Freizeittipps

Günter Krause fordert mehr Einsatz für Musiker

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
6978237.jpg
Wenn‘s sein muss, schlägt er auch schon mal härtere Töne an – nicht nur als Musiker: Günter Krause, Pionier in Sachen handgemachter Rock im Grenzland, findet wie viele seiner Kollegen, dass die Live-Kultur immer noch nicht die Anerkennung erhält, die sie verdient. Seine Liebe und sein Engagement gelten dabei durchaus auch Jazz und Klassik; unser Bild zeigt ihn mit einem seiner „Schätzchen“, einer Jazzgitarre von 1936.

Aachen. Er gehörte zu den Ersten, die völlig neue Saiten aufgezogen haben in der viel besungenen Kulturstadt Aachen. Als Gitarrist von „Rufus Zuphall“ stürmte Günter Krause 1969 mit Flötist Klaus Gülden, Drummer Udo Dahmen, Keyboarder Mikesch Grümmer und Bassist Helmut Lieblang die Bühnen.

Die Band setzte Maßstäbe für Generationen von Blues-, Folk- und Rockmusikern in der Region. Nach drei Jahren bereits trat sie ab. 1999 feierte sie ein umjubeltes Comeback mit einem grandiosen Auftritt auf Burg Wilhelmstein.

Im AZ-Interview blickt Günter Krause zurück auf die sagenumwobenen Tage der späten Hippie-Ära – und auf die brandaktuelle Debatte rund um die Zukunft der Live-Musik im Dreiländereck. „Ich verstehe einfach nicht, dass man Institutionen wie den Malteserkeller, den Musikbunker, den Jakobshof sang- und klanglos den Bach runter gehen lässt“, sagt er. Und: „Wir Musiker sollten mal auf die Straße gehen und zeigen, wie viele wir sind.“

Ehrlich gesagt hätten wir uns am liebsten zu Ihnen nach Hause eingeladen . . .

Krause: Da hätte ich erstmal ein bisschen aufräumen müssen . . .

Wir hätten gern Ihre Gitarrensammlung bewundert. Wir hörten, Sie haben einige alte Schätzchen an den Wänden hängen.

Krause: Das sind auch nicht mehr so viele wie früher. Ehrlich gesagt hab‘ ich mich von einigen auch getrennt, weil ich Geld brauchte. Als Musiker bist du halt in der Regel nicht auf Rosen gebettet. Eigentlich spiele ich sowieso meistens auf meiner alten Fender Stratocaster von 1965 – und auf der klassischen Gitarre, auf der ich auch komponiere. Mit unserem Bandprojekt „Krause‘s Anstreicherbrigade“ schlagen wir seit einiger Zeit ja auch Brücken zwischen Öcher Blues und Klassik.

Aber Sie haben ein schönes Instrument mitgebracht. Gibt es eine Geschichte dazu?

Krause: Das ist eine wunderbare Jazzgitarre, Baujahr 1936. Was hab‘ ich gebaggert, um die zu kriegen! Sie hat dem Addi Mirgeler gehört, Jazzer der ersten Stunde und Freund von Gitta Haller. Kurz bevor Addi gestorben ist, hat er sie mir verkauft. Alte Gitarren wie diese haben einen ganz eigenen Spirit. Das ist für mich faszinierend. Man bekommt sie im Grunde immer nur geliehen.

Haben Sie in den berühmten wilden Sechzigern mal eine verbrannt?

Krause: Nein! Aber ich verstehe, warum Leute wie Jimi Hendrix so etwas gemacht haben. Ich habe Hendrix Ende der Sechziger noch zwei Mal live erlebt. Da hat er nichts angezündet. Bei seinem legendären Auftritt in Monterey war es wohl eine Art Brandopfer. Es war ja diese Zeit, als alles hoch politisiert war, die Musik war ein Weg, mit den Konventionen zu brechen. Damals war auch in Aachen die Hölle los – alle Kunst war Happening, wie bei der „Fluxus“-Bewegung, die schon ein paar Jahre vor ‘68 ganz groß war in Aachen.

Wie und wann haben Sie gespürt, dass die Rockmusik Ihr „Ding“ war?

Krause: Ich bin mit Musik aufgewachsen. Ich war sechs Jahre im Domchor, das hat mir viel für mein späteres Leben gebracht. Als Junge war ich Pfadfinder, wir haben viel musiziert. Im Grunde war das damals in den frühen Sechzigern eine schreckliche Zeit, bieder und bürgerlich halt. Im Radio gab‘s fast nur Klassik und Schlager. Wir waren froh, dass es noch die Soldatensender AFN und BFBS gab, wo auch Jazz und sowas zu hören war. Irgendwann hat meine ältere Schwester mich in den Malteserkeller geschleift, da hab‘ ich die ersten Jazz-Bands live erlebt. Der „Keller“ war ja schon damals eine Institution, die Stars aus ganz Deutschland und darüber hinaus angezogen hat. Das hat mich begeistert. Ich fing also mit zwölf an als Jazz-Musiker, wir trugen die Nasen ziemlich hoch nach dem Motto: Die Rock‘n‘Roller können ja alle nicht richtig spielen. Dann brachte meine Schwester eine Beatles-Platte aus England mit – das war der Knaller. Und als Hendrix im „Beatclub“ zu sehen war, war die Dixie-Geschichte mit einem Schlag vergessen.

Wie kommt es, dass auch junge Musiker sich immer noch an Leuten wie Hendrix und den Beatles orientieren? Beide sind seit über 40 Jahren Geschichte. Hendrix ist 1970 gestorben.

Krause: Ja, aber er hat die Leute zusammengeführt wie kein anderer. Ich glaube, Leute wie Hendrix haben entscheidend mit dafür gesorgt, dass der „Nazi-Knick“ in den Köpfen aufgearbeitet werden konnte. Bis in die Sechziger war selbst die Musik in Deutschland immer noch so militaristisch-teutonisch, zackzack, das saß den Leuten noch in den Knochen. Hendrix spielte den Blues wie die Alten, wie B.B. King oder Willie Dixon, er hatte das mit der Muttermilch aufgesogen. Aber er hat diese Musik neu erfunden. Und er war schlau. Er wusste, was er tat.

Vom Fan zum Berufsmusiker ist es ein langer Weg. Wie fing‘s an?

Krause: Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger gab es eine unheimlich lebendige Szene. Damals war ich in Klubs wie dem Carlton an der Elisabethstraße unterwegs. Mit Dieter Kaspari, Charly Büchel und Udo Dahmen haben wir „Truss“ gegründet. Ich habe fleißig geübt und mir etliches von Schallplatte abgehört. Wenn du das Stück endlich konntest, war die Scheibe meist kaputt. Mit Klaus Gülden, Mikesch Grümmer und Helmut Lieblang haben wir dann „Rufus Zuphall“ gegründet. Die Band ging ab wie eine Rakete.

Eine Zeitlang haben Sie regelmäßig das Audimax gefüllt . . .

Krause: Ja, da gab es oft Konzerte mit angesagten Bands, die unser Manager Lutz Goebbels veranstaltete, und die Bude war ständig voll. 1970 haben wir auf dem Jazz-Festival in Bilzen gespielt, erstmals vor tausenden Leuten. Wir konnten sogar auf die Hauptbühne. Dahinter standen die Typen von „Black Sabbath“ und haben uns angefeuert. Die Leute waren begeistert. Plötzlich hatten wir einen echten Namen und wurden herumgereicht im Rundfunk. Unsere erste Platte „Weiß der Teufel“ haben wir an einem Wochenende eingespielt. Die ist heute übrigens als Sammlerstück heiß begehrt und wird für um die 1000 Euro gehandelt (grinst).

Der Grundstein für die Profi-Karriere?

Krause: Kann man sagen. Ich bin kurz vor dem Abi vom KKG abgegangen, um Musik zu studieren, übrigens gemeinsam mit unserem damaligen Schlagzeuger Udo Dahmen, der ja inzwischen Chef der Popakademie Baden-Württemberg und Vizevorsitzender des Deutschen Musikrats ist. Ich bin bis heute fasziniert von klassischer Saitenkunst, und das ist mein wichtigstes finanzielles Standbein als Gitarrenlehrer.

Haben Sie noch Kontakt zu Udo Dahmen?

Krause: Klar. Wir schreiben uns oft oder telefonieren.

Was sagt ein Mann wie er zur brandaktuellen Debatte über das sogenannte Clubsterben oder über die Situation des Musikbunkers, der ja zum Verkauf steht und seit ein paar Tagen keine großen Veranstaltungen mehr anbieten darf?

Krause: Vor Kurzem habe ich ihn deswegen angeschrieben. Seine Antwort hab‘ ich sogar dabei. Er schreibt: „Ein Erhalt der Bunker oder das Schaffen vergleichbaren Angebots sollte eine Selbstverständlichkeit sein in einer Stadt wie Aachen. Die zeitgenössische Musik inklusive Pop, Rock und Jazz muss einen Platz im Kulturleben jeder Großstadt haben.“ Gerade in Aachen muss das so sein, finde ich. Diese Stadt war immer ein Anziehungspunkt für Künstler, schon Mozart hat hier logiert und gespielt, wegen der heißen Quellen.

Haben Sie erst aus der Zeitung von den Verkaufsplänen erfahren?

