Hauptsache, die Radarfalle ist blitzbereit

Von: Robert Esser und Albrecht Peltzer
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Das riecht nach Winter: Die weiß-rote Nase dieser Rentierfigur in einem Aachener Garten spricht - gänzlich stumm - für sich. Die kalte Jahreszeit trägt derzeit ganz schön dick auf. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nur um Zentimeter krachte der Baum an der Autofahrerin vorbei. Nur sein Geäst streifte den Smart gegen 11 Uhr am Montagmorgen. Dann zerstäubte die Pulverschneebombe in einer riesigen Wolke. „Die Frau hinterm Steuer hat wahnsinnig viel Glück gehabt”, erklärte die Feuerwehr später.

Der Stamm hätte den Kleinwagen zerquetschen können. Zumal direkt daneben zwei weitere Bäume am Hasselholzer Weg unter der Schneelast umkippten. Einer rammte Balkon und Fenster eines Hauses. Verletzt wurde niemand. Zu über 50 ähnlichen Einsätzen waren Brandschützer und Polizei allein von Sonntagabend bis Montagabend 22 Uhr geeilt. Dabei gab es zum Glück nur einen Leichtverletzten. 13 Zentimeter Neuschnee türmten die Schneedecke laut Aachener Wetterwarte 23 Zentimeter hoch auf - also fast einen viertel Meter. Das war nicht nur für so manchen Baum zu viel.

Lastwagen ohne Winterreifen

Doch dass etwa der Berufsverkehr aus Lichtenbusch Richtung Siegel in den frühen Morgenstunden viele Pendler auf eine stundenlange Geduldsprobe stellte, lag wieder einmal am Unvermögen eines Blechpiloten. Um 8.40 Uhr hatte ein Lkw-Fahrer jede Gewalt über sein schweres Gefährt verloren - und schlitterte quer zur Fahrbahn. „Die Kollegen mussten die Straße sperren”, sagte Polizeisprecher Paul Kemen. „Der Lkw-Fahrer war ohne Winterreifen unterwegs. Das war völlig verantwortungslos und wird ihm ein Bußgeld von über 100 Euro bescheren”, erklärte der Polizist. Bereits bis Montagmittag zählten die Ordnungshüter ein gutes Dutzend witterungsbedingte Unfälle. Der Gesamtschaden der Blechschäden summierte sich laut Präsidium auf rund 30.000 Euro.

Nicht eingerechnet ist hier der Schaden, den ein Sattelschlepper auf der Autobahnraststätte Lichtenbusch anrichtete. Er säbelte gleich zwei Verkehrszeichen an der Tankstelle um. Bis Montagmittag harrten hier immer noch an die hundert Lastzüge aus, die weder auf nordrhein-westfälischen noch auf belgischen Autobahnen ihre Tour fortsetzen durften.

Nicht jeder bewies Geduld. „Wir werden mit Anrufen bombardiert”, sagte Dieter Lennartz. Der Abteilungsleiter für den Winterdienst rotiert beim Stadtbetrieb auf Hochtouren. „Wir können nicht darauf hoffen, Anerkennung zu bekommen”, sagte er. Es gebe immer wieder Kritik, weil Straßen angeblich nicht schnell genug geräumt oder abgestreut seien. Fakt ist: Ab 3.30 Uhr am Montag war der Stadtbetrieb mit allen Mitarbeitern und Fahrzeugen unterwegs. Zunächst ausschließlich in der sogenannten Dringlichkeitsstufe 1 - Hauptverkehrsachsen, Steigungen, Fußgängerüberwege etc. Allein diese sind laut Lennartz 273 Straßen mit einer Gesamtlänge von 550 Kilometern. „Wir machen auf Beschluss der Politik einen sehr differenzierten Winterdienst”, sagt er. Salz ist knapp. Es gehe darum, einen Kompromiss zwischen Sicherheit, Umweltschutz und Wirtschaftlichkeit zu finden.

„Manche erwarten, dass alle Straßen komplett von Schnee und Eis befreit sind, aber das ist nicht gewollt.” Auch, weil es immense Kosten verursachen würde - Kosten, die dann über hohe Abfallgebühren wieder von allen Bürgern zu tragen wären. Lennartz stellt klar: Eine Streupflicht gebe es für die Kommunen nur auf verkehrswichtigen und gefährlichen Straßen. „Da bräuchten wir nicht einmal Abschnitte wie die Jülicher Straße zu streuen. Wir tun es aber, um den Verkehrsfluss zu erhöhen.”

Der floss morgens trotzdem ziemlich zäh. 30 bis 45 Minuten Verspätung mussten Aseag-Kunden in Kauf nehmen - im Südraum bis zum späten Nachmittag. Mancher der rund 320 Busse kam gar nicht mehr vorwärts. Hermann Paetz, Centerleiter Verkehr bei der Aseag: „Ein Long Wajjong wiegt voll besetzt 30 Tonnen, auf Eis geht da gar nichts mehr.” So ein Doppelgelenkbus brauchte zum Beispiel für steile 150 Meter Jakobstraße am Morgen eine satte Stunde. Zwei Disponenten auf der Leitstelle versuchten, das Verkehrsdurcheinander in die Reihe zu bringen - aber mancherorts war das schlicht unmöglich. Wie in Schmithof und Sief. Oft mussten die Busse auf den Hauptverkehrsstraßen bleiben, weil die kleineren Straßen unbefahrbar waren. Da konnten auch sechs Funkwagen der Aseag an neuralgischen Punkten kaum helfen.

Nicht mehr zu helfen war indes auch den städtischen bediensteten, die eine stationäre Radarfalle in Walheim wieder flott machten, während der Autoverkehr daneben knirschend über Schnee und Eis kroch. Die Stadt entdeckte allerorten die Langsamkeit. „Witterungsbedingte Verspätungen” verkündete die Lautsprecherstimme auch am Aachener Hauptbahnhof immer wieder - bis zu 50 Minuten für den ICE nach Frankfurt.

Müllabfuhr muss nachleeren

Deutlich länger wird es dauern, bis die Müllabfuhr wieder planmäßig leert - besonders in Wohnstraßen mit starken Gefälle. Die städtischen Entsorger bitten darum, notfalls neuen Unrat in Müllsäcken neben die vollen Tonnen zu stellen. Man bemühe sich schnellstmöglich um Nachleerungen. Wann es soweit ist, blieb allerdings offen.

Geschlossen ist hingegen der Waldfriedhof. Die Gefahr durch abbrechende Äste sei zu groß, teilte das Presseamt mit. Erst bei Tauwetter könne man die Baumwipfel sicher zurechtstutzen. Vorsicht ist auch in Parkanlagen geboten. Und vor Hausdächern. Die Feuerwehr musste Passanten am Montag bereits vor Eiszapfen und Dachlawinen in der Adalbertstraße schützen.

Zwar sollen die Temperaturen heute bis plus zwei und Mittwoch bis vier Grad Celsius leicht steigen. Dann sei sogar noch mit Regen vor Weihnachten zu rechnen, prognostizierte Paul Gerhards von der Wetterstation im Stadtpark. „Aber der Nachtfrost wird weiterhin für gefährliche Glätte sorgen.” So hilft manchmal eben nur Präzisionsarbeit und Glück. Auf der Straße und anderswo. Eine Glaskugel, durch die Sonnenstunden auf dem Dach der Wetterwarte aufgezeichnet werden, setzte Gerhards am Montag mit einem Handfön wieder in Gang. „Geht doch!”, sagte der Wettermann. Was auch für Verkehrsteilnehmer weiterhin ein guter Ratschlag ist.
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