Heiße Würstchen, Fleischbällchen und Bällebad gegen drei Fahnen

Von: Stephan Mohne
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Das vorläufige Ende einer außergewöhnlichen Kunst-Performance: Die „Redesign Aachen Fraktion” deponiert eine Fahne des Ludwig Forums im Mülleimer auf dem Museumsparkplatz. Foto: Stephan Mohne

Aachen. Es ist kurz vor 16 Uhr an diesem Sonntag, als ein silberner Kombi auf den Parkplatz des Ludwig Forums rollt. Zwei Damen steigen aus, öffnen den Kofferraum, holen eine Ikea-Tüte heraus, nesteln daran herum und stecken etwas hinein.

Wenig später marschieren sie ebenso vermummt wie zielstrebig zu einem Mülleimer, stecken die Papiertüte hinein. Diese allerdings enthält keineswegs Abfall, sondern eine mehrere Quadratmeter große Fahne, die sonst zusammen mit zwei weiteren Flaggen die Front des Museums an der Jülicher Straße schmückt. Doch diese drei Fahnen waren in einer waghalsigen Aktion in der Nacht zum 22. Oktober gestohlen worden. Stattdessen wehten dort nun drei Fahnen mit dem Logo des schwedischen Möbelriesen. Was folgte, war eine Art Kriminalfall der ganz besonderen Art, der eigentlich eine nicht minder außergewöhnliche Kulturguerilla-Aktion darstellte.

An diesem Sonntagnachmittag gelangte nun die letzte der drei Fahnen zu den rechtmäßigen Besitzern zurück. Die Mülltonnenaktion stellte das große Finale dar - vorerst zumindest. Denn für die Rückgabe mussten drei Bedingungen erfüllt werden: Heiße Würstchen für einen Euro im LuFo-Foyer, jeden Mittwoch Köttbullar (Fleischbällchen) und vor allem ein Bällebad in der Mulde des Museums.

Vor allem letztere Forderung bereitete Museumsdirektorin Brigitte Franzen doch einiges an Kopfzerbrechen. Die Mulde hat schließlich eine Grundfläche von 300 Quadratmetern - und schon in ein handelsübliches, nur wenige Quadratmeter großes Bällebad für Kinder gehören im Schnitt 500 bunte Kugeln. So entwickelte sich denn auch ein reger Schriftverkehr zwischen den „Tätern” und der Direktorin, die vorschlug, mit den Kindern andere „Gaudi”-Aktionen zu veranstalten, die es im Zuge der aktuellen Ausstellung „Nie wieder störungsfrei!” ohnehin gibt.

„Das soll ja wohl ein Witz sein!”, kam die prompte Antwort inklusive einer von der Fahne abgeschnittenen Öse. Daraufhin Brigitte Franzen: „Sie wissen, die Fahne ist uns heilig, und als ich die abgeschnittene Öse sah, wurde mir mehr als mulmig.” Und so sicherte die Direktorin, die offenbar mittlerweile durchaus Gefallen an der Aktion gefunden hatte, zu, auch die dritte Forderung zu erfüllen. Allerdings mit gewissem Vorlauf erst im Jahr 2012. Nachdem bereits zwei Fahnen zurückgegeben worden waren, erfüllte die andere Seite am Sonntag auch ihre Zusage und brachte das dritte Beutestück zurück.

„Mehr Besucher verdient”

Aber was und wer steckte eigentlich hinter der ganzen Sache? Erdacht wurde die Aktion von der „Redesign Aachen Fraktion”, die sich als „Splittergruppe” des kreativen Zusammenschlusses „Designmetropole Aachen” verstanden wissen will.

Sie besteht aus zwei Frauen (34 und 25 Jahre) und einem Mann (40). Ihre Namen wollen sie nicht nennen. Also nennen wir sie Frau A, Frau B und Herr C. Letzterer konnte am Sonntag beim Showdown krankheitsbedingt nicht dabei sein. Frau A und Frau B erzählen, dass die Idee bei einer Veranstaltung des Marketingclubs Aachen im Herbst entstand, bei der es um grenzüberschreitenden kulturellen Austausch ging und bei der mehrfach zutage getreten sei, dass dieser insbesondere im grenzüberschreitenden Shoppen besteht.

„Es hat uns mächtig geärgert, dass Kinder das Bällebad bei Ikea kennen, nicht aber das Ludwig Forum.” Das sollte sich ändern. Zunächst wurde man bei Ikea selbst vorstellig, man wollte schließlich das Unternehmen nicht verärgern. „Die fanden unsere Idee aber super und haben gut gelacht.” Und Frau A und B, beide studierte Kunst- und Schmuckdesignerinnen, unterstreichen: „Unser Anliegen war es keinesfalls, dem Ludwig Forum zu schaden. Im Gegenteil, wir finden, dass es viel mehr Besucher verdient hat.” Dazu habe man beitragen wollen.

Als Zeitpunkt für die Aktion wurde die nun laufende Ausstellung gewählt. Da wussten man noch nicht, dass das Forum die Designmetropole für die Eröffnung auch zu einer Performance engagieren wollte. „Das eine hat deswegen nichts mit dem anderen zu tun”, so A und B. Tatsächlich erklomm man schließlich das Dach der alten Schirmfabrik. Frau A seilte sich von dort aus ab. Rein „zufällig” ist die Künstlerin nämlich auch noch eine versierte Kletterin und Bergsteigerin. „Ich hatte trotzdem Angst, obwohl ich das schon 15 Jahre mache”, sagt die 34-Jährige. Es ging aber alles glatt. Die LuFo-Fahnen wurden eingeholt, die - gemalten - Ikea-Flaggen gehisst. Und so nahm die Sache ihren Lauf.

Dass die Aktion für die Gruppe auch hinter Gittern hätte enden können, ist den Teilnehmern bewusst: „Das Risiko mussten wir eingehen”, meint Frau B. Dass genau zum Zeitpunkt der Fahnenübergabe eine hochkarätig besetzte Diskussion im Ludwig Forum stattfand, war indes purer Zufall. Es mag daran gelegen haben, dass zunächst niemand vom Museum da war, um das gute Stück aus seinem „Geiseldasein” zu befreien.

Nun ist es jedenfalls an Brigitte Franzen, die wegen der Veranstaltung am Sonntag nicht zu erreichen war, das wohl größte Bällebad in der Aachener Geschichte zu organisieren, für das sie wohl zehntausende Kugeln auftreiben muss. Dafür hat sie nach Informationen der „Redesign Aachen Fraktion” denn auch schon intensiv Kontakte geknüpft.

Mit Ikea natürlich.
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