Heftiges Tauziehen: Betreuung für Seniorin abgelehnt

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Viele bürokratische Hürden sind zu nehmen, wenn es um die Frage geht, ob ein Mensch, der seine persönlichen Angelegenheiten nicht (mehr) allein regeln kann, einen professionellen Betreuer an die Seite gestellt bekommt.

Gutachten müssen eingeholt werden, das Sozialamt wird um Stellungnahme gebeten, ein Anwalt ist als Verfahrenspfleger zu beteiligen, bevor ein Amtsrichter entscheidet, ob die Notwendigkeit einer gesetzlich angeordneten Betreuung nach BGB-Paragraf 1896 gegeben ist. Am „Fall“ einer 87-Jährigen aus dem Aachener Süden scheiden sich derzeit die Geister. Nach langwierigem Verfahren hat der zuständige Amtsrichter eben jene Notwendigkeit jetzt nämlich verneint. Dass die vertrackte Auseinandersetzung damit endgültig zu den Akten gelegt werden kann, zeichnet sich indes nicht ab.

Denn besagte Dame wird de facto bereits seit Monaten intensiv von einem solchen Berufsbetreuer unterstützt: Offiziell wird Günther Kardynal sein Engagement für die Seniorin allerdings zumindest vorläufig nicht geltend machen können. Seit Jahr und Tag gilt der ehemalige Polizist als streitbarer und erfahrener Vertreter der Zunft: „Diese Entscheidung“, zürnt er, „bringt mich wirklich in Rage.“

„Auf die lange Bank geschoben“

Bereits im September hatte Kardynal beim Amtsgericht beantragt, dass er selbst als Betreuer für die 87-Jährige eingesetzt werden möge. Per Vollmacht und auch gegenüber der AZ bekräftigte die Seniorin ausdrücklich, dass sie dies wünsche, da sie eine massive Sehbehinderung habe und gehbehindert sei, als Bezieherin von Grundsicherung und Witwenrente ihre Angelegenheiten nur mit größter Mühe allein bewältigen könne.

Kardynal verweist zudem auf ein ärztliches Attest, welches das Verfahren überhaupt erst ins Rollen gebracht habe: mit der Empfehlung, der Patientin aufgrund ihres prekären Gesundheitszustandes auch im Hinblick auf die Regelung finanzieller Angelegenheiten einen Betreuer an die Seite zu stellen. „Doch dann wurde die Sache auf die lange Bank geschoben“, wettert er. Kardynal legte eine Vollmacht der Seniorin vor, weil das Gericht sich zunächst weigerte, ihm Auskunft zu erteilen. „Dabei hätte man die Betreuung längst veranlassen können“, sagt er. Für ihn sei „völlig offensichtlich, dass die alte Dame allein nicht mehr zurecht kommt.“

Das sieht das Gericht allerdings anders. „Ein Betreuer darf laut Gesetz nicht bestellt werden, wenn besagte persönliche Angelegenheiten durch einen Bevollmächtigten oder durch andere Hilfen ebenso gut besorgt werden“, bekräftigt Pressedezernentin Daniela Krey.

„Kompetent und gut orientiert“

Denn auch der Verfahrenspfleger hatte nach mehreren persönlichen Besuchen bei der Seniorin den Eindruck gewonnen, dass diese durchaus noch in der Lage sei, finanzielle und behördliche Dinge selbstständig zu regeln – was sie im AZ-Gespräch bestätigt. Ferner habe das Sozialamt als Betreuungsbehörde berichtet, dass die Antragstellerin ihre Angelegenheiten „gegenüber dem zuständigen Sachbearbeiter stets persönlich, sachlich, kompetent und gut orientiert“ organisiert habe, unterstreicht das Gericht in seinem abschlägigen Bescheid. Hilfen zur Bewältigung ihres Alltags nehme sie über entsprechende Initiativen wie den Verein für Blinde und Sehbehinderte problemlos in Anspruch. Kurzum: Es reiche völlig aus, wenn sie einen Menschen ihres Vertrauens bevollmächtige, bei behördlichen Dingen oder Bankgeschäften für sie tätig zu werden.

Günther Kardynal bezeichnet die Ablehnung derweil als „skandalös. Zumindest eine sogenannte Gebrechlichkeitsbetreuung wird heute bei solch extrem hilsbedürftigen Menschen eingerichtet“, schimpft er. Die nächste bürokratische Hürde in der Auseinandersetzung habe er deshalb bereits ins Visier genommen. „Selbstverständlich werden wir den Beschluss gemeinsam anfechten.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert