Helfen statt Büffeln: Jede Hand ist hier willkommen

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
10549313.jpg
Nur Gleichgültigkeit kommt nicht in die Tüte: Im Speisesaal des Gymnasiums werden Unmengen an Kleidung entgegengenommen. Auch die Familie Bauer hat nach dem Urlaub gleich in den Schränken gekramt. Renate Stadler (rechts) und Cornelia Haensge (2. v.r.) von der Kleiderkammer in Brand freuen sich über jede Spende. Foto: Michael Jaspers
10549310.jpg
Alles im Griff: Ulf Krüger leitet den Einsatz der Malteser aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Er kann nicht ausschließen, dass weitere Flüchtlinge nach Kornelimünster kommen.
10549311.jpg
Auch Papier ist nicht geduldig: MHD-Diözesanleiter Jürgen Werner und seine Helfer Sara Gienroth und Marc Alexander Schelbert (v.r.) sichten die Korrespondenz.
10549309.jpg
Waschen im Zelt: Zwölf Maschinen stehen dank einer großzügigen Leihgabe bereit. Infos gibt‘s auch auf Arabisch – und von kundigen Helfern.
10549308.jpg
Spielstunde! Elisabeth Souvignier (links) und Erika Mohl halten Malstifte und Bastelutensilien für die Kleinsten bereit.

Kornelimünster. Vor ein paar Tagen ist Ulf Krüger mal wieder an den Richtigen geraten. Wie so oft, seit das Inda-Gymnasium Anfang vergangener Woche durch einen dramatischen Alarmruf von „ganz oben“ aus dem ferienbedingten Dornröschenschlaf aufgeschreckt wurde.

„Ich war gerade dabei, die Mülltonnen zu füllen, da sprach mich ein Fahrradfahrer an, der zufällig vorbeikam“, erzählt der Mann vom Malteser Hilfsdienst im Rhein-Sieg-Kreis, der zurzeit den Einsatz von knapp drei Dutzend Ehrenamtlichen des Verbands in der provisorischen Flüchtlingsunterkunft am Gangolfsweg leitet.

Auch dem besagten Freizeitradler waren die dicht behängten Wäscheleinen neben dem Schulportal wohl nicht entgangen – wie die ganze, denkbar ungewöhnliche Situation weit jenseits des obligatorischen Unterrichtsbetriebs. Der freundliche Zaungast stellte sich nämlich vor als Dieter Claßen, seines Zeichens CDU-Ratsherr. Aber das nur am Rande. Im Hauptberuf ist der Mann nämlich Chef einer bundesweit etablierten Waschsalon-Kette. Und als solcher konnte er Krüger, ganz spontan, eine blitzsaubere Überraschung bereiten: Inzwischen rotieren die Trommeln von zwölf hochwertigen Industriewaschmaschinen als wahrhaft (ge)wichtige Leihgaben unter einem Zelt auf dem Schulhof – genauso wie drei Wäschetrockner in einem kleinen Raum neben dem Foyer, die von einer Baumarktkette zur Verfügung gestellt worden sind . . .

Geschichten wie diese kann auch Jürgen Werner, Diözesanvorsitzender der Malteser in Aachen, dieser Tage praktisch am laufenden Band erzählen. „Es ist wirklich unglaublich, wie viel Unterstützung die Menschen hier erhalten“, sagt er, schon bevor er der AZ die wichtigsten Türen zum kosmopolitischen Aktions- und Herbergszentrum namens Inda-Gymnasium öffnet.

Turbulent geht‘s hier zu, klar, fast wie in einer kleinen Stadt für sich. Allerorten wird gekramt und organisiert, auf dem Hof bemalen Kinder den Asphalt mit Kreide oder spielen Ball, an den Tischen hinterm „Info-Point“ im Foyer unterhalten sich Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, junge Männer scharen sich um einen Kicker. Viele telefonieren mit ihren Angehörigen irgendwo auf der Welt. „Die Initiative Freifunk Aachen hat uns eine W-Lan-Anlage zur Verfügung gestellt“, verrät Werner – kostenlos, versteht sich.

In der Zentrale glühen die Drähte

Auch an den PCs im Computerraum, der „Einsatzzentrale“ auf der ersten Etage, herrscht an diesem Nachmittag Hochbetrieb – wie stets, seit 300 Asylsuchende aus Afrika, vom Balkan, aus Syrien oder aus dem Kaukasus im Inda Obdach gefunden haben. Sara Gienroth und Marc Alexander Schelbert lassen mal wieder die Drähte glühen, beantworten Anfragen von Nachbarn, die Kleider, Spielsachen oder Wäscheständer spenden wollen, und halten natürlich Kontakt zu den Verantwortlichen in den Regierungspräsidien Köln und Arnsberg, wenn zum Beispiel Antragsformulare für die Asylsuchenden herübergekabelt werden. „Gerade sind uns sieben weitere Flüchtlinge avisiert worden, die am Abend ankommen sollen“, erzählt Werner.

