Heribert Zimmermann: „Ich möchte einfach mal Glück haben“

Von: Thomas Vogel
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Leben und Arbeiten in der Garage: Zeitweise war das für den Provokationskünstler Heribert Zimmermann bittere Realität. Der 70-Jährige ist in Aachen unter anderem durch ausgefallene Auftritte vor Gericht bekannt.
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Leben und Arbeiten in der Garage: Zeitweise war das für den Provokationskünstler Heribert Zimmermann bittere Realität. Der 70-Jährige ist in Aachen unter anderem durch ausgefallene Auftritte vor Gericht bekannt.

Aachen. Geschätzt vier Quadratmeter – das ist der Platz, auf dem der Großteil seiner jüngeren Vergangenheit stattgefunden hat. Unbeheizt. Ohne Toilette, Waschmöglichkeit oder Bett. Nicht einmal ein Zimmer, sondern eine Garage ist es, die Heribert Zimmermann von seiner aufgestockten Minirente gemietet hat.

Von der Stadt hat er ein kleines Appartment in einem Übergangswohnheim bekommen. Dort hat er sich lange jedoch nicht hingetraut. Ein Nachbar habe ihn mehrfach attackiert, zusammengeschlagen, „richtig brutal“, sagt Zimmermann. Deshalb ist er nicht mehr aufgetaucht. Zumindest wenn die Gefahr bestand, entdeckt zu werden. Nachts habe er sich manchmal hineingeschlichen, drei Stunden geschlafen und noch vor Tagesanbruch habe er sich wieder davongestohlen. Kein Leben für einen 70 Jahre alten Menschen. Das weiß Zimmermann selbst.

Kein Verrückter . . . kein Spinner

Ein Verrückter... ein Spinner. Natürlich registriere er, dass viele seiner Mitmenschen ihn so wahrnehmen. Während Zimmermann erzählt, hindert er einen pinken Kinderroller mit einer Hand am Umfallen. Vier Anhänger sind drangehängt: zwei Koffer mit Rollen, ein Kinderwagen und ein Dreirad aus Plastik. Ganz am Ende sind Schilder angebracht: Geschwindigkeitsbeschränkung auf 200 und Schleudergefahr. Unter letzterem die Botschaft „Pissiger Hund“. Es ist eines der Werke, die er als Sozialkünstler in seiner Garage gebaut hat. Regelmäßig zieht er das Gespann durch Aachen, um Passanten zum Nachdenken anzuregen. Die Farbgebung – pink – teilen die meisten der Teile.

„Eigentlich ist das gar nicht pink, sondern magentafarben.“ Das werde gerne verwechselt, sagt Zimmermann. Da ist er genau. Wie jemand, der nicht ganz bei sich ist, wirkt dieser Mensch eigentlich nicht. Während er über sein Leben und seine verzwickte Situation spricht, blickt er aus aufgeweckten blauen Augen auf sein Gegenüber und seine Sätze ergeben Sinn.

Zimmermann trägt eine dunkle Jeansjacke über einem magentafarbenen Fleece-Jäckchen über einem magentafarbenen T-Shirt. Sein auf dem letzten Stück zum Zopf geflochtener weißer Rauschebart hängt darauf hinab. Die Bluejeans wirken fast ein wenig zu gewöhnlich an diesem Mann. So könnte zumindest empfinden, wer einen kleinen Einblick in Zimmermanns Leben erhalten hat. Die magentafarbenen Gummischuhe darunter scheinen die Hose als bewusst gesetzte Provokation entlarven zu wollen. Möglicherweise. Möglich allemal. Denn Zimmermann bezeichnet sich selbst auch als Provokationskünstler.

Ein Leben voller Pech ist es, auf das er zurückblicke, sagt Zimmermann. Er sagt es nicht resigniert. Höchstens ein bisschen traurig. Sicher fußen nicht alle seiner außergewöhnlichen Erfahrungen auf purem Pech. Da hat der rüstige Senior seinem provokationskünstlerischem Drang offenbar ab und zu nachgegeben. Einige seiner Erfahrungen: Gefängnisaufenthalt wegen Mordverdachts, Rauswurf aus einem katholischen Seniorenheim, Hunderttausende Kilometer per Anhalter durch die Weltgeschichte, Medienstar für einen Augenblick und ein gerüttelt Maß provozierter Kollisionen mit der Justiz.

„Ich bin Adenauer“, sagt Zimmermann und meint nicht Konrad, sondern das Eifelörtchen. Dort ist er in einem „kleinstbürgerlichen“ Elternhaus aufgewachsen. Er besuchte die Schule, ging anschließend zur Bundeswehr. In diese Zeit fällt das vielleicht erste bemerkenswerte Kapitel in Zimmermanns Werdegang. Auch wenn er diesen einen Prozess tatsächlich unfreiwillig mitgenommen hat.

