Aachen/Eschweiler/Würselen - Hannelore Kraft: Eine Ministerpräsidentin zum Anfassen

Hannelore Kraft: Eine Ministerpräsidentin zum Anfassen

Von: Christian Rein
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Interesse an den technischen Details: Ministerpräsidentin Hannelore Kraft lässt sich beim Besuch des Technologiezentrums Access in Aachen die Feinheiten der Metallguss-Technik erklären. Foto: Andreas Steindl

Aachen/Eschweiler/Würselen. Eine Kundgebung hätte terminlich nicht mehr gepasst. Vormittags macht das keinen Sinn, weil die Menschen arbeiten müssen, und am Nachmittag muss Hannelore Kraft schon wieder in Köln sein. So sind die zeitlichen Anforderungen in diesem besonders kurzen und ungeplanten Wahlkampf.

Aber Kundgebungen scheinen ohnehin eher den kleineren Teil dessen auszumachen, womit Hannelore Kraft um Wählerstimmen werben will. Seit sie Ministerpräsidentin ist, besucht sie im Rahmen einer „Tatkraft”-Tour regelmäßig Unternehmen und Einrichtungen. Sie macht dort „Praktika” und will vor allen Dingen, wie sie sagt, selbst erfahren, wie andere Menschen leben und arbeiten. So ähnlich funktionierte am Freitag auch der Besuch der 50-Jährigen an vier Stationen in unserer Region.

8.30 Uhr, Caritas Behindertenwerk, Würselen: Es wird gespielt. Da ist Hannelore Kraft richtig, wie sie selber sagt. Doch hier geht es nicht ums Gewinnen, um Strategie oder komplizierte Regeln. Für die meisten Menschen im Raum geht es um Spaß, um Zerstreuung, vielleicht - im pädagogischen Sinn - auch um ein kleines Erfolgserlebnis. Wie für den Mann im Rollstuhl, der versucht, einen Gegenstand durch eine kleine Öffnung in einen Karton zu werfen. Kraft wechselt ein paar Worte mit dem Mann, sie legt eine Hand auf seinen Arm, feuert ihn an und findet ein tröstendes Wort, als es daneben geht.

Es ist nicht Krafts erster Besuch in einem Behindertenwerk. Den ersten hat sie weiland mit Johannes Rau gemacht, als der noch Ministerpräsident war. Sie kennt solche Situationen also, und doch ist es ungewöhnlich, wie ungezwungen sie damit umgeht.

„Die Behindertenpolitik ist in der Landespolitik weitgehend unstrittig”, sagt Kraft. Wahlkampf? Eine politische Botschaft? Nein. Die Ministerpräsidentin hebt das Projekt Inklusion hervor, also die Eingliederung von Behinderten in die Bildungs- und Berufswelt. Sie weiß aber auch „Dieser Prozess dauert eine Generation.”

10.15 Uhr, ESW Röhrenwerke Eschweiler: Den blauen Helm hat sich Kraft wie selbstverständlich aufgesetzt. Schwerindustrie ist ihr nicht fremd. In Mülheim, ihrer Heimatstadt, stehen die Mannesmann-Röhrenwerke. Dort wird in etwas größerem Umfang das gefertigt, was auch die ESW Röhrenwerke in Eschweiler herstellen: Nahtlos-Rohre für den Kraftwerksbau, für Öl- und Gasplattformen oder für die Fahrzeug-Industrie. Bei den ESW Röhrenwerken sind es 70 000 Tonnen im Jahr, bei Salzgitter-Mannesmann 320 000 Tonnen.

In zwei, drei Metern Höhe führt ein Steg durch die Halle, entlang der verschiedenen Stationen der Produktion. Unten, wo gerade rot glühend das mehrere hundert Grad heiße Rohr aus der Planeten-Schrägwalze läuft, wäre es viel zu warm. Kraft kennt die Produktionsschritte fast so gut, dass sie sie selber erklären könnte.

