Aachen - Herbert Frings wird Geschäftsführer des Lebenshilfe-Landesverbandes

Herbert Frings wird Geschäftsführer des Lebenshilfe-Landesverbandes

Von: Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
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Ein Bild, das künftig Seltenheitswert haben dürfte: In seiner neuen Aufgabe wird Herbert Frings – hier in der neuen Lebenshilfe-Kita „Tivolino“ – deutlich weniger in den Einrichtungen vor Ort sein. Foto: Michael Jaspers
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Die Nachfolgerin von Herbert Frings in der Geschäftsführung der Lebenshilfe Aachen, Barbara Krüger, ist bereits seit dem 1. April in Amt und Würden. Foto: Lebenshilfe Aachen

Aachen. Sein Fahrrad hat als Dienstfahrzeug ausgedient. Herbert Frings muss aufs Auto umsteigen, denn statt Adenauerallee heißt sein Dienststandort ab 1. Juni Köln. Der (Noch-)Geschäftsführer der Aachener Lebenshilfe bricht auf zu neuen Ufern.

Er wird Geschäftsführer des Lebenshilfe-Landesverbandes mit Sitz in Köln und 77 angeschlossenen Ortsvereinigungen in Nordrhein-Westfalen. Von einem hierarchischen Sprung möchte er nichts wissen, dazu ist erstens sein neues Aufgabengebiet viel zu verschieden und zweitens will er den Kontakt zu Aachen nicht abbrechen lassen. Im heutigen Samstagsinterview erzählt Herbert Frings von seinem Abschied aus Aachen, von seinen neuen Herausforderungen und von wichtigen Projekten, die er in der vergangenen Dekade realisiert hat.

Wir befinden uns gerade in der neuen Integrativen Kita der Lebenshilfe „Tivolino“ auf dem neuen Einkaufszentrum an der Krefelder Straße. Ihr letztes großes Aachener Projekt?

Frings: In der Tat – und ein sehr schöner Abschluss, wenn auch noch kleine Hausaufgaben zu erledigen sind. Wenn ich aber an den alten Standort dieser Einrichtung am Ferberberg denke. . .

Hat sich mehr als der Bau geändert?

Frings: Hier kann man quasi die neue Ausrichtung, die inhaltliche Veränderung vom rein heilpädagogischen Ansatz zur Inklusion erkennen. Natürlich haben wir jetzt tolle Räume, aber der Ansatz dahinter ist ein ganz anderer, der die Veränderungen in den letzten zehn Jahren dokumentiert: Inklusion wird hier in der Kita ‚Tivolino‘ mit Leben gefüllt. Die zwei heilpädagogischen und drei Regelgruppen mit U3-Kindern stehen für das neue Miteinander.

Bei Kindern ist so etwas in der Regel einfacher als bei Erwachsenen. . .

Frings: Auch hier ist enorm viel auf den Weg gebracht worden. Ich nenne als Beispiele unsere stadtteilorientierten Wohn- und Begegnungsprojekte an der Leipziger Straße und in der Schagenstraße. Hier gibt es kombiniertes Wohnen für Menschen mit und ohne Behinderung.

Ist das wirklich neu?

Frings: In dieser Form des selbstverständlichen Umgangs miteinander in jedem Fall. Wir haben Wohntreffs geschaffen, bei denen es um mehr geht als um das gemeinsame Sommerfest einmal im Jahr. Begegnungen müssen im Alltag selbstverständlich sein. Wir als Lebenshilfe haben jetzt im Ostviertel und in Brand die Möglichkeit zur Begegnung geschaffen, im nachbarschaftlichen Miteinander gemeinsam mit vielen Akteuren müssen diese nun mit Leben gefüllt werden. Frei nach dem Motto: „Kommt Ihr heute Abend bei uns Fußball gucken?“

Diese Dinge werden Sie in Köln beim Landesverband so aber nicht mehr angehen können.

Frings: So direkt für ein Gemeinwesen vor Ort nicht mehr, das ist richtig. Aber der Landesverband ist auch Träger von Bildungs-, Wohn- und Erholungseinrichtungen für Menschen mit Behinderung, wo durchaus mehr inklusive Angebote denkbar sind. Vor allem geht es jedoch darum, die Interessen unserer Klienten – sprich der Menschen mit Handicap – und unserer Mitarbeiter auf unterschiedlichen Ebenen der Landespolitik zusammenzubringen. Das ist eine neue Aufgabenstellung. Ich glaube, dass ich dazu etwas beitragen kann.

