Heinrich Parting hat Aachens erste Gesamtschule mit aufgebaut

Von: Stefan Herrmann
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„‚Eine Schule für alle Kinder‘ ist ein sehr demokratischer Gedanke“: Heinrich Parting ist vom Konzept der Gesamtschule überzeugt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Heinrich Parting sagt „Tschüss!“. 33 Jahre lang hat er als Lehrer abertausende Schüler erlebt, sie unterrichtet und mit geprägt. Beim Aufbau der Heinrich-Heine-Gesamtschule (HHG), Aachens erster Gesamtschule, war er 1986 involviert. Nach weiteren Stationen kehrte er 2002 zurück und übernahm die Leitung der HHG. Am 31. Januar geht der 65-Jährige nun in den Ruhestand.

Herr Parting, was sagt Ihnen das Zitat „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“?

Parting: Schön, dass Sie zu Beginn des Interviews ein Heine-Zitat bemühen. Es war zu Heines Zeit im 19. Jahrhundert sehr aussagekräftig. Ich denke, die großen Sorgen, die sich Heinrich Heine damals um das Vaterland gemacht hat, müssen wir heute nicht mehr in dieser Form teilen. Aber offensichtlich gibt es auch in unserer Zeit gesellschaftliche und politische Probleme, die ernstgenommen werden müssen.

Welche meinen Sie konkret?

Parting: Ich denke da zum Beispiel an die Pegida-Proteste und an den Ukraine-Konflikt. Da wird man schon zuweilen um den Schlaf gebracht. Erstere spalten die Gesellschaft, letzterer beschwört eine konkrete Kriegsgefahr herauf. Dennoch bin ich überzeugt, dass unsere stabile Demokratie diese Erscheinungen verkraften wird. Das erlaubt mir, mit Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft zu blicken.

Sicherlich auch der Verdienst eines Bildungssystems, das demokratische Werte vermittelt. In Anlehnung an das Heine-Zitat: Was hat Sie als Schulleiter in Aachen in den vergangenen Jahren um den Schlaf gebracht?

Parting: Ganz sicher die örtliche Lage der Heinrich-Heine-Gesamtschule in Laurensberg und, damit verbunden, die regionale Schulentwicklung. Sie lässt uns nur noch sehr enge Handlungsspielräume. Die HHG liegt peripher im Randgebiet der Stadt. Nur wenige Kilometer entfernt ist die niederländi-sche Grenze, sechs Kilometer entfernt liegt die neu gegründete Gesamtschule in Herzogenrath, in Würselen macht bald eine weitere Gesamtschule auf. Durch diese Entwicklungen haben wir Anmeldungen für den fünften Jahrgang eingebüßt. Das stärkste Argument für Eltern ist stets die Nähe des Wohnortes zur Schule. Wenn Kinder, wie zum Teil bei uns, eine Dreiviertelstunde mit dem Bus zum Unterricht fahren müssen, bedeutet das immer auch einen Standortnachteil.

Wie stärken Sie die Attraktivität des Gesamtschul-Standorts in Laurensberg?

Parting: Wir schärfen stetig unser Profil. Wir haben einen kulturellen Schwerpunkt, nehmen an dem bundesweiten Projekt „Kulturagenten an Deutschlands Schulen“ teil. In diesem Zusammenhang haben wir Profilklassen in Kultur und Sport eingerichtet. Im kommenden Jahr wird es an der HHG eine Instrumentalklasse und eine Klasse mit natur- und geisteswissenschaftlichem Schwerpunkt geben. Wir entwickeln ganz aktuell die Dalton-Pädagogik für unsere Schule, mit der wir den individuellen Lernraum unserer Schülerinnen und Schüler weiter optimieren wollen. Wir bieten schon jetzt eine hervorragende Sprachförderung an, die landesweit mit zur Spitze gehört. Dies trägt Früchte. Viele der Schülerinnen und Schüler in der Jahrgangsstufe 10 widerlegen mit ihren erreichten Abschlüssen die deutlich schlechteren Prognose der Grundschulen nach der Jahrgangsstufe 4. Hinzu kommt eine attraktive gymnasiale Oberstufe.

Spitze ist das Stichwort. Wie wichtig ist es denn, dass Schüler Gedichte analysieren können, um später eine Spitzenleistung im Beruf erbringen zu können?

Parting: Eine gute Frage (lacht). Manche Bildungsgüter sind unverzichtbar und leisten einen entscheidenden Beitrag bei der Persönlichkeits- und Herzensbildung der jungen Menschen. Sich mit Lyrik zu beschäftigen, ist fester Bestandteil des Lehrplans. Aber unsere Schüler interpretieren nicht nur Gedichte, sie sollen auch selbst aktiv werden und Gedichte schreiben. Das ist fester Bestandteile des Deutschunterrichts.

Vor kurzem hat eine Schülerin aus Köln für Aufsehen gesorgt. Bei Twitter veröffentlichte sie den Post „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ´ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“ Ihre Kritik am Bildungssystem erhielt unglaublich viel Zustimmung im Internet. Wie alltagsnah muss Unterricht im 21. Jahrhundert sein?

Parting: Es ist wichtig, dass diese Diskussion geführt wird. Wir tragen dem an der Gesamtschule bereits seit Jahren Rechnung. Das beweist zum Beispiel die intensive Berufswahlvorbereitung an der HHG, die in der 7. Klasse beginnt. Wir machen den Schülern deutlich, was die Arbeitswelt bedeutet. Außerdem werden in vielen anderen Fächern praktisch verwertbare Inhalte vermittelt. Aber das ist nicht alles. Wo, wenn nicht in der Schule, sollen die Jungen Menschen beispielsweise ein Gefühl für Schönheit und richtiges Handeln erwerben?