Plötzlich ist doch ein wenig Wahlkampf, und Kraft hat eine Botschaft: Wenn die Energiewende gelingen soll, braucht NRW neue fossile Kraftwerke. „Man kann nicht aus der Kernenergie aussteigen und gleichzeitig Kohle- und Gaskraftwerke abschaffen”, sagt sie. Allerdings wisse die Energie-Industrie nicht genau, was mit der Energiewende auf sie zukomme, es gebe noch keinen Masterplan.

Deshalb werde allenthalben abgewartet, Kraft spricht von „Investitionsattentismus”. Und der schlage durch auf die Zulieferer, auf Unternehmen wie ESW, die als Mittelständler mehr als andere auf Auftragssicherheit angewiesen seien. Für den geforderten Masterplan ist freilich Norbert Röttgen zuständig, der Bundesumweltminister und CDU-Spitzenkandidat, Krafts Kontrahent. Aber das führt sie gar nicht erst groß aus.

12 Uhr, Sozialkaufhaus, Aachen: Damensachen. Auf dem Tisch liegen sie stapelweise ausgebreitet. Für die Herren gibt es auch etwas, aber längst nicht so viel. Manches ist Neuware, ungetragen. Alles ist gespendet. Die Frauen sortieren die Kleidungsstücke: nach Zustand, nach Größe, nach Reparaturbedürftigkeit. Die Kleidungsstücke kosten je einen Euro, manche zwei. Mehr aber nicht.

150 bis 200 Kunden besuchen täglich das Sozialkaufhaus des Vereins Wabe im Aachener Ostviertel. Es sind Menschen, die nicht viel haben zum Leben, Arbeitslose, Obdachlose, Menschen mit Behinderung, Haftentlassene. Sie finden bei der Wabe Unterstützung.

Hannelore Kraft ist für solche Menschen am Rande der Gesellschaft Vertreterin eines Staates, von dem sie Hilfe erwarten, von dem sie sich aber auch im Stich gelassen fühlen. Wabe-Geschäftsführer Alois Poquett sagt: „Viele Langzeitarbeitslose haben das Gefühl, dass sie nichts mehr wert sind. Sie brauchen Zuwendung, nicht nur im materiellen Sinn.” Kraft nickt. „Ich kenne Arbeitslosigkeit aus meiner Familie. Ich weiß, was das mit den Menschen macht.”

Kraft unterstützt die Forderung nach einem zweiten, staatlich geförderten Arbeitsmarkt für Menschen, die schwer vermittelbar sind. Sie sagt: „Wir müssen wegkommen von den ganzen Maßnahmen, den Ein-Euro-Jobs und so weiter.” Sie sagt aber auch: „Ich kann Sie nicht einstellen. Das müssen Unternehmen tun. Wir als Politik können nur appellieren.” Kraft will keine leeren Versprechungen machen, das betont sie gleich mehrfach. Und sie ruft dazu auf, zur Wahl zu gehen.

13.30 Uhr, Technologiezentrum Access, Aachen: An der Fassade hängt ein großes Banner. „Hier entstehen 200 neue Arbeitsplätze”, steht darauf. Man sieht Robert Guntlin, dem Geschäftsführer des Technologiezentrums Access, den Stolz darüber an. Neun Jahre haben sie bei Access, einem An-Institut der RWTH Aachen, an der Entwicklung von neuen Triebwerksschaufeln für Flugzeug-Triebwerke getüftelt. Nun ist man serienreif, in Aachen soll eine der modernsten Gießereien der Welt entstehen - auf dem ehemaligen Gelände der ältesten Gießerei Aachens, Dubois.

Hannelore Kraft lässt sich die einzelnen Produktionsschritte erklären. Sie fragt nach den technischen Details, sie ist interessiert, sie hört zu. Ein Statement gibt sie hier gar nicht mehr ab. Aber sie ist da, zum Anfassen und zum Ansprechen. Mehr geht nicht. Auch im Wahlkampf.
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