Hören ist ein Motor für unser Gehirn

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Steht Schwerhörigen mit Rat und Tat zur Seite: Marion Bergk vom Hörgeschädigtenzentrum Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Schwerhörigkeit ist weit verbreitet. 20 Prozent der Bundesbürger – alte, aber zunehmend immer mehr junge Menschen – sind davon betroffen. Doch die Verdrängung des Problems ist ebenso gegenwärtig. Im Hörgeschädigtenzentrum (HGZ) in Aachen gibt es deshalb seit einem Jahr eine Kontakt- und Beratungsstelle für Schwerhörige, geleitet von Marion Bergk.

Sie rät jedem: „Hörgerät tragen!“ Wer schlecht hört, sei nämlich nicht nur in der Wahrnehmung eingeschränkt.

Ist der Blick auf Schwerhörige für das HGZ erst so alt wie Ihre Stelle?

Bergk: Das HGZ ist traditionell ein Haus für Gehörlose. Hier können sie sich treffen und austauschen, weil sie sich nicht mit jedem Menschen selbstverständlich unterhalten können. Sie sind in der Gebärdensprache zu Hause und haben eine ganz eigene Kultur.

Deshalb treffen sie sich hier. Vor etwa zwei Jahren wurde entschieden, auch Schwerhörige mehr in den Blick zu nehmen. Auch weil es immer mehr schwerhörige Menschen gibt. Ein Fünftel der Bevölkerung ist hörbeeinträchtigt, das bedeutet für die Städteregion 100.000 Menschen. Davon brauchen nicht alle ein Hörgerät, aber sie sind auf dem Weg dahin. Für diese Menschen will das HGZ Anlaufstelle sein.

Warum steigen die Zahlen?

Bergk: Weil wir immer älter werden. Altersschwerhörigkeit betrifft also immer mehr Menschen. Aber es gibt auch immer mehr junge Menschen, die eine Hörminderung haben, weil sie zu laut und/oder zu lange Musik hören – bevorzugt mit Stöpseln in den Ohren.

Ist den jungen Leuten klar, welche Folgen ihre alltägliche Beschallung haben kann?

Bergk: Nein, den Eindruck habe ich nicht. Da muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.

Mit welchen Fragen und Sorgen kommen die Menschen zu Ihnen?

Bergk: Es geht häufig um Beantragungen von Hörgeräten oder Schwerbehindertenausweisen, auch zum Thema Erwerbsminderungsrente kommen Fragen. Es kommen aber auch Angehörige, die wissen möchten, wie sie den Partner oder die Mutter überzeugen können, endlich etwas gegen deren Schwerhörigkeit zu tun.

Welche Facetten hat das Hören?

Bergk: Hören ist natürlich ein wichtiger Teil von Kommunikation: Wer nicht mehr richtig hört, gibt mitunter falsche Antworten, hört den grüßenden Kollegen nicht – so kann es schnell zu zwischenmenschlichen Problemen kommen. Und wenn man immer hochkonzentriert zuhören muss, um alles mitzubekommen, ist das sehr anstrengend und man ermüdet viel schneller. Das kann zu Erschöpfungszuständen und sogar zu Depressionen führen.

Hören ist aber auch Orientierung. Ein Brillenträger bemerkt, was er nicht sieht, wenn er seine Brille abnimmt. Ein Schwerhöriger hört nicht, was er nicht hört. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Hören ist ein Motor fürs Gehirn, über das Gehör bekommt das Gehirn viele Impulse. Wenn man immer weniger hört, wird das Gehirn immer weniger beansprucht. Die Gefahr steigt, dass man auch geistig nachlässt. Das wissen viele nicht. Wenn ich das Besuchern meiner Sprechstunde klar mache, sind viele bereit, ein Hörgerät zu tragen.

Wann beginnt Schwerhörigkeit?

Bergk: Nicht erst, wenn die Krankenkasse ein Hörgerät genehmigt. Das ist, wenn auf dem besser hörenden Ohr ein Hörverlust von 30 Dezibel besteht. Die Wahrnehmung, ich höre nicht mehr so gut, setzt häufig früher ein. Ob dann auch schon ein Hörgerät angeschafft wird, ist allerdings fraglich.

