Aachen - Hebammen: „Ohne Versicherung ist wie Berufsverbot“

Hebammen: „Ohne Versicherung ist wie Berufsverbot“

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Ist mit dem Verhalten der Politik in Bezug auf Hebammen nicht einverstanden: Freyja Seweryn vom Aachener Geburtshaus. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Seit 1997 können Schwangere ihr Baby im Aachener Geburtshaus zur Welt bringen. Jedes Jahr entscheiden sich rund 120 Frauen für diesen Ort. Dazu kommen jede Menge Vorsorgeuntersuchungen, Wochenbettbesuche, Beratungen und Kurse mit Babybauch oder Baby. Dass dieses Angebot schon recht bald Geschichte sein könnte, ist noch nicht vom Tisch.

Denn in einem Jahr läuft der Versicherungsschutz auch der fünf Hebammen des Geburtshauses aus. „Keine Versicherung zu haben, gleicht einem Berufsverbot“, sagte Freyja Seweryn im Interview mit Rauke Xenia Bornefeld.

Freiberufliche Hebammen ächzen seit Jahren unter hohen Prämien für die berufliche Haftpflichtversicherung. Warum reden gerade jetzt alle vom Ende der freien Geburtshilfe?

Seweryn: Der Versicherer, unsere Haftpflichtversicherung, hat zum Juli 2015 gekündigt. Eine Hebamme darf ohne Versicherung nicht arbeiten. Die hohen Prämien haben allerdings in den letzten Jahren ohnehin schon dafür gesorgt, dass vielen Hebammen die freie Geburtshilfe zu teuer geworden ist.

Steht auch das Geburtshaus Aachen zur Disposition?

Seweryn: Alle Geburtshäuser und alle freien Hebammen stehen zur Disposition. Keine Versicherung zu haben, gleicht einem Berufsverbot.

Warum braucht es eine freie Geburtshilfe? Zumindest in Aachen gibt es viele gute Möglichkeiten, in Kliniken zu entbinden.

Seweryn: Die freie Geburtshilfe ermöglicht eine ganzheitliche und individuelle Betreuung – eine persönliche Betreuung durch eine den Frauen vertraute Hebamme. Sie bedeutet weniger Interventionen sowie mehr spontane und natürliche Geburten unter einem größtmöglichen Schutz der Intimsphäre. Die Wahlmöglichkeit – Klinik, zuhause oder in einem Geburtshaus – ist außerdem wichtig, damit die werdenden Mütter ihr Recht auf Selbstbestimmung behalten.

Am 5. Mai haben Sie noch mit vielen Unterstützern am Elisenbrunnen demonstriert, am 5. Juni wurde ein Gesetz im Bundestag beschlossen, dass ihren Forderungen entgegen kommen will. Sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?

Seweryn: Wir sind zufrieden mit der Aufmerksamkeit durch die Bevölkerung, nicht aber mit den Ergebnissen in der Politik. Das Gesetz ist beschlossen, aber leider wenig konkret gefasst. Wie viele Geburten sind tatsächlich ,wenige‘ Geburten? Die Verhandlungen zwischen Krankenkassen und Hebammenverbänden stagnieren zurzeit wieder. Dort soll festgelegt werden, wann ein Vergütungszuschlag gezahlt werden soll. Schließlich gibt es auch noch die Hebammen, die Vollzeit auf selbstständiger Basis arbeiten. Da müsste es dann bei noch höheren Haftpflichtprämien auch einen finanziellen Ausgleich geben. Entweder es gibt tatsächlich irgendwann einen Haftungsfond, mit dem die Gemeinschaft dafür aufkommt, was die Hebammen allein nicht leisten können. Oder es muss zu den steigenden Prämien einen finanziellen Ausgleich für alle Hebammen geben. Ansonsten eint uns nach wie vor das Problem der fehlenden Versicherung ab Juli 2015 und ich sehe noch nicht, wie das Gesetz es für die Versicherer attraktiver machen soll, dem Hebammenverband ein vernünftiges Angebot zu machen.

Bundesgesundheitsminister Gröhe redet von der Notwendigkeit der Qualitätssicherung, die die Krankenkassen mit dem Hebammenverband bis Ende des Jahres aushandeln sollen. War die Qualität bisher nicht gesichert?

Seweryn: Herr Gröhe scheint an diesem Punkt nicht ausreichend informiert zu sein. Schon seit ein paar Jahren ist Qualitätsmanagement Bestandteil aller Geburtshäuser – auch als Auflage der Krankenkassen, die seit 2008 Betriebskosten von Geburtshäusern übernehmen. Die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe, kurz Quag, gibt es schon seit über 20 Jahren. Sie sorgt für die Erfassung, statistische Auswertung und Veröffentlichung der Daten zur Qualität der jährlich rund 10 000 außerklinisch betreuten Geburten in Deutschland. Die Krankenkassen suchen nach Ausreden, um uns nicht höher entlohnen zu müssen.

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