Günter Seelmann: Ein Leben zwischen Diktatur und Exil

Von: Matthias Hinrichs
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Erinnerungen an dramatische Tage der Verfolgung: Als Kind lebte Professor Dr. Günter Seelmann in der Theaterstraße, sein Elternhaus, Nummer 19, wurde im Krieg zerstört. 1939 floh er mit seiner Familie nach Chile. In den Achtzigern wurde der renommierte Mediziner von Pinochets Regime ausgewiesen, lebte vier Jahre in Düsseldorf. Dann konnte er zurückkehren und kümmerte sich vor allem um traumatisierte Kinder. Foto: Andreas Steindl
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„Meine Eltern haben mit uns nie über den Holocaust gesprochen. Es gab ja viele Alt-Nazis in Chile.“ Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Noch am selben Tag, an dem der Diktator die Macht ergriffen hatte, wurde der Jude Günter Seelmann abgeholt. „Plötzlich standen ein paar Männer von der Marine vor unserer Haustür. Sie teilten mir mit, ich sei verhaftet. Sonst sagten sie nichts.“ Dr. Günter Seelmann, damals bereits ein hoch angesehener Kinderarzt und Universitätsprofessor, wurde auf einer kleinen Insel eingekerkert.

„Ohne Angabe irgendwelcher Gründe“, erzählt er ruhig, „das war die Regel bei Männern in gehobenen Posten.“ Keine Erklärungen, keine Anhörung, kein Prozess. „Ich galt als Sozialist. Das reichte schon, obwohl ich mich nie großartig politisch betätigt hatte.“

So brannte sich jener 11. September als denkbar persönlicher „Tag des Terrors“ ins Gedächtnis des heute 84-Jährigen ein – ebenso wie die seine sollte das Datum die Vita von Abertausenden prägen. Wenn sie es überlebten. Nachdem sich General Augusto Pinochet in jenen Spätsommertagen 1973 an die Macht geputscht hatte, wütete der Furor der „politischen Säuberung“ allerorten in Seelmanns zweiter Heimat Chile.

Seiner wahren Heimat, wie er sagt. Zyniker könnten es als Ironie der Geschichte bezeichnen, dass der Professor nach acht Monaten ausgerechnet durch eine Initiative seiner einstigen Landsleute „amnestiert“ wurde. „Eine Delegation aus bundesdeutschen Parlamentariern, die damals in Chile zu Gast war, konnte meine Befreiung durchsetzen“, erzählt er.

An diesem verregneten Nachmittag in der Altstadt freilich erinnert sich der freundliche, hellwache Mann mit den lustigen, beinahe schelmisch dreinblickenden Augen vor allem daran, dass ihn – und seine gesamte Familie – ein ganz ähnliches, nein, ein noch viel grausameres „Schicksal“ um ein Haar schon einmal ereilt hätte, wie man so sagt. Wäre er ihm nicht seinerseits enteilt. Jetzt, fast acht Jahrzehnte später, wird Seelmann beim Besuch seiner ersten Heimat, seiner Vaterstadt Aachen, vom Oberbürgermeister persönlich empfangen.

Bei Spaziergängen durch die Kaiserstadt taucht er, begleitet von OB-Referent Alexander Lohe, noch einmal tief ein in die Welt seiner Kindheit als Jude in Deutschland. 1956 – ausgerechnet an Karneval – und vor 30 Jahren weilte er bereits ganz kurz noch einmal in Aachen, erzählt er. „Aber jetzt, im Alter, will man mehr wissen über seine Wurzeln.“

Also findet er abermals den Ort, an dem Terror, Hass und Diskriminierung ihm als kleinem Jungen zum ersten Mal unbarmherzig entgegenschlugen. Sein Elternhaus an der Theaterstraße ist längst einem Neubau gewichen. Es wurde im großen Krieg zerstört, der von eben den faschistischen Fanatikern angezettelt worden ist, die die meisten seiner Verwandten in die Vernichtungslager geschickt haben.

„Ich erinnere mich genau an den Lärm, an die Schreie in der Kristallnacht“, sagt er. Seelmann benutzt das euphemistische Wort, das den Enkeln der „Tätergeneration“ kaum mehr über die Lippen geht, wenn sie sich ihrerseits erinnern an die Ereignisse der „Reichspogromnacht“ vom 9. auf den 10. November 1938.

„Ich weiß noch, wie ich als Siebenjähriger mit meiner Großmutter vor den rauchenden Ruinen der Synagoge gestanden habe“, berichtet er. Sein Vater, Inhaber eines Bettengeschäfts in zweiter Generation, wurde verhaftet und kurzzeitig ins KZ gesperrt. „Trotzdem wollte er zunächst von Flucht nichts wissen. Er sagte: ,Der Hitler ist ja verrückt‘. Meine Mutter war da wesentlich realistischer.“

Im Herbst 1939 schließlich setzte sie sich durch. Mit seinen Eltern und seiner Schwester floh Seelmann über die Niederlande nach Lateinamerika. In Chile studierte er, gründete eine Familie, machte Karriere als angesehener Kinderarzt, Psychotherapeut und hochrangiger Repräsentant der Ärztekammer. „Erst kurz nach dem Krieg erfuhr ich von einem Freund, dass die Juden in Europa systematisch umgebracht worden waren“, berichtet er.

„Seine Verwandten hatten sogar Fotos aus den Konzentrationslagern im Gepäck, als sie nach Chile kamen. Das war ein gewaltiger Schock. Meine Eltern hatten mit uns nie über den Holocaust gesprochen.“ Auch er selbst habe mit „den Deutschen“ in seiner Heimat kaum je Kontakt gehabt. „Ich wollte mit denen lange nichts zu tun haben. Es waren ja viele Alt-Nazis darunter, die ebenfalls geflohen waren – später.“

Noch viel später erst, sagt Seelmann, habe er das Trauma seiner Vergangenheit besiegt. In den Achtzigern ging er mit seiner Frau, den beiden Töchtern und seinem Sohn aus dem Exil in Chile zurück ins Exil nach Düsseldorf: Pinochets Junta hatte ihn ausgewiesen. Nach vier Jahren kehrte er zurück in seine eigentliche Heimat. „Man bat mich darum, obwohl die Militärs noch an der Macht waren.“

Nachdem er die zweite Diktatur überlebt hatte, kümmerte sich Professor Dr. Günter Seelmann vor allem um traumatisierte Kinder, deren Eltern vom Regime verfolgt, gefoltert oder ermordet worden waren. 2013 wurde er von der Jüdischen Gemeinde der Hauptstadt Santiago mit dem Martin-Buber-Preis geehrt.

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