Hat ein Hörgerät immer noch einen Makel?

Bergk: Sie sind lange nicht mehr so groß und hässlich, wie sie mal waren. Seit vergangenem Jahr sind die Krankenkassenzuzahlungen fast verdoppelt worden. Und die Geräte müssen ganz anderen Standards genügen als früher. Leider ist wohl noch immer in den Köpfen drin: Wenn ich ein Hörgerät trage, zeige ich, dass ich schlecht höre. Aber: Ich zeige vor allem, dass ich dem entgegenwirke.

Hat ein Hörgerät das Zeug zum Modeaccessoire zu werden – ähnlich wie es die Brille geschafft hat?

Bergk: Es wäre zumindest wünschenswert, entspannter damit umzugehen. Es gibt ja auch schon sehr schicke in bunten Farben, mit Strass-Steinchen oder mit kleinen Tieren verziert. Die Kassenmodelle sind leider nach wie vor nicht die schicksten. Aber um die Zuzahlungen weiterhin zu erhalten, kann ich jedem empfehlen, den HNO-Arzt einzuschalten, damit Hörgeräten nicht das gleiche Schicksal widerfährt wie den Brillen.

Die Kontakt- und Beratungsstelle ist Teil des von der Aktion Mensch geförderten Projekts „Hören macht Verstehen“. Welche Ziele hat das Projekt?

Bergk: Unser Ziel ist, Inklusion im Alltag für schwerhörige Menschen voranzubringen, die Rahmenbedingungen für ihre gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern, ihnen den Alltag zu erleichtern. Gerade haben wir einen induktiven Stadtplan entwickelt.

Was verbirgt sich dahinter?

Bergk: Dort sind alle Aachener Einrichtungen mit einer induktiven Höranlage verzeichnet. Das ist zurzeit die optimale Technik für digitale wie analoge Hörgeräte. Wenn das Telefonspulenprogramm aktiviert wird, werden die Mikrofone fürs Richtungshören ausgeschaltet und der Ton wird direkt ins Hörgerät gesendet. Dafür muss dieses Programm aber vom Akustiker eingerichtet werden.

Bisher sind es nicht so viele Einrichtungen – hauptsächlich katholische Kirchen.

Bergk: Das stimmt. Trotzdem hoffen wir, dass es mehr werden – allein weil die schwerhörigen Menschen von dieser Technik wissen und auch in anderen Einrichtungen – im Theater, im Kino, bei größeren Veranstaltungen – danach fragen können.

Wo sind die weißen Flecken?

Bergk: Vor allem die ganzen kulturellen Einrichtungen: Theater, Kinos. Natürlich gibt es heute auch schon eine App, die Untertitel für einen Kinofilm blendfrei liefert.

Wie haben Sie den Stadtplan erstellt?

Bergk: Beim Deutschen Schwerhörigenbund können sich Einrichtungen mit einer induktiven Höranlage eintragen lassen und das Bistum hat Kenntnisse über die Anlagen in den Kirchen. Auf diese Daten haben wir zurückgegriffen. Wir hoffen natürlich, dass mit Bekanntmachung des Stadtplans sich noch weitere bei uns melden.

Sie arbeiten auch daran, dass schwerhörige Menschen bei den Bemühungen um Inklusion nicht außen vor bleiben. Dabei fühlen die sich oft gar nicht von dem Thema angesprochen. Müssen Sie auf beiden Seiten aufklären?

Bergk: Ja, das ist so. Schwerhörigkeit wird leider immer noch mit dumm oder alt in Verbindung gebracht, weshalb viele Schwerhörige ihre Einschränkung verheimlichen. Aber nur ein selbstbewusster Umgang bringt Veränderung. Schwerhörige sollten ihr Gegenüber auf ihre Schwerhörigkeit aufmerksam machen und es bitten, nicht zu schnell, aber deutlich und ihnen zugewandt zu sprechen.