Damit wären es jetzt genau 298 Menschen, die am Gangolfsweg aufs Signal zum Umzug in eine andere Stadt, eine andere Unterkunft warten – oder möglicherweise auch auf die „Rückführung“ in ihre Heimat respektive sogenannte sichere Herkunftsländer. Sie alle haben inzwischen ein Bett in einem der Klassenzimmer gefunden. Neun bis zwölf Menschen sind in einem Schlafraum untergebracht. „Abgesehen von den Sanitärräumen, wo rund um die Uhr Duschen und Toiletten zur Verfügung stehen, wird der Turnhallentrakt momentan zum Glück nicht mehr benötigt“, berichtet Krüger.

Auch das kleine Krankenzimmer neben dem Foyer wird erfreulicherweise wenig frequentiert. Täglich stehen dort Mediziner bereit, machen Termine für Roentgenaufnahmen in benachbarten Kliniken, kümmern sich um Schwangere und helfen bei kleineren Blessuren. Für den obligatorischen Gesundheitscheck könnten sie in Kürze allerdings wieder verstärkt gefragt sein. „Es kann sein, dass wir kurzfristig erneut Flüchtlinge zugewiesen bekommen. In der Tat könnten wir bis zu 200 weitere Menschen notfalls noch einquartieren“, sagt Krüger. „Die Turnhalle ist immer noch besser, als wenn sie in Zelten schlafen müssten . . .“

Hinter der nächsten Klassentür sind allerdings nur zahlreiche Decken auf dem Boden ausgebreitet. Auf Wunsch vieler Gäste islamischen Glaubens ist dort ein Gebetsraum eingerichtet worden. Trost und Beistand ganz anderer Art finden vor allem die Jüngsten ein paar Meter weiter. Elisabeth Souvignier und Erika Mohl laden wieder zur Mal- und Bastelstunde. Die beiden Damen sind über die örtliche Kita und über den Nachbarschaftsverein Indella buchstäblich ins Spiel gekommen, um den kleinsten Gästen ein wenig Ablenkung zu verschaffen – mit riesigem Erfolg, wie sie begeistert erzählen: „Wir können uns vor Spielsachen kaum noch retten!“

Von Klamotten ganz zu schweigen. Im großen Speiseraum stapeln sich massenhaft Schuhe und Textilien (fast) aller Größen und Arten. Renate Stadler und Cornelia Haensge, die fleißigen Helferinnen aus der Kleiderkammer der Malteser in Brand, kommen mit dem Sortieren kaum nach. Josefine Kulka, Leiterin der Einrichtung an der Trierer Straße, frohlockt fast minütlich über die nächste charmante „Lieferung“.

Lehrerkonferenz mal anders

Sascha Bauer zum Beispiel staunt nicht schlecht über den provisorischen „Großhandel“ unter der Mensadecke. Normalerweise unterrichtet der 41-Jährige Mathe und Physik am Inda. Heute ist er mit Filius Paolo (7), Töchterchen Maira (11) und Gattin Susanne in gänzlich anderer Mission unterwegs – kleines Einmaleins der Solidarität sozusagen. Die Bauers lassen etliche prall gefüllte Tüten mit Klamotten und Malsachen über den improvisierten Empfangstisch wandern. „Hab‘ meinen Spielteppich aussortiert“, verrät Paolo stolz.

„Als wir vor zwei Tagen aus dem Urlaub gekommen sind, habe ich in meiner Mailbox eine Liste gefunden mit Sachen, die dringend gebraucht werden“, erzählt sein Vater. „Die kursiert jetzt im Kollegium.“ Lehrerkonferenz mal anders sozusagen.

Blitzeblank präsentieren sich derweil die Tischreihen in der Aula nebenan – noch. 300 hungrige Mägen wollen schon bald wieder gefüllt sein. Die Speisen karren die Malteser drei Mal täglich per Lkw aus den RWTH-Mensen heran – dank freundlicher Unterstützung des Studentenwerks. Die Helfer jonglieren schon mit den ersten Tellern fürs Abendessen.

Auch hier sorgt – neben Einsatzleiter Krüger – vor allem Guido Carmona dafür, dass alles wie am sprichwörtlichen Schnürchen läuft. Der Mann kennt jeden Winkel des weitläufigen Schulkomplexes aus dem Effeff. Schließlich ist er als Hausmeister praktisch für alles zuständig. Und jetzt – mitten in den Ferien – täglich 15 Stunden unterwegs, erzählt er.

Wie groß war der Schock, als er erfuhr, dass „seine“ Schule praktisch über Nacht zum Dreh- und Angelpunkt der Flüchtlingshilfe umfunktioniert worden ist? Carmona zuckt mit den Achseln und grinst. „Ich arbeite hier seit acht Jahren“, meint er jovial. „Da kann mich keine Überraschung mehr umhauen.“ Sagt‘s – und ist schon wieder unterwegs zur nächsten kleinen Baustelle.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert