Hausbesetzer laden zum kleinen Kaffeekränzchen

Von: Robert Esser
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Picknick auf offener Straße:
Picknick auf offener Straße: Während vermummte Hausbesetzer aus den Fenstern der Kasinostraße 55 Parolen skandierten, trafen sich Anwohner in dem von der Polizei gesperrten Verkehrsraum zum fröhlichen Neujahrsbrunch mit Kind und Kegel. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Skurriler könnte die Szene kaum sein: Während vermummte Hausbesetzer aus den schmucken Fenstern der Kasinostraße 55 ihre Parolen brüllen und die Einsatzhundertschaft der Polizei das Areal abriegelt, knallen einen Steinwurf entfernt Sektkorken.

Anwohner haben es sich am Sonntag mit Kind und Kegel, Tischen und Stühlen mitten auf der Straße gemütlich gemacht und laden zum Neujahrsbrunch. Darunter Astrid Bähr und Jörg Stolzenberger. Angst haben sie keine, im Gegenteil. „Die jungen Leute, die das Haus in der Silvesternacht besetzt haben, schauen ja etwas düster aus mit ihren schwarzen Kapuzen und Sturmhauben”, sagt Stolzenberger. „Dem wollten wir etwas Positives, etwas Fröhliches entgegensetzen”, erklärt er. Und seine Partnerin fügt hinzu, dass die verkehrsfreie Straße so ja viel schöner sei.

Seit dem frühen Neujahrsmorgen, etwa 3 Uhr, ist die Polizei vor Ort. Etwa 200 junge Leute aus der linken Szene waren gegen Mitternacht in das leer stehenden Gebäude mit der Hausnummer 55 eingedrungen. Als die Sonne aufgeht, sind angeblich noch 70 übrig. Und die wollen offenbar bleiben. Man kämpfe „für Selbstbestimmung in unserem Alltag” und „gegen soziale und politische Zurückdrängung, sexistischen Normalzustand, Neofaschismus und rassistische Ausgrenzung”, teilt ein Sprecher mit. Und natürlich dafür, leer stehende Gebäude „sinnvoll zu nutzen”.

Wie sich die Besetzer das vorstellen, haben sie auf ein Flugblatt geschrieben. Da ist für Montag ein Workshop zum Thema „Hausbesetzungen” geplant, am Dienstag wird ab 17 Uhr zum „Kennenlerntreffen für Anwohner” geladen, am Mittwoch soll ein „Spieleabend” folgen. Bedrohlich klingt das eher nicht. Und einige haben jetzt schon reichlich Spaß. Nachbarn versorgen die Besetzer unter den Augen der Polizei über angeseilte Körbe bis zum oberen Stockwerk mit Brötchen, Kaffee, Tee und Schokolade. Die Beamten verhindern aber, dass weitere Sympathisanten ins Haus gelangen. Gleichzeitig wird der rechtmäßige Eigentümer des Gebäudes gesucht, wie Polizeisprecherin Iris Wüster mitteilt.

Die AZ erreicht am Nachmittag den Investor und Projektentwickler Norbert Hermanns, der noch im Winterurlaub weilt. So erfährt der Geschäftsführer der AMW Projekte GmbH und Vorstand der Landmarken AG, dass der herrschaftliche Komplex aus dem 19. Jahrhundert, den er gerade erworben haben will, von Hausbesetzern gestürmt wurde. Formaljuristisch ist allerdings noch der Verkäufer Eigentümer der Immobilie. Er stellt 18 Stunden nach der Besetzung Strafantrag.

Hermanns will die Kasinostraße 55 eigentlich mit modernen Appartments in historischem Ambiente aufwerten. Ursprünglich gehörte das Haus dem Tuchfabrikanten August Erckens. Es steht unter Denkmalschutz, wurde 1931 als bischöfliches Palais mit Kapelle und wertvollen Fußböden, Ornamenten und Stuckdecken umgebaut. Zum jüngsten „Tag des Denkmals” hatte es die Stadt in den Katalog aufgenommen und Führungen angeboten.

Nun interessieren sich noch mehr Menschen für das Gemäuer, das zuletzt als Familienbildungsstätte genutzt wurde und tatsächlich seit einigen Jahren leer steht. „Wir wollen hier nichts kaputt machen, haben sogar Müllsäcke im Haus verteilt”, betont einer der Hausbesetzer. Nur mit den Toiletten sei das etwas schwieriger, weil es wegen einiger Rohrbrüche kein fließendes Wasser gebe. Wer das Haus verlässt, wird von der Polizei erkennungsdienstlich behandelt. Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung lauten die Vorwürfe. Die Besetzer fordern erst, dass ihnen der Eigentümer das Haus - zumindest vorübergehend - überlässt. Gegen 21 Uhr dann die Wende: Fortan wird über Straffreiheit verhandelt, wenn die Besetzer friedlich abziehen. Polizei und Eigentümer sollen sich vorher im Haus einen Überblick über Sachschäden verschaffen dürfen. An den Polizeisperren sammeln sich dutzende Sympathisanten der linken Szene. Projektentwickler Hermanns plädiert im Gespräch mit unserer Zeitung an die Vernunft der Autonomen, sodass keine gewaltsame Räumung nötig wird.
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