Welche Strategien gibt es noch, mehr von der Welt zu verstehen?

Bergk: Hörgeräte tragen! Auch wenn man damit nicht wieder 100 Prozent Hörfähigkeit erreichen kann.

Kann man das nötige Selbstbewusstsein denn trainieren?

Bergk: Ja, natürlich. Wir planen auch, Selbstbewusstseinstrainings anzubieten. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Menschen dann kommen. Dieser Schritt ist für viele tatsächlich sehr groß, Schwerhörigkeit wird oft lange verdrängt. Deshalb müssen wir erst mehr Aufklärungsarbeit leisten.

Unsere Erfahrung ist: Wenn das Thema offensichtlich mit Schwerhörigkeit in Verbindung steht, kommen die Menschen nicht. Bei einem Vortrag zum Thema Tinnitus haben uns die Menschen dagegen die Bude eingerannt.

Ist der Leidensdruck höher?

Bergk: Zum einen das, zum anderen wird eher darüber gesprochen. Fast jeder hat oder hatte mal einen Tinnitus. Etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung sind davon betroffen. Drei Prozent der Bevölkerung leiden unter einem „dekompensierten Tinnitus“. Das heißt, sie können ihn nicht verarbeiten und sind in ihrer Lebensqualität eingeschränkt.

Ein dekompensierter Tinnitus kann zu Depressionen und zum Suizid führen. Aber 80 Prozent der Tinnitus-Patienten sind auch schwerhörig. Die Referenten haben dieses Thema behandelt, aber im Titel haben wir das Thema Schwerhörigkeit ausgeklammert, weil dann wieder viele weggeblieben wären.

Inklusion ist das Bemühen, alle gleich stark an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Wie muss sich Gesellschaft verändern, um das für Schwerhörige zu erreichen?

Bergk: Mehr Aufmerksamkeit. Eine Brille kann ich sehen, eine Schwerhörigkeit nicht – besonders bei den immer kleiner werdenden Hörgeräten. Es ist eine unsichtbare Beeinträchtigung.

Am 14. Mai ist der Tag des Hörens – eine Initiative des Verbandes der Hörgeräteakustiker. Was machen Sie an diesem Tag?

Bergk: Gemeinsam mit einem Akustiker gehen wir mit dem Hörmobil in die Stadt. Zwischen 11 und 16 Uhr stehen wir damit am Holzgraben am Klenkes-Denkmal. Jeder kann dort kostenlos einen Hörtest machen und finden in mir und der HGZ-Geschäftsführerin Anne Elsen Ansprechpartner. Wir können Infos und Tipps geben, auch kurze Beratungen anbieten. Wir wollen unsere Beratungsstelle für Schwerhörige und das HGZ insgesamt bekannter machen.

Das HGZ gibt es ja schon seit fast zehn Jahren. Den Verein gibt es noch deutlich länger. Ist das Thema Hören bzw. Nicht-Hören stärker im Bewusstsein, seit es das HGZ als Anlaufstelle gibt?

Bergk: Das HGZ hat sich zu einem großen Dienstleistungszentrum entwickelt: Hier gibt es Beratungsangebote für Hörgeschädigte und jetzt auch Schwerhörige, wir bieten Gebärdensprachkurse an und vermitteln Gebärdensprachdolmetscher, hier haben Selbsthilfegruppen ihre Heimat (siehe Info-Kasten). Tatsächlich ist es auch dem Einsatz des HGZ zu verdanken, dass die Städteregion die Kosten für einen Gebärdensprachdolmetscher für neun Stunden pro Quartal im privaten Bereich finanziert – vorausgesetzt die Abwicklung läuft übers HGZ.

Im Bereich der Schwerhörigkeit sind wir noch nicht so weit. Aber ich merke, dass seit ich hier arbeite, auch in meinem Bekanntenkreis mehr über das Thema Schwerhörigkeit gesprochen wird. Ähnlich wird es bei Menschen sein, die zur Beratung hier waren. Auch Einrichtungen wie die Rentenversicherung vermitteln bereits an uns weiter. Und unser Netzwerk wächst.

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