„Grüne Welle“: Es muss einfach schief laufen

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
6250552.jpg
Vorfahrt für Berufspendler: Auf der Trierer Straße reagiert die Ampeltaktung flexibel. Foto: Michael Jaspers
6250470.jpg
Die „Grüne Welle“ ist eigentlich ein diagonaler Korridor: Katrin Ulbort dirigiert (fast) jede Ampelschaltung der Stadt per Maus. Foto: Robert Esser

Aachen. Mit einem einzigen Mausklick die komplette Trierer Straße lahmlegen? Kein Problem für Katrin Ulbort. Macht sie aber nicht. Viele Autofahrer sehen sowieso schon Rot. Die Ingenieurin ist Teil der fünfköpfigen Gruppe, die sich in einigen unscheinbaren Büros in der vierten Etage des Verwaltungsgebäudes am Marschiertor um die 228 Lichtsignalanlagen auf Aachener Straßen kümmert – übrigens 23 mehr als noch vor fünf Jahren.

181 dieser Ampelanlagen werden hier am zentralen Verkehrssteuerungsterminal bedient und überwacht. Ulbort ist quasi die Herrin über die „Grüne Welle“.

Nach dem Verbleib dieser ominösen Welle haben viele Leserinnen und Leser im Rahmen der AZ-Aktion „Wo drückt der Schuh?“ gefragt. Bemängelt wurden zudem überflüssige Radfahrerampeln, zu lange Rotphasen, zu kurze Grünphasen – und Ampelanlagen, die abends und nachts fröhlich leuchten, obwohl dann kaum Verkehr zu regeln ist.

Der Faktencheck: Beim Ortstermin in der Schaltzentrale beweist Ulbort am Beispiel Trierer Straße, dass die „Grüne Welle“ in Aachen wirklich existiert – auch wenn sie auf ihrem Computerbildschirm eher einem Strickmuster ähnelt. Tatsächlich handelt es sich um ein Zeit-Weg-Diagramm der Trierer Straße von der Adenauerallee bis zur Josefskirche mit 16 Ampelanlagen. Und so läuft‘s „schief“: Ein grüner Korridor erstreckt sich auf dem Diagramm von unten links bis oben rechts.

„Wer in diesem Korridor 50 Stundenkilometer fährt, hat 16 mal Grün“, erklärt Ulbort. Grundsätzliches Problem: Eine „Grüne Welle“ kann in beiden Fahrtrichtungen gleichzeitig nur dann funktionieren, wenn die Abstände zwischen den Ampelknoten gleich sind. „Das ist in einer historisch gewachsenen Stadt wie Aachen nur zufällig der Fall“, stellt Ulbort fest. Daher muss man sich zwangsläufig für eine Fahrtrichtung entscheiden, in der anderen gibt es dann Unterbrechungen. „Von 5 bis 11.30 Uhr unterstützen wir den Berufsverkehr stadteinwärts, danach umgekehrt“, erklärt sie. Wer gegen die „Verkehrshauptlast“ unterwegs ist, hat häufiger Rot.

Im weiteren Verlauf – auf dem Adalbertsteinweg bis zum Kaiserplatz – funktioniert das System trotzdem schlecht. „Wir wissen das, finden aber keine Lösung“, räumt Ulbort ein. Verantwortlich dafür sind die starken Fußgängerströme, die Tag für Tag quer über die vierspurige Straße und die Busspur in Mittellage geschleust werden. „Das hält den motorisierten Verkehr naturgemäß auf“, sagt die Expertin.

Anderswo sind längere Wartezeiten sozusagen „hausgemacht“. Etwa wegen des „Rundum-Grüns“ auf vielen Kreuzungen. Dabei erhalten an einer Standard-Kreuzung mit vier Überwegen alle Fußgänger gleichzeitig Grün, während der Autoverkehr (und natürlich auch alle Fahrradfahrer) bei Rot warten müssen. Simple Erklärung: Früher gab‘s zwei Ampelphasen; der bei Grün abbiegende Verkehr musste auf querende Fußgänger achten.

Weil diese nun eine eigene – die dritte – Ampelphase erhalten haben, müssen im Endeffekt alle deutlich länger warten. Bis zu anderthalb Minuten steht ein Passant deswegen an der Ecke Karlsgraben/Lochnerstraße. In der Praxis halten sich weder Radfahrer noch Fußgänger daran, viele ignorieren ungeduldig das Rot – bis abends 23 Uhr. Denn erst dann wird das Signalnadelöhr zur Nachtschicht abgeschaltet, obwohl längst kaum noch Verkehr unterwegs ist. 13 dieser Rundumanlagen laufen mittlerweile in Aachen, die meisten in Uninähe.

Ulbort steckt in einem Dilemma: „Natürlich wollen wir den Verkehrsfluss optimieren; aber Fußgänger und vor allem Eltern profitieren in Aachen von einer starken Lobby“, erklärt sie. „Viele verlangen immer mehr Sicherheit, darauf hat die Politik reagiert. Deswegen genießen Fußgänger heute mehr Grün, als das in früheren Zeiten der Fall war.“

Das untermauern auch die Anrufe an der städtischen Ampel-Hotline 432-1000: „Autofahrer beschweren sich bei uns so gut wie nie. Die mit Abstand meisten Anrufe gehen von Fußgängern und Radfahrern ein“, sagt Ulbort.

Apropos Radfahren: In jüngster Zeit investierte die Stadt nicht nur in neue Radwege und Schutzstreifen, sondern auch in eigens für Radler geschaltete Ampeln. Diesen will man – so die Theorie – durch leicht bevorzugte Grünschaltungen neben von Haltestellen startenden Bussen einen Sicherheitsvorsprung gewähren.

Auch hier zeigt die Praxis, etwa bergauf an der Ecke Theaterstraße/Borngasse, dass viele Drahteselpiloten der Zusatzampel wenig Beachtung schenken. Die komplexe Verkehrsführung auf der Normaluhr hat das Ampel-Team unterdessen erst vor wenigen Wochen optimiert. „Das läuft jetzt viel reibungsloser“, betont Katrin Ulbort.

Völlig machtlos ist die städtische Ampel-Truppe angesichts der täglichen Mammut-Staus auf der Monschauer Straße (Höhe Pascalstraße) und an der Autobahnzufahrt Kohlscheider Straße. „Beides ist Sache des Landesbetriebs; über den Umfang des Umbaus der Monschauer Straße haben wir jedoch unterschiedliche Auffassungen“, erklärt Ulbort. Mit ein paar Mausklicks ist dieses Problem nicht zu lösen. Irgendwie ist man sich wohl nicht grün, scheint es...

Leserkommentare

Leserkommentare (7)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert