„Himbeerreich“: Stück über das internationale Banken- und Finanzsystem

Von: Ines Kubat
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„Thematisch brandaktuell und in seiner Form einzigartig“: Bernadette Sonnenbichler hat das Stück „Himbeerreich“ inszeniert, das am 31. Oktober in der Kammer des Theater Aachen Premiere feiert. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Credit Default Swaps, Derivate oder Hochfrequenzhandel – dies sind nur wenige Beispiele des Banken-Jargons, der bei den meisten Menschen nur unverständige und hilflose Blicke hervorruft. Und manchmal wirkt diese sprachliche Abgrenzung ganz bewusst gewählt. Denn genau wie die Sprache dem elitären Zirkel in den Geldinstituten vorbehalten scheint, bleiben auch die Geschehnisse, die Ränkespiele und die gesamte Finanzpolitik häufig hinter verschlossenen Türen und dem Laien verborgen.

Nur wenige erhaschen einen Blick in diese Welt, die vor rund fünf Jahren der Ursprung der weltweiten Finanzkrise war. Noch weniger Menschen können dabei mit den Geschäftsführern der Spitzenbanken – den sogenannten CEO‘s – selbst sprechen. Einer von ihnen war Dokumentarfilmer und Autor Andres Veiel. Er hat exklusive Gespräche mit 25 Spitzenbankern aus Deutschland der Schweiz, Luxemburg und England geführt. Jeder der Banker ist noch heute oder war bis vor kurzem in einer Führungsposition. Aus den Originalzitaten hat Veiel das rund 100-minütige Theaterstück „Himbeerreich“ geschrieben. Und das feiert am Donnerstag, 31. Oktober, in der Kammer des Stadttheaters Premiere.

Und dieses besondere Stück hat bei Regisseurin Bernadette Sonnenbichler schnell großes Interesse geweckt, obwohl sie vorher den Wirtschaftsteil der Zeitung eher überblättert denn mit Hingabe studiert hat, wie sie sagt. Wie ihr geht es vermutlich vielen, die sich von der Sprache und den komplexen Prozesszusammenhängen im Geldsystem abschrecken lassen.

Doch je mehr Sonnenbichler sich mit dem Stück beschäftigte, desto mehr verstand sie und wurde nicht selten von einer „infantilen Wut“ gepackt, wie es Dramaturgin Caroline Schlockwerder beschreibt. Sie und die Schauspieler seien im Laufe der Proben immer wieder an einem Punkt von Hilflosigkeit angekommen – bedingt durch die unübersichtlichen und wirren Machtgefüge des Finanzmarktes.

Und tatsächlich: Was Veiel in „Himbeerreich“ auf die Bühnen bringt, sei nicht weniger als die Dokumentation der innersten Geschehnisse eines regelrechten Hexenkessels. „Kleine Bömbchen“ nennen Dramaturgin und Regisseurin Informationen, die auf der Bühne ans Tageslicht kommen werden. Denn die CEO‘s berichten nicht nur vom Ablauf der Finanzkrise, sondern auch vom internen Klima, Mobbing oder gegenseitigem Abhören. Die Zuschauer erfahren Dinge, die man vielleicht in Ansätzen ahnte, aber niemals von offizieller Seite bestätigt wusste. Das Stück enthalte solch brisante Informationen, dass Veiel den befragten Geschäftsführern Anonymität versichern musste.

Durch seine exklusiven Informationen habe der Autor ein Werk geschaffen, das brandaktuell und einzigartig in der Theaterlandschaft sei, sagt Sonnenbichler: Ohne zusammenhängende Handlung, sondern in Gesprächen oder Monologen stehen die sechs Schauspieler auf der Bühne und verkörpern die 25 Interviewten, erklärt Sonnenbichler. Ganz außergewöhnlich sei, dass Veiel ausschließlich Originalzitate der CEO‘s verwendete und nicht weiter ausschmückte. Lediglich einige Sachinformationen zur besseren Verständlichkeit habe die Regisseurin hinzugefügt.

„Himbeerreich“ hinterlasse einen schalen Nachgeschmack der Machtlosigkeit: Denn auch im fünften Jahr der Krise könne man feststellen, dass trotz angstvollem Aufschrei und diversen Rettungspaketen kaum ein Systemwandel im Finanzsektor stattgefunden habe, so Dramaturgin Schlockwerder.

Doch der Ansatz des Stückes sei nicht, die Finanzkrise in Gänze zu erklären, oder nur für Empörung zu sorgen. Vielmehr wolle man den Zuschauer mehr Klarheit in diesem schwierigen Thema verschaffen, so dass die Verantwortung nicht weiter ausschließlich der Banken-Elite obliegt. Denn jeder sei – so Sonnenbichler – im Bereich des Geldsystems gefragt, sich seine Mündigkeit zurückzuerobern.

Die Karten für die Premiere sind bereits vergriffen, jedoch werden weitere Spieltermine bis mindestens Februar angeboten.

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