Hakenkreuz und Davidstern: Über die Grenze der Kritik

Von: Peter Pappert
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Stein des Anstoßes: Friedensp
Stein des Anstoßes: Friedenspreisträger Walter Herrmann und seine Klagemauer, hier ein undatiertes Archivbild.

Aachen. Der Verein Aachener Friedenspreis (AFP) ist in erheblichen Schwierigkeiten - und das schon seit Monaten. „Das Antisemitismus-Problem im Aachener Friedenspreis ist lange bekannt.”

Mit dieser Feststellung eröffnete der Vorsitzende Karl Heinz Otten die jüngste außerordentliche Mitgliederversammlung seines Vereins - ausdrücklich „in der Erkenntnis, dass sich kein Konsens erzielen lässt”. Seit geraumer Zeit herrschen in den eigenen Reihen Unruhe, weil sich der Verein schwertut, die Grenze zwischen Kritik an der Politik des Staates Israel und antisemitischen Ressentiments zu ziehen.

Eine Mitgliederversammlung Ende April zu diesem Thema hatte nach Aussage mehrerer Teilnehmer unter einer hochemotionalen Atmosphäre und heftigen gegenseitigen Attacken gelitten. So kamen viele Mitglieder am vorigen Freitag mit großer Anspannung zum Treffen im Philipp-Neri-Haus. Versammlungsleiter Dieter Spoo bat nachdrücklich um „Sachlichkeit und eine angemessene gemeinsame Kommunikationsebene”.

Der Aachener Psychologe Thomas Auchter, der dem Verein angehört, hatte im Vorfeld in einem Brief an die Mitglieder geschrieben, „dass das Thema ?Israel/Palästina von Anfang an bewusst und unbewusst affektiv hoch aufgeladen ist und deswegen eine sachliche und vernünftige Auseinandersetzung damit sehr schwer zu führen ist”. Er halte „ganz grundsätzlich und in jedem Fall” die „Gleichsetzung der israelischen Politik mit dem Verhalten der Nationalsozialisten für ebenso falsch wie unzulässig - besonders, wenn sie aus deutschem Mund erfolgt”.

Krake mit Israels Flagge

Ursache für die aufgewühlten Diskussionen im AFP sind antisemitische Darstellungen und Äußerungen, mit denen sich zwei Friedenspreisträger identifiziert haben. Bernhard Nolz, Preisträger von 2002, hatte in Siegen mit einer antisemitischen Karikatur für die auch in Aachen heftig umstrittene Nakba-Ausstellung über Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948 geworben: Dort ist eine Krake zu sehen, die am Kopf eine israelische Flagge trägt, auf der statt des Davidsterns ein Hakenkreuz gezeichnet ist.

Zweiter Fall: Walter Herrmann wurde 1998 als Initiator der „Kölner Klagemauer” mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet. Wie der Aachener Politikwissenschaftler Richard Gebhardt und AFG-Vorstandsmitglied Matthias Fischer gegenüber unserer Zeitung bestätigen, hat er wiederholt mehrere antisemitische Darstellungen und Texte an der Klagemauer angebracht - darunter nach Aussage von Gebhardt eine „Karikatur, in der eine mit US-amerikanisch-jüdisch-israelischen Motiven und Symbolen gekennzeichnete Person ein palästinensisches Kind verspeist”. Der Politologe sieht Analogien zu jener Propaganda, „in der Juden als Kindermörder geschmäht werden”. Dagegen hatte ein breites Kölner Bündnis der Stadtratsparteien (mit Ausnahme der Linkspartei) sowie von Kirchen und Organisationen in einer Resolution protestiert.

„Es gibt nach wie vor Texte an der Klagemauer, die mit antijüdischen Ressentiments spielen”, sagte der Geschäftsführer der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Marcus Meier, unserer Zeitung am Montag. „Und es gibt nach wie vor die Gleichsetzung von Israel und Nationalsozialismus.”

