Grüne sorgen sich: Droht eine reine Flüchtlingsschule?

Von: Stefan Herrmann
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Soll künftig Heimat für bis zu zwölf internationale Förderklassen sein: das Schulgebäude Kronenberg. Oppositionspolitiker kritisieren die Konzentration junger Flüchtlinge. Foto: Harald Krömer

Aachen. „An(ge)kommen in deiner Stadt...“ – und untergebracht in einer reinen Flüchtlingsschule? Das befürchten die Grünen nach der Vorstellung städtischer Pläne, den Standort Kronenberg zu einem schulischen Lernort für junge Flüchtlinge auszubauen. Die Zahlen der Menschen vor allem aus afrikanischen Staaten, die in Aachen ankommen, reißen seit Monaten nicht ab.

Experten sind sich einig, dass diese Entwicklung auch in absehbarer Zukunft anhält, sich eher sogar noch verstärkt. Um der Situation einigermaßen Herr zu werden, wurden in jüngster Vergangenheit weitere so genannte internationale Förderklassen (IFK) an Schulen eingerichtet, um die jungen Flüchtlinge in Aachen zu beschulen.

An GHS Aretzstraße angebunden

Nun soll der Standort der im kommenden Schuljahr auslaufenden Hauptschule am Kronenberg als schulischer Lernort für junge Flüchtlinge genutzt werden. Das hat der Schulausschuss in seiner jüngsten Sitzung entschieden. Bei Politikern der Grünen und der Linken bleiben trotz des einstimmigen Votums jedoch Bauchschmerzen. Vor allem die Grünen üben Kritik an den Plänen und pochen darauf, dies maximal als mittelfristige Lösung zu verfolgen. „Es war immer Konsens in der Stadt, Flüchtlinge dezentral unterzubringen, auch im schulischen Bereich. Es kann daher nicht sein, dass wir in der Stadt eine Flüchtlingsschule bekommen. Wir vernachlässigen dadurch die Integration der Flüchtlinge“, klagte Uli Balthasar, sachkundiger Bürger der Grünen, im Ausschuss.

Unter dem Projektnamen „An(ge)kommen in deiner Stadt...“ sollen am Kronenberg laut Schuldezernentin Susanne Schwier voraussichtlich ab Februar 2016 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge beschult und auch darüber hinaus mit berufsorientierenden Maßnahmen begleitet werden. Während die dort noch beheimatete Regelschule im kommenden Jahr mit den letzten drei Klassen ausläuft, sollen dann bis zu sechs weitere internationale Förderklassen entstehen. Sechs sind dort bereits jetzt eingerichtet. Die bis zu zwölf Klassen sollen dann künftig als Dependance an die Gemeinschaftshauptschule (GHS) Aretzstraße angegliedert werden und so über den Schulverband Aachen-Ost, zu dem neben der GHS noch das Geschwister-Scholl-Gymnasium und die Hugo-Junkers-Realschule gehören, auch mit Lehrkräften ausgestattet werden.

Dass weitere Kapazitäten notwendig sind, um junge Flüchtlinge in Schulklassen unterzubringen, belegen aktuelle Zahlen. Zwar konnte die Zahl derer, die auf einen Schulplatz warten, von rund 90 vor wenigen Monaten auf derzeit 34 gesenkt werden, trotzdem hat für Schwier die Schaffung weiterer Klassen oberste Priorität, wie sie im Ausschuss betonte. Am Kronenberg sei die entsprechende Kompetenz bereits vorhanden, sagte sie, unterstrich aber zugleich: „Es bleibt Maßstab für unsere Stadt, junge Flüchtlinge dezentral zu beschulen.“ Dies zeige unter anderem die Einrichtung weiterer IFK in den vergangenen Monaten an Berufskollegs. Derzeit gibt es insgesamt 30 Förderklassen in Aachen, in denen 388 Seiteneinsteiger (davon 204 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge) unterrichtet werden. Allerdings: Den Großteil der Klassen, nämlich 18, stemmen Haupt- und Realschulen. Sechs davon sind allein an der GHS Aretzstraße, sechs weitere schon jetzt am Kronenberg beheimatet. Ein Zustand, den Georg Biesing, Schulexperte der Linken, kritisiert: „Die Konzentration halte ich für problematisch.“ Biesing forderte im Ausschuss, auch Gymnasien stärker in die Pflicht zu nehmen. Bisher gibt es an fünf von acht städtischen sowie an allen drei kirchlichen Gymnasien keine IFK.

Schwier verteidigte die nun angestrebte Lösung am Kronenberg gegenüber der Kritik als ein „flexibles, atmendes System“. Das bedeutet konkret: Man möchte eine Durchlässigkeit erreichen, so dass junge Flüchtlinge gegebenenfalls auch schon nach wenigen Wochen aus den Förderklassen auf eine Realschule oder ein Gymnasium wechseln können. Unterstützung für die Pläne der Stadt gibt es von Seiten der schwarz-roten Koalition. SPD-Sprecher Bernd Krott lobte das „An(ge)kommen in deiner Stadt“-Konzept, vor allem die enge Verzahnung von Schule und Jugendhilfe, die darin vorgesehen ist. CDU-Schulexperte Holger Brantin betonte, dass aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen in Aachen möglichst schnell gehandelt werden müsse. „Stigmatisierung findet dann statt, wenn wir nicht beschulen“, entgegnete er den Vorwürfen von Oppositionsseite. Grüne und Linke bleiben derweil bei ihrer Skepsis gegenüber der Bündelung von Förderklassen am Kronenberg. „Hier wurde eine große Chance auf eine bessere Integration der Schülerinnen und Schüler vertan“, beurteilte Dr. Lisa Lassay, sozialpolitische Sprecherin der Grünen, am Mittwoch den Beschluss im Schulausschuss.

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