Wie steht es denn um die Medienkompetenz der Schüler – aber auch der Lehrer?

Parting: Bei der Nutzung von klassischen Office-Programmen wie Word ist das Könnensgefälle sehr groß – bei Schülern wie bei Lehrern. Beim Umgang mit sozialen Medien wie Twitter sind viele Schüler den älteren Kolleginnen und Kollegen zwar weit überlegen, sie verkennen aber häufig auch die damit verbundenen Gefahren. Was fundierte Internetrecherchen betrifft, sieht das meiner Meinung etwas anders aus. Da besitzen die Kolleginnen und Kollegen wohl die höhere Kompetenz.

Muss der Bereich neue Medien und Internet eine noch größere Rolle im Unterricht spielen?

Parting: Wir haben als Schule nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung. Die entscheidende Frage lautet: Kann da noch etwas drauf gesattelt werden, um zum Beispiel mehr Raum für den Bereich „Umgang mit neuen Medien“ zu schaffen? Oder müssen Inhalte in anderen Fächern gestrichen werden? Ich sage Ihnen, das zu entscheiden, ist ein schwieriges Geschäft…

Wofür plädieren Sie?

Parting: Ich stelle zunächst einmal fest, dass wir als Schule nicht mehr die klassische Bildungsinstitution sind mit einem festen Kanon von Inhalten und Werten. Ich selbst habe das in den 60er Jahren erlebt. Diese Zeiten sind vorbei.

Das klingt ein wenig so, als ob Sie das Leitbild der humanistischen Bildung vermissen?

Parting: Humanistische Bildung ist auch heute noch wichtig, und etliche Elemente sind glücklicherweise erhalten geblieben.

In Ihren Augen eine gute Entwicklung?

Parting: Ich denke schon, dass es selbstverständlich richtig gewesen ist, nicht alles Traditionelle im System Schule aufrechtzuerhalten. Persönlich vertrete ich in manchen Bereichen trotzdem eine konservativere Haltung. Mir tut es zum Beispiel Leid, dass die lateinische Sprache nicht mehr die große Wertschätzung wie früher hat. Mit dem Latein entwickelt man ein ausgeprägtes Sprachgefühl. Zudem werden Grundsätze staatspolitischen Denkens vermittelt. Praktischer Vorteil: Wer Latein gelernt hat, tut sich auch in den modernen romanischen Sprachen leichter.

Haben Jugendliche heutzutage das Gefühl für Sprache ein Stück weit verloren?

Parting: Jugend- wie Erwachsenensprache hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr verändert. Und das in vielen Bereichen leider nicht sehr positiv. Da gehen vor allem Sendungen im Privatfernsehen mit schlechtem Beispiel voran. Da ist in drei Sätzen oft zehn Mal von „geil“ die Rede. Beispiele brauche ich wohl nicht zu nennen.

Sie haben in Ihrer Karriere unter anderem drei Gesamtschulen in der Region mit aufgebaut. Auch bei der Gründung der Heinrich-Heine-Gesamtschule als Aachens erster Gesamtschule haben Sie mitgewirkt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Parting: Als junger Lehrer in den 80er Jahren bedeutete der Wechsel an eine Gesamtschule für mich einen Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte von dieser Schulform keine Ahnung. In Aachen war ich später im Auftrag der Bezirksregierung Köln für die Durchführung der ersten beiden Anmeldeverfahren für die erste Aachener Gesamtschule mitverantwortlich. Zunächst ging das Ganze daneben, da nicht genügend Anmeldungen zusammengekommen waren. Beim zweiten Mal gelang die Schulgründung schließlich. Ich erinnere mich aber noch gut an die sehr heftigen politischen Diskussionen von damals, die teilweise unsachlich und stark ideologisch geprägt waren.

Wie hat sich die Form Gesamtschule Ihrer Meinung nach seitdem entwickelt?

Parting: Damals ist uns abgesprochen worden, dass wir vergleichbare Leistungen bei den Abschlüssen erreichen. Doch spätestens seit der Einführung des Zentralabiturs ist klar: Wir werden mit der gleichen Elle gemessen wie die Gymnasien, werden doch zum Beispiel die schriftlichen Klausuren schulformübergreifend korrigiert.

Warum ist die Gesamtschule eine besonders geeignete Schulform, um junge Menschen auf das Leben vorzubereiten?

Parting: Internationale Untersuchungen werfen dem deutschen Bildungssystem immer wieder vor, im Vergleich zu vielen anderen Ländern jungen Menschen eine eingeschränkte Chancengleichheit zu bieten. Ich habe da die Gesamtschule immer als eine Schule erlebt, die Bildungsungerechtigkeit vielleicht nicht aufhebt, aber sie zumindest mildert. Der Gedanke „Eine Schule für alle Kinder“ ist ein sehr demokratischer Gedanke. Deshalb bin ich von dieser Schulform voll und ganz überzeugt.

Die Zahlen sprechen für die Gesamtschulen. NRW-weit verzeichnen sie seit einigen Jahren den größten Zulauf aller weiterführenden Schulen.

Parting: Wir sind ein etabliertes System, kommen unserem gesellschaftspolitischen Auftrag nach. Dafür gibt es viele Beispiele. Die unter anderem an der HHG eingerichteten Internationalen Förderklassen für junge Flüchtlinge ist eines dafür, die 60 unserer insgesamt gut 1000 Schülerinnen und Schüler, die im gemeinsamen Lernen unterrichtet werden, ein anderes. Damit stellt sich die Heinrich-Heine-Gesamtschule seit Jahren der Herausforderung der schulischen Inklusion. Wir können stolz auf unsere Arbeit sein.

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