Krause: Ja, ich selbst habe nur gelegentlich einen Raum im Bunker an der Junkerstraße genutzt. Aber es ist ein Drama, was da jetzt passiert. Ich erinnere mich gut, wie das damals mit dem Bunker an der Saarstraße gelaufen ist. Ein paar Freunde von mir hatten dort viel Geld investiert in Proberäume und auch ein Studio. Dann wurde der Bunker privatisiert, sie mussten alles wieder raußreißen. Und heute? Jetzt sind wieder Künstler und Musiker aktiv! Ich persönlich bin allerdings gar kein Freund dieser Betonmonstern. Angenehm ist es nicht, dort zu proben. Ein „klassischer“ Musiker würde das nicht machen. Im Grunde sollte die Stadt eine vernünftige Alternative schaffen – das wäre allerdings ziemlich teuer.

Sie haben vorgeschlagen, ein Happening auf dem Lousberg zu machen, mit richtig viel Phonstärke und Verbrennen von Gitarren. Wie ernst war das gemeint?

Krause: Das war so eine spontane Idee – das mit den zerstörten Gitarren war natürlich eher ein Gag. So eine Geschichte wäre heute mit einem riesigen technischen Aufwand verbunden. In den Sechzigern sind die Musiker allerdings oft vom Malteserkeller aus durch die City gezogen und haben dabei gemeinsam gespielt, einfach so. Vielleicht könnte man sowas heute ja mal wiederholen, auch um zu zeigen, wie viele wir sind . . .

Was haben Sie empfunden, als der Malteserkeller dicht machen musste?

Krause: Ich habe mich geschämt. Geschämt für die Stadt, die das zugelassen hat. Ich habe einige Jahre auch in Hannover studiert. Da war der Bürgermeister Präsident des Jazzclubs. Da wäre sowas jedenfalls nicht möglich gewesen. Ich verstehe einfach nicht, dass man Institutionen wie den Malteserkeller, den Musikbunker, den Jakobshof hier so sang- und klanglos den Bach runter gehen lässt. Eine Stadt wie Aachen mit ihrer Exzellenz-Uni hat die verdammte Pflicht, da mehr zu leisten. Nichts gegen die klassischen Institutionen. Aber die Leute, die Aachen anziehen will, wollen nicht nur ins Stadttheater.

Wie verdienen Sie als freier Künstler Ihre Brötchen?

Krause: Vor allem, indem ich Unterricht gebe. Aber auch das wird zunehmend zum harten Brot. Nach „Pisa“, G 8 und Co. werden die Jugendlichen heute ja bis aufs Letzte gefordert. Da bleibt ihnen einfach keine Zeit, sich anderen Interessen zu widmen. Ich halte das für ein völliges Unding. Die Schüler sind doch völlig überfordert, da geht eine ganze Generation den Bach runter, fürchte ich. Ich wundere mich jedenfalls nicht, woher zum Beispiel das Komasaufen kommt. Das zeigt für mich auch, was für eine wichtige Funktion Einrichtungen wie der Musikbunker haben, die dem enormen Leistungsdruck etwas entgegensetzen. Ganz allgemein lässt sich allerdings feststellen, dass auch die Auftrittsgagen in Klubs und Kneipen immer weiter nach unten gedrückt werden. Manche lassen einfach nur noch einen Hut herumgehen. Das reicht bis zu „Angeboten“ wie „pay to play“: dass Musiker auch noch für ihre Auftritte bezahlen müssen. Das ist abartig.

Welchen Ratschlag würden Sie einem jungen Talent geben, das eine Karriere als Profimusiker anstrebt?

Krause: Ich würde versuchen, ihm das auszureden. Das komplette Programm von „Rufus Zuphall“ steht im Internet. Dafür kriegen wir keine müde Mark. Ich würde sagen: Lerne einen Beruf, den man nicht „digitalisieren“ kann. Werde Klempner (grinst).

Und wenn das nicht klappt?

Krause: Dann würde ich ihm sagen: Du musst absolut lieben, was du tust. Hornhaut an den Fingerkuppen vom Gitarrespielen reicht nicht. Du brauchst auch welche am Hintern. Du musst dich hinsetzen und üben, üben, üben. Ohne das geht gar nichts.

Sie kümmern sich aber nicht nur um den musikalischen Nachwuchs, Bühnenauftritte und dergleichen. Sie haben auch eine ganz andere Fangemeinde um sich geschart, haben Sie uns im Vorfeld erzählt. Klang spannend . . .

Krause: Ja, ich knüpfe quasi an alte Pfadfinderzeiten an. Ich spiele und singe in Zusammenarbeit mit dem mobilen Pflegedienst „Visitatis“ mit Alzheimer- und Demenzkranken. Das macht mir großen Spaß, und den Senioren sowieso. Es hat außerdem großen therapeutischen Wert. Sie sind dann plötzlich hellwach und erinnern sich genau an jede Liedzeile. Noch ein paar Jahre, und ich kann das Angebot bestimmt um den einen oder anderen Beatles-Song erweitern . . .

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert