„Heiliger Krieg“: Schonungslos und herausragend gespielt

Von: Eva Onkels
Letzte Aktualisierung:
14636281.jpg
Mitreißend: Das Chaostheater zeigt eine ergreifende Inszenierung von „Heiliger Krieg“ in der OT Josefshaus. Den Darstellern wie dem Publikum wird dabei viel abverlangt. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Das Chaostheater an der OT Josefshaus ist dafür bekannt, in seinen Stücken kein Blatt vor den Mund zu nehmen und Stücke zu spielen, die einen hohen Anspruch haben, die das Publikum fordern und ein Nachdenken verlangen. Mit der neuesten Produktion hat sich die Gruppe selbst übertroffen.

Reza Jafari und Robert Schmetz haben das Stück „Heiliger Krieg“, das auf der Erzählung „Another World“ von Gilliam Slovo basiert, für die Theaterbühne adaptiert. Herausgekommen ist ein ästhetisches, aber schonungsloses Werk, das viele Aspekte dessen, was „Heiliger Krieg“ genannt wird, gleichzeitig beleuchtet.

Man möchte auf die Bühne laufen

Das ist anstrengend für das Publikum, fordernd – aber herausragend gelungen. Wenn Mehrmush Mahdi als Yasmin den Verlust ihres Sohnes Karim (Tim Göddertz) zu verarbeiten versucht, dann möchte man als Zuschauer am liebsten auf die Bühnen laufen, die Mutter in den Arm nehmen und versuchen, ihr zu sagen, dass sie nichts falsch gemacht hat. Der Theaterneuling spielt mit einer Kraft, die man auch bei professionellen Schauspielern manchmal vermisst.

Die Erzählungen einer jungen Jesidin (Samira Nanouche), die in die Fänge des IS gerät, Verschleppung, Vergewaltigung und Versklavung erlebt, sind nicht nur aufwühlend, sie schmerzen. Unterstützt wurden die zum Teil schwer mit anzusehenden Szenen durch Live-Musik von Pascal Fricke und Tänzerin Mina Khani. Es geht bei dem Stück nicht um die Darstellung von Kriegshandlungen, dargestellt werden nicht die Taten selbst, sondern das Berichten.

Es geht um das Erzählen, um das Festhalten und viel um die Gefühle und Motivationen, die junge Menschen in einen Krieg ziehen lassen, der so grausam ist, dass das Sprechen und Nachdenken über das, was die Menschen dort erleben, schwerfällt. Es sind Fragen der Identifikation und des Sinns: „Aber sie sind hier geboren, sie sind Deutsche“, ruft Yasmin im Gespräch mit Geraldine (Svenja Triesch), deren Sohn Anis (gespielt ebenfalls von Tim Göddertz) ebenfalls nach Syrien gegangen ist. Diskriminierungserfahrungen im Alltag oder die Suche nach dem Sinn des eigenen Lebens sind im Stück Gründe, warum die beiden jungen Männer und auch die junge Frau Nora (Marie Göddertz) gehen.

Einen besonderen Fokus legt das Stück auf die Mütter solcher Jugendlicher – und das ist gut. Damit rücken Personen ins Bewusstsein, die sonst vergessen werden: nicht die, die gegangen sind, stehen im Mittelpunkt, sondern die Frage nach dem Umgang mit dem Wissen, dass der eigene Sohn oder die eigene Tochter in den Krieg gezogen ist. Vorwürfe, Selbstzweifel, Selbstaufgabe, Hoffnung, Angst, Verlust, Trauer – den Darstellerinnen wird alles abverlangt.

Erschütternd

„Ich lebte wirklich in einer anderen Welt. In Wirklichkeit hatte sie alles geplant. Sie hat mir nur Lügen aufgetischt. Ich war so dumm und blöd.“ In einem atemberaubenden Crescendo gipfelt Samiras (ebenfalls stark: Kerrin Thomas) Monolog in einen Zornesausbruch, der es versteht, die Turnhalle der OT Josefshaus zu erschüttern – und die Zuschauer mit.

Im Stück gibt es aber auch ruhigere Töne, so werden die Fragen nach dem Umgang mit Religion kurz diskutiert. In mehreren kleinen Szenen stoßen vier Schüler vier unterschiedlicher religiöser Weltanschauungen aufeinander: Christentum, Judentum, Islam und Atheismus.

Zunächst scheint das Gespräch im Konflikt enden zu müssen, doch zum Schluss halten die Schüler fest: „Vielleicht sollte man mehr Respekt für die anderen Mitmenschen haben“. Und sehen die Gemeinsamkeit von Rechtextremen und auch Rechtspopulisten mit fanatischen Islamisten: „Sie akzeptieren beide nicht, dass jeder das Recht hat, anders zu sein.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert