Aachen - Herrliche Episoden heiteren Trübsinns

Herrliche Episoden heiteren Trübsinns

Von: Mischa Wyboris
Letzte Aktualisierung:
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Prima Premiere: Generationenübergreifend begeistern die U21- und die U55-Gruppen im Mörgens des Stadttheaters. Sie standen erstmals gemeinsam auf der Bühne. Foto: Ludwig Koerfer

Aachen. Manchmal kann es ein Fehler sein, das geschriebene Wort die eigene Erwartung bestimmen zu lassen. Hin und wieder lesen sie sich etwas klischeehaft, die kurzen Zitate, die Versuche hier und da, schon im Vorfeld eine Idee von dem zu vermitteln, was dem Besucher bei „Fleisch und Käse” widerfährt.

Doch vorschnelle Schlüsse werden dem mit 70 Minuten kurz und knackig gehaltenen Bühnenstück nicht gerecht, und so darf man bei der ersten gemeinsamen Produktion der U21- und der Ü55-Laienschauspielgruppe getrost mehr erwarten als die trockene Antwort auf die angestaubte Frage: „Jung” und „Alt” - geht das überhaupt?

Irgendwie ist alles erfrischend anders - das wird dem Premierenpublikum schon weit vor der ersten Szene klar, als es seinen Weg nicht gewohnt schnurstracks, sondern labyrinthisch zur Bühne des „Mörgens” beschreitet. „Na ja, sie hat ja auch lang genug gelebt”, lautet ein anrührendes Urteil über das früh im Stück, aber spät im Dasein geschehene Ableben einer Dame im besten, für die junge Generation vielleicht gar im allerbesten Alter.

Bissiger Humor und scharfe Selbstironie lassen junge wie alte Darsteller verletzlich, aber in ihrer Geschichte und gegenseitigen Beziehung immer auch ehrlich und in ihrer Hilflosigkeit liebenswert erscheinen. Ein vornehm-vulgärer Tantenmörder, eine hochbetagt-schrullig-famose Interpretation von „Aachen, Alter!” und eine späte Replik auf Zeitungskritik - was der geistige Gourmet serviert bekommt, ist weder Fisch noch Tofu, weder Fleisch noch Käse: Kaum vorhersehbar, nehmen derbe und dreiste, warme und witzige Dialoge im ersten Moment rasant an Fahrt auf und verstören im nächsten - köstlich aufbereitete Logikdreher inbegriffen.

Das Bühnenwerk versprüht Zitrusfrische - auch gegen den Altersmuff -, klärt auf über seniles „Schuldig geschieden”-Sein und juvenile „Ich weiß nicht, was ich will”-Existenz - mal laut und stark, mal schwach und flüsternd. Was bleibt, sind herrliche Episoden heiteren Trübsinns und die Gewissheit, dass hier „Alt” von „Jung” und „Jung” von „Alt” profitiert, dass aus dem Frischfleisch von früher kein Gammelfleisch von heute geworden ist.

„Inhaltlich sind doch einige Sentenzen auf die Bühne gebracht worden”, sagt Premierenbesucher Thomas Becker. „Da bleiben viele Fragezeichen, aber das stört mich nicht, weil ich von vornherein kein stringentes Stück erwartet habe.” Den Darstellern attestiert Becker „gute Führung” - durch Anne Wuchold und Sebastian Stert. „Fleisch und Käse” ist kein Partykiller mit Alzheimersyndrom, sondern trotz gewaltiger Generationengräben ein allemal amüsantes Altersschauspiel.

Weitere Aufführungen finden am 3., 7., 9. und 10. Juni jeweils um 20 Uhr im „Mörgens” statt. Infos und Karten gibt es unter Telefon 4784-244.
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