Fischer berichtet von einem Plakattext an der Klagemauer: „Gaza-Ghetto = Warschauer Ghetto”. Im Gespräch mit unserer Zeitung bestreitet Veronika Thomas-Ohst diesen Wortlaut. Der Text laute: „Gestern Warschauer Ghetto - heute Ghetto Gaza. Wie sich die Bilder gleichen”. Herrmann habe bewusst provozieren wollen; sie lehne den Text ab, halte ihn aber nicht für antisemitisch.

Auch diese Einschätzung erklärt, worum es derzeit beim Aachener Friedenspreis geht. Vorsitzender Otten distanzierte sich zwar bereits im Februar 2010 öffentlich von Herrmann wegen der genannten Karikatur; der AFP-Vorstand schrieb deshalb zwei Mal an den Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters.

Aber Vorstandsmitglied Fischer, einer der Mitbegründer und Koordinatoren des Netzwerkes Aachener Schulen gegen Gewalt und Rassismus, reicht das nicht. Auch nach der jüngsten Mitgliederversammlung ist er der Ansicht, dass „sich Teile der Linken und (Vorstands-)Mitglieder des AFP” mit latentem Antisemitismus „nicht hinreichend auseinandersetzen wollen”. Er bedauert, dass nach der Mitgliederversammlung im April zum zweiten Mal über seinen Antrag (siehe Infobox) nicht abgestimmt worden ist. „In unseren Reihen gibt es Antisemitismus”, sagte er auf der Versammlung. „Das Thema ist nicht zu Ende”, erklärte Fischer dann unserer Zeitung. „Der eigene Antisemitismus muss kritisch aufgearbeitet werden, wenn wir als Friedensinitiative glaubwürdig agieren wollen.” Die Mehrheit im AFG-Vorstand versuche, antisemitische Ausfälle als Ausrutscher darzustellen. „Das entspricht aber nicht der Realität. Es ist ein Dauerproblem.”

Otten verwahrte sich am Freitag vor den Mitgliedern gegen diese Vorwürfe. Der Vorstand habe sich eindeutig distanziert. „Was sollen wir denn noch tun? Wir haben keinen Einfluss darauf, wie sich unsere Preisträger entwickeln.” Während der Vorsitzende keinen Bedarf nach weiteren Stellungnahmen sah, forderten andere Mitglieder genau das. „Es ist wichtig, dass wir uns als Mitgliederversammlung von antisemitischen Karikaturen eindeutig distanzieren”, sagte die Aachener Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne). Sie las aus einem Brief von Friedenspreisträger Nolz vom Mai dieses Jahres vor, in dem die Verwendung von Hakenkreuzen auf einer israelischen Flagge verteidigt wird.

In zahlreichen Wortmeldungen bezeichneten sich mehrere Mitglieder als überfordert und nicht ausreichend vorbereitet, um über die vorliegenden Anträge (siehe Infobox) abzustimmen. Schließlich stimmten die meisten Anwesenden dem Vorschlag zu, keinen der drei Anträge zu behandeln. Die Mitgliederversammlung gab lediglich zu Protokoll, dass sie sich von Antisemitismus distanziere, ein Seminar über das Problem veranstalten werde und im übrigen Israel weiterhin zu kritisieren sei.

Die Aussage, dass es möglich sein müsse, den Staat Israel und seine Politik zu kritisieren, zog sich ohnehin durch nahezu alle Wortmeldungen an diesem Abend. Otten wie die Aachener SPD-Politikerin Claudia Walther zeigten sich nach der Versammlung gegenüber unserer Zeitung zufrieden mit dem Ablauf. Auch Scheidt nennt die Diskussion konstruktiv, auch wenn sie sich ein deutlicheres Votum gegen Herrmann und Nolz gewünscht hätte.

Scheidt hebt die Diskussion zudem auf eine andere Ebene: „In Deutschland fallen immer öfter Hemmungen, Grenzen zum Antisemitismus zu überschreiten. Mein Eindruck ist, dass sich einige mal endlich Luft machen wollen.” Das habe sich auch bei der Nakba-Ausstellung offenbart, durch die sich die jüdische Gemeinde in Aachen brüskiert gefühlt habe. Scheidt regt deshalb an, dass der AFP den Dialog mit der jüdischen Gemeinde aufnimmt.
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