Aachen - Hans Leenders nimmt nach 25 Jahren Abschied vom Madrigalchor Aachen

Hans Leenders nimmt nach 25 Jahren Abschied vom Madrigalchor Aachen

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„Der Madrigalchor ist zum wichtigen Freundeskreis für mich geworden“: Hans Leenders bricht nun als Musiker dennoch in neue Gefilde auf. Dem Ensemble will er auf andere Weise erhalten bleiben... Foto: Andreas Steindl

Aachen. Gemessen an seinem Terminkalender sitzt Hans Leenders unerwartet entspannt im Café und wartet. In Aachen ist Leenders vor allem als Leiter des Madrigalchores Aachen, einem der Initiativchöre der Chorbiennale, bekannt. Doch tatsächlich listet seine aktuelle Aufgabenliste eine Vielzahl von Aufträgen und Arbeitsstellen auf.

Als Beruf gibt er deshalb auch nicht Dirigent, Kantor oder Komponist an, sondern einfach Musiker. Im Gespräch mit Rauke Xenia Bornefeld wird klar, warum Hans Leenders nach 25 Jahren den Madrigalchor nun in jüngere Hände gibt, obwohl dessen Leitung vielleicht eine seiner prägendsten Stellen war.

Sie sind Kantor der Liebfrauenkirche in Maastricht und der Kopermolen in Vaals, Sie arbeiten als Professor für Orgel an der Musikhochschule in Maastricht und als Gastdozent für Gregorianik an der Folkwang-Hochschule in Essen, Sie leiten verschiedene hochkarätige Chöre, Sie agieren als Berater verschiedener Festivals und als Gastdirigent. Schließlich komponieren Sie auch noch. Wären wir in einem Science-Fiction-Film, würde ich vermuten, dass Sie geklont wurden.

Leenders: Ich ändere gerne hin und wieder mein Curriculum, damit ich immer wieder neue Impulse bekomme. An der Hochschule in Maastricht arbeite ich zum Beispiel jetzt mit dem Hochschulchor. Dazu hatte ich einfach Lust.

Sie könnten aber sicher auch weniger machen…

Leenders: Wenn ich keine Arbeit habe, fühle ich mich nicht wohl. Ich mache es einfach gern. Außerdem arbeite ich bei Festivals und ähnlichem ja nicht allein. Dort sind wir ein Team. Ich habe eine ganz gute Antenne dafür, was ich gerne mache und was nicht. Am Anfang meiner Karriere habe ich in Maastricht und Utrecht unterrichtet – hauptsächlich theoretische Fächer wie Harmonielehre und Gehörbildung. Aber sehr bald hat sich herausgestellt, dass das doch nicht mein Ding war. Andere wundern sich, dass ich solch einen festen Job aufgegeben habe. Aber mir geht es nicht um einen Job.

Ich möchte Dinge tun, aus denen ich Energie ziehen kann. Ganz gut finde ich aber auch, wenn manche Engagements zeitlich begrenzt sind oder sich auf einige Projekte beschränken. So wurde ich gefragt, ob ich nicht die künstlerische Leitung des Chores Cantatrix im Norden der Niederlande übernehmen könnte. Ich wollte das gerne machen, weil ich dort mehr mit Orchestern arbeiten kann. Aber ich wollte nicht jede Woche zu Proben nach Friesland fahren. So habe ich dem Chor eine neue Arbeitsstruktur mit mehr Gastdirigaten vorgeschlagen, und das Ensemble ist drauf eingegangen.

Auf was würden Sie auf keinen Fall verzichten wollen?

Leenders: (sehr schnell) Auf meine Orgel. Das ist die Liebe meines Lebens – meine Frau wird es mir nachsehen. Das ist ja ein Instrument…

Haben Sie eine musikalische Lieblingsepoche?

Leenders: Wenn ich zu lange in eine Richtung gehe, brauche ich mal wieder eine Pause davon. Wenn ich mit dem Profi-Chor Studium Chorale relativ lange an schweren zeitgenössischen Werken arbeite, die Laienchöre eigentlich gar nicht singen können, freue ich mich, mich mal bei einer Bach-Kantate „ausruhen“ zu können. Da muss ich mich nicht lange in Partituren versenken.

Diese Musik kenne ich, ich kann auf dem Notenblatt sehen, wie sie klingt – auch wenn es da wieder andere Schwierigkeiten gibt. Gerade freue ich mich sehr auf mein Abschlusskonzert mit dem Madrigalchor mit Musik von Ende 16., Anfang 17. Jahrhundert, in der die Dreiklänge wieder schön klingen. Das ist gut für den Atem, die Stimme, die Seele. Aber wenn ich das dann lange genug gemacht habe, möchte ich wieder etwas anderes.

Den Madrigalchor leiten Sie seit 1992. Wie kam es dazu?

Leenders: Damals war ich 27. Eigentlich war ich Sänger bei Studium Chorale, aber das Dirigieren hat mich immer gereizt. Deshalb leitete ich bereits einen großen Oratorienchor und einen großen Männerchor, die allerdings vom Niveau mit dem Madrigalchor in keiner Weise mithalten konnten. Das merkte ich schnell beim Vordirigieren. Ab da wusste ich: Wenn ich einen Chor dirigieren will, muss ich dafür sorgen, dass meine Ohren sauber bleiben. So habe ich alles andere radikal hingeschmissen. Mit dem Madrigalchor habe ich meine Ohren geschult, meine Stilkenntnisse aufgebaut und viel gelernt. Nicht zuletzt habe ich da auch meine Frau kennengelernt.

Sie haben eine sehr enge persönliche Bindung zum Chor. Fällt Ihnen der Abschied tatsächlich so leicht?

Leenders: Nein (lacht). Es ist nicht einfach. Aber wenn man frisch bleiben will, kann man nicht alles machen. Ich habe jetzt sehr viele Anfragen und Aufträge von anderen Seiten: Andere Chöre, die Hochschule in Maastricht möchte, dass ich mich stärker engagiere, ich möchte weiter komponieren, meine Orgelkonzerte laufen auch nicht von einmal Durchblättern, für manche spannende Arbeit finde ich kaum Raum. Wenn ich allerdings den Eindruck gehabt hätte, dass mit meinem Weggang auch der Madrigalchor langfristig aufhört zu existieren, hätte ich die Entscheidung anders gefällt. Aber ich spüre, dass der Chor sehr vital ist. Es gibt viele neue, junge Menschen, die Spaß am Singen haben. Sie können das Niveau auch ohne mich halten. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt.

Was würden Sie als größten Erfolg mit dem Madrigalchor sehen?

Leenders: Für die Stadt ist sicher der größte Erfolg, dass wir mit anderen Kammerchören die Chorbiennale etablieren konnten. Das hat die Chorszene in Aachen wirklich nach vorn gebracht. Auch der Madrigalchor konnte dadurch zunehmend mehr Zuhörer verzeichnen. Ich hoffe, dass die Chorbiennale weiter Bestand hat. Meine persönlichen Höhepunkte mit dem Madrigalchor waren aber unsere vielen Reisen.

Nicht in erster Linie wegen der tollen Orte und Bühnen, die wir erobert haben, oder wegen besonders hochwertiger Konzerte. Sondern wegen des Miteinanders. Wir konnten die vielen Reisen nur machen, weil immer wieder Sängerinnen und Sänger die Verantwortung für die Organisation übernommen haben. Ich allein hätte das nicht alles stemmen können. Der Madrigalchor ist zu einem wichtigen Freundeskreis für mich geworden.

Was waren die schwierigsten Momente?

Leenders: Irgendwann kommt im Chor immer die Frage nach dem Ziel. Wollen wir ein Kammerchor sein, der versucht, das Beste aus sich herauszuholen? Oder können wir nicht auch mal etwas Einfaches machen? Braucht die Geselligkeit nicht mehr Raum? Wir haben uns nach meiner Meinung richtigerweise immer für das Niveau entschieden.

Damit im Zusammenhang steht aber auch eine andere Schwierigkeit: Wenn man so gut miteinander harmoniert, geht am Ende niemand. Die natürliche Verjüngung fällt weg. Der Madrigalchor hat als Studentenchor begonnen. In solchen Ensembles gibt es eine natürliche Bewegung. Wenn aber viele bleiben, gibt es die eben nicht mehr. Das hat auch Vorteile, aber irgendwann verliert man den Kontakt zu den Hochschulen. Die Schwierigkeit ist, dass alle das Problem erkennen, aber keiner gehen mag.

Sie könnten durchaus selektieren.

Leenders: Ja, aber das habe ich nicht übers Herz gebracht. Wir haben es zum Glück geschafft – ich weiß gar nicht, wie – wieder junge, frische Leute zu gewinnen. Auch deshalb finde ich es gut, dass mit Johannes Honecker jetzt ein junger Dirigent meine Nachfolge antritt. Er studiert in Köln Chorleitung und wird sicher frischen Wind mitbringen.

Waren Sie in die Entscheidung involviert?

Leenders: Hundert Prozent nicht. Ich wollte nicht über mein Grab regieren (lacht).

Sie behalten den Chor aber dennoch im Auge?

Leenders: Klar! Meine Frau singt weiter dort, und wenn er wieder auf Reisen geht, fahre und singe ich einfach mit. Das habe ich schon angekündigt (lacht). Wenn sie mich dann noch wollen, vielleicht muss ich erstmal vorsingen.

Welche Spuren haben Sie mit dem Madrigalchor in Aachen und in der Euregio hinterlassen?

Leenders: Oh, schwer zu sagen. Das müssen Sie vielleicht jemand anderes fragen. Vielleicht kann ich es anders sagen. Vorteilhaft fand ich, dass ich die Gelegenheit hatte, als Limburger, als Niederländer auch hier in Aachen zu arbeiten. Vielleicht ist das mein Fußabdruck: Die kulturelle Verbindung zwischen Maastricht, Aachen und Lüttich mit aufgebaut und gepflegt zu haben. Der kulturelle Austausch funktioniert meistens schneller als auf anderen Gebieten. Ein Teil des großen musikalischen Netzwerks in der Region zu sein, empfinde ich als Privileg.

Wie charakterisieren Sie die Chorszene in Aachen?

Leenders: Das ist wahnsinnig! Echt erstaunlich! Dass hier so viel und so gut gesungen wird, ist wirklich unglaublich. Als Dirigent muss man sich behaupten. Aber das funktioniert nicht über Ellbogen, sondern über gute Musik. Dann wird man wahrgenommen. Hier singen viele Menschen gern. Aachen ist eine von Chören geprägte Stadt. Die Vielfalt ist immens.

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