Hilfsverein „Wabe“: Auch im vierten Jahrzehnt Verbesserungspotenzial

Von: David Grzeschik und Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
10674515.jpg
Haben ein bedarfsgerechtes Angebot für bedürftige Menschen geschneidert: Esther Flemming und Alois Poquett, Vorstand und Geschäftsführer der „Wabe“ mit Schneidermeisterin Mechthild Jansen-Becker (rechts). Foto: Michael Jaspers

Aachen. Aus der Aachener Soziallandschaft ist ein Hilfsverein schon lange nicht mehr wegzudenken: Vier Buchstaben stehen für das breite Hilfsangebot der „Wabe“. Die Buchstaben kürzen die Bereiche Wohnung, Arbeit, Beratung ab. Hier ist die „Wabe“ seit 30 Jahren“ als Einrichtung der Diakonie aktiv.

Alois Poquett ist Geschäftsführer des Vereins, Esther Flemming Geschäftsführerin der „Wabe“-Tochter Akazia und Vorstand. Im heutigen Samstagsinterview schildern sie die Entwicklung, heutigen Status Quo und Perspektiven der „Wabe“.

Ist es nicht eigentlich traurig, dass die „Wabe“ ihren 30. Geburtstag feiert? Ideal wäre doch, wenn ein sozialer Hilfsverein irgendwann überflüssig wäre.

Poquett (überlegt): Nein, ich denke nicht. Seit der Vertreibung von Adam und Eva leben wir nicht mehr im Paradies. Heutzutage ist mir keine Gesellschaftsform geläufig, in der es keine benachteiligten Gruppen gäbe und in der es allen gutgeht. Insofern empfinde ich eher Dankbarkeit und Freude darüber, dass wir die Lage vieler Menschen durch unsere Arbeit verbessern können. Seit 30 Jahren.

Aus welchen Motiven wurde die Wabe damals gegründet?

Poquett: Es gab schon vor dem Krieg den Evangelischen Herbergsverein, der sich für wohnungslose Menschen einsetzte. Wir wollten uns breiter aufstellen und ein ganzheitliches Konzept vorlegen. So kam es am 21. August 1985 zur Gründung der „Wabe“, die sich seither um Menschen in sozialen Schwierigkeiten kümmert: Haftentlassene, Wohnungslose, Langzeitarbeitslose und Menschen mit Behinderungen. Flemming: Und an unseren Grundsäulen, Wohnung – Arbeit – Beratung, hat sich bis heute nichts geändert. Der Name ist weiterhin Programm genauso wie das Programm einst den Namen gegeben hat.

Haben sich denn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in diesem Zeitraum verändert?

Poquett: Vieles ist bürokratischer und komplizierter geworden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein volles Konto war nie unsere oberste Priorität. Trotzdem müssen die Dinge immer solider refinanziert sein. Die Bank will keine Konzepte, sondern Zahlen sehen. Das ist ein Umstand, der sich in den letzten Jahren schon verschärft hat. Flemming: Wir haben uns immer auch mit der Gesellschaft weiterentwickelt. Heutzutage ist für jede Besonderheit eine eigene Schublade kreiert. Daran müssen sich auch die Helfenden anpassen. Trotzdem versuchen wir, unser niederschwelliges Arbeiten in allen Bereichen so gut wie möglich zu erhalten. Poquett: In der Hinsicht wurden wir über all die Jahre aber auch von der Stadt unterstützt, die trotz der engen Haushaltskasse das Hilfeangebot immer erhalten hat. Das ist in der Tat nicht selbstverständlich und macht Aachen durchaus liebenswert.

Wie viele Menschen sind derzeit bei der Wabe in Projekten beschäftigt?

Poquett: Der Verein und seine Töchter hat 230 Festbeschäftigte, darunter Köche, Handwerker, Sozialarbeiter, Erzieher und vieles mehr. Ein wichtiger Ansatz von „Wabe“ ist die Integration: 40 Prozent der Belegschaft in den Integrationsunternehmen sind Menschen mit Behinderungen. In unseren Maßnahmen finden 250 Teilnehmer eine Beschäftigung, die über das Job-Center zu uns kommen, das uns sehr gut unterstützt. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Zahl der Teilnehmer vom Geld und nicht vom tatsächlichen Bedarf abhängt.

Wo siedeln Sie die Wabe in der Aachener Soziallandschaft an?

Poquett: Unsere Zielgruppe waren immer – und das wird sich nicht ändern – arbeitsmarktferne Menschen. Wir sind nicht mehr die, die einfach drauf loslegen, womöglich noch nicht einmal vorher Absprachen treffen. Wir sind miteinander gut vernetzt und kooperieren auch. Wenn wir merken, dass ein Angebot nicht angenommen wird oder andere etwas besser können, lassen wir die Finger davon. Das gehört zu unseren Grundprinzipien.

Wie sehen Sie sich 30 Jahre nach Gründung gesellschaftlich verankert?

Flemming: Besonders die Jugendhilfe erfährt unserer Ansicht nach eine hohe Akzeptanz. Bei den Integrationsmaßnahmen haben wir uns mit den Standorten in Aachen, Stolberg und Alsdorf der Beschaffenheit der Städteregion angepasst. Zu sehen ist das daran, wer sich alles zu unserem gestrigen Jubiläum auf den Weg ins Rathaus gemacht hat. Da waren viele dabei, die uns früher vielleicht eher als Konkurrenten gesehen haben.