Ist das ein Schritt auf der Karriereleiter?

Frings: Auch wenn es für Außenstehende vielleicht so wirkt, geht es mir nicht um einen Schritt auf einer Karriereleiter. Beim Landesverband kann eine gute Interessensvertretung und eine Weiterentwicklung nur durch eine intensive Kommunikation und Netzwerkarbeit mit den 77 Ortsverbänden erzielt werden. Dabei lasse ich mich gerne für Neues gewinnen.

Wo sehen Sie denn Ihre neuen Schwerpunkte?

Frings: Ich möchte die NRW-Lebenshilfe weiterentwickeln. Mein Vorgänger hat viel in Gang gesetzt, was im Austausch an die Ortsverbände weitervermittelt werden kann. Die Ergebnisse müssen für alle besser sichtbar werden. Ich will nicht nur Geschäftsführer sein, sondern die Begegnungen mit den Menschen organisieren. Ich muss schließlich auch den konkreten Arbeitsbezug kennen und will nicht nur Berichte lesen. Das erfordert natürlich gerade zu Beginn großen Aufwand. Ich habe mir vorgenommen, in jeder Einrichtung einen Tag lang zu hospitieren.

Profitiert Aachen auch davon?

Frings: Das hoffe ich doch sehr. Ich bin Aachener mit Leib und Seele, möchte aber für alle unsere Klienten in NRW das Bestmögliche herausholen.

Hat sich in den zehn Jahren Ihrer Arbeit bei der Lebenshilfe das Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne Handicap verändert, vielleicht sogar verbessert?

Frings: Die Haltung in der Bevölkerung hat sich eindeutig geändert. Das liegt zum großen Teil daran, dass sich die Menschen mit Behinderung auch nicht mehr verstecken. Ein Beispiel: Viele Bewohner von uns gehören zu den frühen Gästen in der Aachener Diskothek Starfish. Der dortige DJ macht dann mit denen oft einen Tanzkurs. Das hätte es früher nicht gegeben. Grundsätzlich hat sich aber die Haltung der Bevölkerung geändert. Wir als Lebenshilfe haben dies stets forciert. Die Wohntreffs habe ich bereits erwähnt, der Neubau des Lebenshilfe-Hauses an der Adenauerallee war ebenfalls ein wichtiger Schritt. Hier gibt es unter einem Dach Wohnen, Freizeit und Begegnung und vor allem das Café Life mit seinem offenen Angebot, das von der Aachener Bevölkerung sehr gut angenommen wird.

Musste die Lebenshilfe hier auch umdenken?

Frings: Ich denke schon. Früher waren unsere Einrichtungen auch Teil der Separierung von Menschen mit Behinderung – heute müssen wir selbst mehr Begegnung ermöglichen.

Was ist von der ursprünglichen Idee einer Elterninitiative noch geblieben?

Frings: Die Lebenshilfe Aachen ist seit der Gründung 1962 von der kleinen Elterninitiative zu einer professionell geführten Einrichtung geworden, in der Eltern im Vorstand aber nach wie vor das Sagen haben. Zugleich sind wir eine Bürgerbewegung, die alle Aachener mitnehmen will, um deutlich zu machen, dass alle Menschen gleich wertvoll sind und dass die Begegnung mit Menschen mit Behinderung unglaublich bereichernd ist. Wir haben 2000 Spender und 800 Mitglieder, sind also auf dem richtigen Weg. Es ist auch wichtig, dass wir über den öffentlich geförderten Bereich hinaus ehrenamtlich unterstützt werden. Die Möglichkeiten sich einzubringen sind vielfältig.

Wie schwer wird es für Sie, sich nach zehn Jahren von den Mitarbeitern zu verabschieden?

Frings: Ich habe, seit die Entscheidung klar ist, viele positive Rückmeldungen erhalten. Hier kann ich ablesen: Wir haben gemeinsam etwas geschaffen und zusammen vieles bewegt. Die Entscheidung für die neue Herausforderung ist mir nicht leicht gefallen, denn auch ich habe viel Energie in die Aachener Lebenshilfe gesteckt und muss auch emotional erst einmal loslassen. Ich werde für die Aachener ansprechbar bleiben und hoffe auch meinerseits auf offene Ohren.

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