Bildfläche.

Architektonische Qualität

Dass temporäres Bauen aber nicht per se auf Funktionalität ausgelegt sein muss, sondern durchaus auch eine architektonische Qualität besitzt, zeigten Professor Ulrich Hahn und Dieter Mey-knecht vom Architekturbüro Hahn Helten + Assoziierte in ihrem Vortrag über das „Modulare Bauen“. Das Büro hat nicht nur die Dienstwohnungen der Deutschen Botschaft Kabul mit einem modularen Bausystem errichtet, sondern auch das erst kürzlich fertiggestellte „SemiReiff“ auf dem Parkplatz zwischen Reiffmuseum und Eisenbahnlinie. Das Seminargebäude, welches optisch knapp über dem Boden zu schweben scheint, wurde innerhalb von acht Monaten – von der Beauftragung bis zur Übergabe – realisiert, die einzelnen Module wurden inklusive geschlossenem Außenwandabschluss und Fenstern bzw. Türen angeliefert. Auf der einen Seite befinden sich die Funktionsräume, auf der anderen die Seminarräume.

Gerade weil das Gebäude nur für eine bestimmte Zeitspanne zum Einsatz kommt, wurde viel Wert auf die Wiederverwendbarkeit der Materialien gelegt. „Die Fassadenverkleidung zum Beispiel besteht aus gelochtem Trapezblech. Diese Elemente können nach dem Abbau ohne Probleme wieder verwendet werden“, erklärt Hahn. Modulares Bauen auf Zeit ist also nicht nur eine schnelle Lösung bei Platzproblemen, sondern mittlerweile auch in architektonischer Hinsicht ein Hingucker.

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