Nach eigenen Angaben wurde er in den als Soldatenmord von Lebach in die deutsche Geschichte eingegangenen Überfall auf ein Bundeswehr-Munitionsdepot im Saarland hineingezogen, in dessen Verlauf vier Soldaten getötet wurden. Sechs Monate habe er damals unschuldig in Untersuchungshaft verbracht.

Nach Aachen kam Zimmermann viel später, in den 90er Jahren – und sorgte recht schnell für Wirbel. Die Arbeitsstelle in einem katholischen Seniorenheim, die er dort angetreten hatte, verlor er auf unverwechselbare Weise – nachdem er Gutscheine für einen kostenlosen Bordellbesuch verteilt hatte. Das war ein Werk, für dass er als Provokationskünstler augenscheinlich etwas Stolz empfindet.

Ein verschmitztes Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht. „Da waren alle schockiert. Dort haben ja auch Nonnen gearbeitet ...“ Zimmermann zeigt ein Exemplar: hochoffizielles Aussehen mit Bundesadler, gute Produktionsqualität. Auf der Rückseite zeigt der Papst den Stinkefinger, darüber ein Kondom gestülpt. Aha, deshalb der Aufruhr im Seniorenheim. Und der Prozess. Und der Rausschmiss. Allerdings nicht das Ende der Geschichte, denn Zimmermann ging weiter in das Heim.

Um eine Freundin zu besuchen, die damals älteste Aachenerin, sagt er. Die Heimleitung wollte sich das nicht gefallen lassen und zeigte ihn wegen Hausfriedensbruch an, in weit mehr als 20 Fällen. Provokationskünstler Zimmermann bestand beim Prozess dann darauf, wegen exakt 292 Fällen belangt zu werden. Er habe sie begangen, weil er der Meinung sei, ein Altenheimdirektor habe nicht das Recht, „alte Menschen zu entmündigen und ihnen vorzuschreiben, wer sie besuchen darf und wer nicht“.

„Zensurorgie“ in Aachen

Es war ein Prozess unter vielen. „Ich bin aus Notwehr Künstler geworden, weil ich darauf vertraut habe, dass Kunst unter dem Schutz des Grundgesetzes steht und eine Zensur nicht stattfindet.“ Nach seinem Einstand in Aachen sei ihm dann jedoch gleich eine ganze „Zensurorgie“ widerfahren. Von 14 Zensurbeschlüssen spricht Zimmermann, von Dingen, die eine große Strafkammer gerichtlich verboten habe, über die man eigentlich nur lachen könne.

Die Briefmarke „Stöhnhausen“ beispielsweise. Die hatte Zimmermann kreiert, weil die Mitarbeiter in den Justizbehörden immer aufstöhnten, wenn sie Post von ihm bekamen, wie er sagt. Nach dem Motto: „Ach, der schon wieder ...“ Die frei erfundene Marke habe er nur an diese Adressaten verwendet. „Die haben also immer Post von mir bekommen – Stöhnhausen – und mussten auch noch Strafporto bezahlen, weil das ja keine gültige Briefmarke ist.“ Der Gedanke dahinter: Auf der Straße herumzurennen und sich zu beklagen, dass einem Unrecht widerfahren sei, bringe überhaupt nichts.

Es sei nämlich wie in der Werbung: Die Wahrheit lasse sich nur mit List verbreiten. Zimmermann versteht sich auch als Experte in Sachen Guerilla-Marketing. In diesem Fall jedenfalls sei die List, die Justizbehörden mit der falschen Marke „auflaufen zu lassen, einen Prozess zu bekommen und diesen Prozess umzuwandeln in eine Kabarettveranstaltung.“ Das sei ihm in Aachen zig Mal gelungen. Und die Säle seien grundsätzlich voll gewesen, sogar Platzkarten hat Zimmermann zu diesen Anlässen verteilt.

„Provocare ist ein lateinisches Wort und bedeutet nichts anderes als ‚hervorrufen‘.“ Wenn Zimmermann es mit seinem künstlerischen Engagement auf Provokation abgesehen hat, dann ist er offenbar erfolgreich. Bei einem Nachbarn jedenfalls ruft der 70-Jährige mit seinen Ausführungen umgehend etwas hervor. Etwas, das Entrüstung schon recht nahe kommt. Als der Nachbar vernimmt, wie Zimmermann versucht, auf Missstände aufmerksam zu machen – mit Gerichtsverfahren, denen er nicht nur nicht aus dem Weg geht, sondern die er anstrebt – reißt der Faden: „Dafür müssen am Ende doch wir alle bezahlen“, presst der Nachbar hervor.