Gibt es Projekte, die für Sie besonders hervorzuheben sind?

Poquett: Spontan fallen mir da zum einen die Wärmestube, zum anderen aber auch die Radstation am Hauptbahnhof ein. Wir hatten damals nicht lange darüber nachgedacht, ob wir die Ideen auch verwirklichen wollen, wir waren in der Umsetzung der Idee einfach möglichst spontan. Das erwies sich als sehr erfolgreich, da wir viele Menschen aus dem Schatten ins öffentliche Licht holen konnten. Flemming: Menschen, die sich dort in Maßnahmen befinden, erhalten für ihre Arbeit eine Menge Lob. Insofern geht es uns auch darum, ein anderes Bild in der Gesellschaft zu erzeugen. Viele Menschen glauben ja leider noch immer an den faulen Hartz IV-Empfänger, der es sich in der sozialen Hängematte bequem macht. Schön sind aber auch die ganz individuellen Geschichten. Wenn eine junge Frau, die damals bei uns in der Jugendhilfe war, heute Abteilungsleiterin für den Raum Köln einer Supermarktkette ist, freut uns das natürlich unwahrscheinlich.

Aber es will alles finanziert sein.

Poquett: Natürlich muss alles refinanziert werden. Uns hat aber grundsätzlich immer zuerst die bedarfsorientierte Idee interessiert und nicht das volle Konto. Es ist grundsätzlich im sozialen Bereich schwer, Neues zu finanzieren.

Haben Sie eigentlich noch ein Interesse daran, die Fankneipe Klömpchensklub am Tivoli, zu bewirtschaften?

Poquett: Das wird zurzeit noch entschieden und natürlich haben wir ein grundsätzliches Interesse daran. Es gibt generell zu wenige Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderungen, weshalb wir immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten für diese Menschen sind. Und der Klömpchensclub böte da eine gute Möglichkeit mit hoher Öffentlichkeitswirksamkeit. Flemming: Es geht uns darum, Menschen, die benachteiligt werden, weil sie z.B. nicht so schnell arbeiten können wie andere, eine Chance zu bieten. Wir wollen auch, dass sie für ihre Arbeit Dank erhalten und mit Erfolgserlebnissen beschenkt werden. Und dafür muss man diese Bereiche, wenn es sie am normalen Arbeitsmarkt nicht gibt, konkret schaffen.

Haben Sie sich bereits Gedanken darüber gemacht, wer den Vorstand übernimmt, wenn sie in ein paar Jahren in Rente gehen?

Flemming: Ja, wir haben auch schon einen Stellvertreter in den Vorstand geholt. Tatsächlich wollen viele den Beruf nicht machen wegen der Verantwortung, die mit dem Posten zusammenhängt. Man muss die Bereitschaft haben, sein Handy 24 Stunden rund um die Uhr eingeschaltet zu lassen. Unser System basiert auf flacher Hierarchie, wir geben viel Entscheidungskompetenz ab, was es prinzipiell einfacher macht. Und trotzdem ist es nicht leicht, Menschen dafür zu begeistern… Poquett: Für mich ist das hier mindestens der zweitbeste Job in Aachen (lacht)! Es gäbe nur einen interessanteren, der mit meiner Leidenschaft für die Alemannia zu tun hat. Ganz im ernst: Die Vielfalt des Berufs reizt mich jeden Tag aufs Neue, man kommt mit vielen sehr unterschiedlichen Dingen in Berührung. Für mich ist jeder Tag spannend. Was nicht heißt, dass man mitunter sehr gefordert wird.Flemming: Wenn ich morgens eine Therapie mit einer Klientin habe, mittags eine Besprechung zum Thema Brandschutz ansteht und abends nochmal was ganz anderes anfällt, dann ist das einfach auch anstrengend.

Hat die „Wabe“ konkret neue Projekte in der Pipeline?

Flemming: Ja. Wir fänden zum Beispiel die Einrichtung eines Wohnhauses für wohnungslose Frauen sehr wichtig. Kein weiteres Frauenhaus, sondern ein Zuhause für die Gruppe auf Zeit. Viele wohnungslose Frauen müssen sich der Wohnungsprostitution hingeben. Poquett: Hier könnten wir ein neues Projekt auf bewährtem Terrain anleiern.

Mit welcher Aussicht und Einstellung geht die Wabe in ihr viertes Lebensjahrzehnt?

Poquett: Wir denken nicht großartig daran, was in zehn Jahren ist. Für uns ist jeder Geburtstag ein Fest. In nächster Zeit wollen wir ein neues Jugendhilfe-Projekt starten und unsere Idee von einem Wohnhaus für wohnungslose Frauen weiter konkretisieren. Gerade letzterer Punkt ist ein fortschreitendes Problem, das angegangen werden muss. Sie sehen also: Ohne unsere Grundsäulen an sich zu erweitern, gibt es in bestehenden Aufgabenfeldern noch genügend Verbesserungspotenzial!

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert