Aachen - Heinrich-Heine-Gesamtschule: Pioniere blicken optimistisch nach vorne

Heinrich-Heine-Gesamtschule: Pioniere blicken optimistisch nach vorne

Von: Annika Kasties
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Ein erfolgreiches Gegenmodell zum Gymnasium: Hartwig Hillebrand, Schulleiter der Heinrich-Heine-Gesamtschule, und sein Stellvertreter Leo Gielkens sehen in ihrer heterogenen Schülerschaft einen Vorteil gegenüber anderen Schulen, weil so Spätzündern eine Chance gegeben werde, sich zu entwickeln. Foto: Andreas Steindl
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Ein erfolgreiches Gegenmodell zum Gymnasium: Hartwig Hillebrand, Schulleiter der Heinrich-Heine-Gesamtschule, und sein Stellvertreter Leo Gielkens sehen in ihrer heterogenen Schülerschaft einen Vorteil gegenüber anderen Schulen, weil so Spätzündern eine Chance gegeben werde, sich zu entwickeln. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Sie hat wahre Pionierarbeit geleistet: Vor 30 Jahren verabschiedete die Heinrich-Heine-Gesamtschule zum ersten Mal ihre Schüler in die Sommerferien – als erste Gesamtschule überhaupt in Aachen. Im Samstagsinterview werfen Schulleiter Hartwig Hillebrand und sein Stellvertreter Leo Gielkens einen Blick zurück auf 30 Jahre Schulgeschichte und wagen einen Ausblick auf die Bildungspolitik der Zukunft.

Die Heinrich-Heine-Gesamtschule wurde zum Schuljahr 1986/87 als erste Gesamtschule in Aachen gegründet. Wie war das?

Hillebrand: Bevor wir mit der Heinrich-Heine-Gesamtschule an den Start gingen, gab es in der Aachener Schullandschaft eine Dreiteilung: Nach der Grundschule gab es die Hauptschule, die Realschule und das Gymnasium. Die Gesamtschule leistete etwas Besonderes, weil sie sehr unterschiedliche Schüler aufnahm. Das hatte also auch Versuchscharakter. Der war offensichtlich erfolgreich, denn wie wir wissen gibt es in Aachen mittlerweile vier Gesamtschulen.

Gielkens: Man kann also schon sagen, dass diese Weiterentwicklung auf unseren Schultern steht. Wir waren die erste Gesamtschule, aus denen sich die ganzen anderen Neugründungen im Raum Aachen weiterentwickelt haben.

Mit wie vielen Schülern sind Sie gestartet?

Gielkens: Wir sind als sechszügige Gesamtschule gestartet, waren anfangs aber auch mit mehr Klassen ausgestattet, weil der Bedarf größer war. Wir hatten zum Teil sogar Schüler, die aus Übach-Palenberg kamen, weil diese Schulform in der Städteregion und auch im Kreis Heinsberg noch nicht verankert war. Den Eltern war es das wert, dass ihre Kinder diese Entfernung zurückgelegt haben.

Mit welchen Vorurteilen gegenüber der Schulform haben Sie dennoch zu kämpfen gehabt?

Hillebrand: Ein Vorurteil mag sein, dass es an der Gesamtschule etwas einfacher ist, das Abitur zu erreichen, als beispielsweise am Gymnasium. Aber spätestens durch das Zentralabitur hat sich das relativiert. In unserer Klasse 11 sind Schüler von uns, aber auch viele Schüler vom Gymnasium, die bewusst zu uns wechseln, weil bei uns auch Sportleistungskurse und Kunstleistungskurse angeboten werden.

Welchen Vorteil hat es, wenn Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam lernen?

Gielkens: Der Vorteil ist, dass man letztendlich auch die Gesellschaft abbildet, in der sich Schule bewegt. Aus meiner Sicht besteht beim Gymnasium das Problem, dass es eben keine Heterogenität ist, die dort abgebildet ist und in der gearbeitet wird. Bestimmte Schüler sammeln sich und lernen, aber das ist in gewisser Weise auch ein Club für sich. Dazu ist der Gegenentwurf die Gesamtschule und aus meiner Sicht ein erfolgreicher Gegenentwurf.

Hillebrand: Es gibt manchmal Schüler, denen man es anfangs nicht zutraut, dass sie einen sehr guten Abschluss schaffen. Sie sind Spätzünder, die etwas mehr Zeit brauchen, um sich zu entwickeln und ihre wahren Werte zu entdecken. Wenn genau diese Schüler dann doch einen guten Abschluss schaffen, es vielleicht sogar in die Oberstufe schaffen, dann ist das eigentlich das Schönste, das passieren kann.

Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, dass das gemeinsame Lernen zu Lasten leistungsstarker Schüler geht.

Gielkens: Natürlich ist das die besondere Herausforderung, dass wir den Unterricht so gestalten müssen, dass jeder einzelne Schüler individuell gefördert wird.

Hillebrand: Man lernt auch viel voneinander. Wenn Schüler mit unterschiedlichen Niveaus, aus unterschiedlichen Kulturen und mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammen lernen, lernen sie auch viel fürs Leben.

Sie befinden sich in einem großen Schulkomplex. Wie funktioniert die Kooperation mit den anderen Schulen?

Hillebrand: Insbesondere mit dem Anne-Frank-Gymnasium funktioniert die Kooperation sehr gut. Mit den anderen umliegenden Schulen verstehen wir uns gut, aber die Kontakte sind seltener. Gerade im Übergang von Klasse 4 zu Klasse 5 kooperieren wir mit der benachbarten Grundschule. Außerdem besuchen auch sehbehinderte Schüler unsere Schule, die im Rahmen des Gemeinsamen Lernens von Lehrern der benachbarten Förderschule unterstützt werden.

Gielkens: Der Terminplan muss natürlich abgestimmt werden. Am gleichen Tag können wir die Abiturienten nicht entlassen. Doch diese organisatorischen Dinge sind inzwischen etabliert.

Mit der Einführung von G8 hat es einen Boom an den Gesamtschulen gegeben. Haben Sie das auch gemerkt?

Hillebrand: Es kamen schon einige Schüler vom Gymnasium zu uns, bei denen ich glaube, dass der Schulwechsel mit G8 zusammenhing. Das Abitur nach acht Jahren ist eine verkürzte und stressige Phase. Ich habe das selbst bei meiner Tochter beobachtet, die auf dem Gymnasium ihr Abitur gemacht hat. Wenn sie spät von der Schule nach Hause kam und dann noch die Hausaufgaben machen musste, blieb wenig Zeit für soziale Kontakte. Ich bin kein Fan von G8. Ich denke aber, dass die Pläne der neuen Landesregierung, flächendeckend das Abitur nach neun Jahren wieder einzuführen, an den Gesamtschulen zu spüren sein werden.

Und dennoch waren die Anmeldezahlen an Ihrer Schule in den vergangenen Jahren ausbaufähig. Am Ende des Anmeldeverfahrens zum Schuljahr 2017/18 waren noch 51 Plätze frei.

Hillebrand: Durch die Gründungen der neuen Gesamtschulen in Aachen, insbesondere der 4. Gesamtschule, haben wir es nicht ganz leicht. Wir sind von der Lage her etwas entlegen, obwohl Laurensberg natürlich sehr schön ist. Früher waren wir sechszügig, jetzt sind wir nur noch vierzügig. Die Klassen werden ergänzt mit Schülern, die von den anderen Gesamtschulen abgelehnt wurden. Unser Wunsch ist es aber natürlich schon, dass wir unsere Klassen aus eigener Kraft füllen. Es gab neulich die Diskussion in den Parteien, ob man noch eine weitere Gesamtschule in Aachen aufmachen sollte. Diesem Gedankengang kann ich nicht folgen.

Gielkens: Die Aufgabe der Politik ist meiner Meinung nach auch, die Bildungssituation städteregional anzugehen. Schüler und Eltern sind natürlich nicht nur in der Stadt verhaftet, in der sie wohnen. Sie gucken auch, was zum Beispiel in Kohlscheid angeboten wird oder in Stolberg oder Eschweiler. Man sollte eine Schulentwicklung vorantreiben, die die ganze Städteregion in den Blick nimmt. Das passiert aus meiner Sicht aktuell nur unzureichend.

Wir könnte das denn konkret aussehen?

Gielkens: Das könnte so ablaufen, dass sich die Akteure – das heißt die Stadt Aachen und die Städteregion – verknüpfen und gemeinsam erörtern, welche Schülerströme zu erwarten sind und welche Schulneugründungen diesbezüglich sinnvoll wären. Der Trend war in den letzten Jahren so, dass jede Kommune in der Städteregion ein eigenes Gesamtschulsystem aufbaut – ob das immer so sinnvoll ist, sei mal dahingestellt.

Abgesehen von so einem interkommunalen Modell: Was muss getan werden, damit Sie nicht das „Auffangbecken“ der anderen Gesamtschulen bleiben?

Hillebrand: Wir müssen uns natürlich weiterentwickeln. Wie jede Schule versuchen wir eigene Merkmale aufzubauen, die besonders anziehend sind. Wir wissen, dass wir uns auch weiterentwickeln müssen, denn wer rastet, der rostet. Deshalb möchten wir uns insbesondere hinsichtlich der neuen Medien besser aufstellen, zum Beispiel durch eine Tablet-Klasse. Außerdem bewegen wir uns hin zur Gesunden Schule. Gesund heißt, dass die Schüler lernen, gesund zu leben, die Lehrer aber auch. Wenn wir weiterhin gute Arbeit leisten, hoffen wir, dass dann auch die Anmeldezahlen besser werden. Das ist natürlich ein längerfristiger Weg.

Gielkens: Ein Faktor dabei ist für mich auch die Modernisierung des Gebäudes, das ist ganz klar. Wir haben im älteren Gebäudeteil gerade was die Fassade und Fenster angeht eindeutig einen Modernisierungsstau. Der muss aus unserer Sicht sehr zügig angegangen werden. Mit Blick nach außen ist das einfach nicht die hellste Freude. Da müssen natürlich auch die entsprechenden Mittel fließen.

Was sagt die Stadt dazu?

Gielkens: Das Thema ist bei der Stadt seit gewisser Zeit angekommen. Es gibt Überlegungen und erste Pläne, aber es fehlt die Umsetzung. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, aber aus unserer Sicht muss ein Zeichen gesetzt werden, dass es losgeht. Das gilt natürlich auch für das angrenzende Anne-Frank-Gymnasium.

Was waren in den vergangenen 30 Jahren die größten bildungspolitischen Herausforderungen?

Gielkens: In den letzten Jahren waren das sicherlich die Inklusion und die Beschulung der Flüchtlinge.

Auch darüber hinaus tut sich viel. Die Anmeldezahlen deuten eine Tendenz weg von der Dreigliedrigkeit zur Zweigliedrigkeit an. Denken Sie, dass es demnächst nur noch das Gymnasium und die Gesamtschule als Schulformen existieren?

Hillebrand: Ich glaube nicht, dass nur diese beiden Schulformen alles abdecken können. Es gibt Schüler, die es nicht leicht haben und die zum Beispiel einer emotionalen-sozialen Förderung bedürfen. Sie brauchen manchmal eine besondere Schule mit kleinen Klassen, in denen sie sich besser entwickeln können. Nicht alle Förderschulen sollten aufgelöst werden.

Gielkens: Ich denke, dass es auf eine Zweigliedrigkeit hinausläuft. Die Haupt- und Realschulen haben es natürlich aufgrund des Elternwillens schwer. Da geht es uns natürlich viel besser.

Letztlich dürfte das dann aber auch mehr Arbeit für die Gesamtschulen bedeuten und zu mehr Konkurrenz führen, oder?

Hillebrand: Unser besonderes Profil ist ein großer Vorteil. Wir leisten gute Arbeit und hier denke ich optimistisch.

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