Amüsiert klingt er nicht, auch wenn der alte Mann aus der Garage ihm ansonsten Leid tut und er ihm gerne helfen würde. „Das ist der Allgemeinheit gegenüber schädlich. Ich selbst muss arbeiten, zehn Stunden am Tag und mehr, und muss dann diese Prozesse mitfinanzieren.“ Zimmermann kann die Reaktion nachvollziehen: „Das ist auch der Sinn meiner Aktionen... mal zu zeigen, dass die Justiz am laufenden Meter und fließbandartig solche Eierdiebprozesse provoziert oder organisiert. Das sind Bagatellen, da wird aus einer Mücke ein Elefant gemacht.“ Nachbar: „Das finde ich überhaupt nicht lustig, wenn man den Staat und den Mitbürger mit solchen Dingen so veräppelt.“

Veräppeln. Das Wort könnte einem tatsächlich in den Sinn kommen, wenn Zimmermann von seiner Köpenickiade erzählt. Eigentlich schon entlassen wollte er seine Papiere im Gefängnis abholen, wurde aber abgewiesen, weil es mit den Öffnungszeiten offenbar nicht passte. Kurzerhand entschloss Zimmermann sich, eine Uniform überzustreifen und als falscher Beamter – in Anlehnung an den Hauptmann von Köpenick – in etlichen Nobelrestaurants fein zu speisen, um gleich darauf die Zeche zu prellen. Sein Kalkül: „Auf diese Weise werde ich sicher einkassiert und komme rein.“

Vielen Einwohnern Aachens wird vielleicht der schwarze Sarg in Erinnerung sein, den Zimmermann oft durch die Stadt zog und auf ihm nach eigener Aussage sogar Touristen auf Stadtrundfahrt mitnahm. Zu kurzzeitiger Berühmtheit gelangte er in der heißen Phase der Reemtsma-Entführung. Als ehemaliger Zellennachbar eines der Entführer plauderte er bereitwillig in die vielen Mikrofone, die Fernsehteams aus der ganzen Republik ihm unter die Nase hielten. Später, seit den frühen 2000er Jahren, war er weit mehr als 350.000 genau protokollierte Kilometer ausschließlich per Anhalter unterwegs.

Ein Vorbild: Till Eulenspiegel

Weil ein echter Künstler einen Künstlernamen braucht, nennt Zimmermann sich „Keulenspiegel“. Der Name musste – bei dem ganzen Pech, das Zimmermann seiner Meinung nach hatte – genau 13 Buchstaben haben. Er sollte einprägsam sein. „Und Till Eulenspiegel war ja nun ein Meister seines Faches – ein genialer Sozialkünstler, der Probleme angegriffen und deshalb ein paar Mal halb am Galgen gehangen hat.“

Durch List habe er seinen Kopf aber immer wieder aus der Schlinge gezogen. Für Zimmermann ein Vorbild. Auch in anderer Hinsicht: Eulenspiegel sei auch nach 500 Jahren in Deutschland noch jedem Kind bekannt. „Für mich auch ein Marketinggenie“, erklärt Zimmermann. Und genau das ist es, was „Keulenspiegel“ eigentlich sein will.

„Ich will fünf Quadratmeter, wo ich meinen Schreibtisch hinstellen kann. Das ist alles, was ich brauche. Einfach nur arbeiten.“ Und was? Nun, auch seine beruflichen Ziele sind außergewöhnlich. „Ich möchte die mittelalterliche Werbung in Deutschland revolutionieren.“ Er habe Ideen „en masse“, sagt Zimmermann. Werbung ist sein Steckenpferd und auch, so findet er, sein großes Talent. Die viele Aufmerksamkeit, die er mit all den Prozessen erregt habe, die Menschen, die er mit seinen Kunstwerken aufschrecke, belegten dies.

Die Geschichte endet für Heribert Zimmermann zwischenzeitlich zumindest auf einer guten Note: Der schlimme Nachbar, der ihn mehrfach mit Schlägen traktiert hat, der ist nicht mehr da. Das hat die Stadt auf Nachfrage bestätigt. Die war zunächst hellhörig geworden: Ein Mensch lebt in einer Garage, ohne Toilette, Heizung, Waschmöglichkeit? Das gehe nicht, da müsse die Stadt sich kümmern. Das braucht sie nun vorläufig aber nicht zu tun. Heribert Zimmermann hat die vergangenen Nächte schon wieder in seiner Wohnung verbracht.

Es mag nicht viel sein. Aber es ist genau das, was der 70-Jährige braucht. „Ich habe gar nichts, ich mache alles aus der totalen Mittellosigkeit heraus. Das aber ist wiederum ein Zustand, den ich fast schon genieße, denn Not macht erfinderisch. Wenn ich satt und zufrieden wäre, hätte ich keine Ideen mehr. Das ist das Einzige, wovor ich wirklich Angst habe.“

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