Großer Ansturm auf offene Kirchen

Von: Lars Odenkirchen
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Die Nacht der offenen Kirchen freute sich über großen Andrang. Foto: Herrmann

Aachen. Es war ein ungewöhnliches Bild, das Freitagnacht in der Pontstraße zu beobachten war. Für Aufsehen sorgten aber nicht die vielen Menschen, die wie üblich zwischen Imbissen, Kneipen und Clubs umherzogen.

Ungewöhnlich war vielmehr eine Szene, die sich kurz nach zehn an der Heilig-Kreuz Kirche abspielte: Menschenmassen strömten aus der Kirche hinaus in die Aachener Nacht, und dem Beobachter war schnell klar, dass in diesem Stunden etwas Besonderes in der Kaiserstadt vor sich gehen musste.

Bereits zum neunten Mal fand die Nacht der offenen Kirchen statt, und die Aachener nahmen das Angebot bereitwillig an. Die meisten der rund 40 teilnehmenden Gotteshäuser und christlichen Einrichtungen erlebten in der Nacht einen Besucherandrang, wie er sonst höchstens an Heiligabend oder in der Osternacht zu bewundern ist.

Um dies zu erreichen hatten sich die Helfer und Organisatoren aus den Gemeinden allerdings auch ordentlich ins Zeug gelegt: Nicht die regelmäßigen Kirchengänger wollte man in erster Linie ansprechen, sondern stattdessen den Glauben mal von einer anderen, vielleicht lebendigeren Seite zeigen. Filmvorführungen in der Burtscheider Immanuelkirche, Schülerbands in der Friedenskirche an der Carolus Therme, Choralgesang in der Abtei in Kornelimünster oder eine Lesenacht für Kinder in der Martin-Luther-Kirche in Brand: Eigentlich gab es nichts, was es nicht gab.

Schon früh begann der Abend mancherorts. Etwa beim offenen Singen in Heilig Geist am Hangeweiher, dass viele Besucher in die Kirche lockte. „Die Stimmung war toll, und es waren so viele Menschen da, dass wir gar nicht mehr genügend Liedzettel hatten”, freute sich Gemeindereferentin Veronika Nagel. Ähnlich glücklich war Pfarrgemeinderat Tim Raue von Sankt Elisabeth: „Beim Musical war es einfach brechend voll - vor allem, waren auch viele Kinder dabei.” Für die gab es in diesem Jahr ein Extra-Programm, mit Musicals, Gesangseinlagen oder auch Bastel- und Theatereinlagen, wie etwa im Martin-Luther-Haus.

„Wir haben Mikroskope gebaut”, berichtet dort der achtjährige Jonas stolz. Eigentlich sind es zwar Kaleidoskope, die die Kinder neben Taschen, Kerzen und anderen Schmuckstücken dort gebastelt hatten, doch bei einem waren sich Jonas und die neunjährige Lineke sicher: „Das macht wirklich Spaß hier.”

Natürlich gab es auch für die Erwachsenen so manche Perle im Programm zu entdecken. Etwa in Sankt Elisabeth, wo sich hinter dem Programmpunkt „Gruselgeschichten im Turm” erstaunliches verbarg. Unerreichbar war wohl die Atmosphäre, die hoch oben im Turmzimmer herrschte, wo einzig der Schein der Kerzen und die kleine Nachttischlampe der Vorleserin die Dunkelheit erhellten. Auch das knarzende Geräusch der Holztreppe, auf der nach und nach immer mehr Interessierte hinauf in den Turm stiegen, passte in das Bild - gespenstischer kann ein solche Lesung wohl kaum werden.

Während sich die einen gruselten, gab es in der Innenstadt einiges zu lachen. Okko Herlyn, Pfarrer und Kabarettist aus Duisburg, trat gleich zweimal in der Annakirche auf und sorgte dafür, dass die Menschen gar bis zum Eingangsportal standen und seinem Programm lauschten. Besinnlicher ging es dann anderenorts weiter, etwa in Sankt Foillan, wo der „Engel des Heils”, eine Lichtinstallation des Künstlers Stefan W. Knor, zum Verweilen einlud. Zum Klang meditativer Musik bestaunten viele das Kunstwerk, und schon bald brannten einige hundert Kerzen, die Besucher an den Fuß der Skulptur gestellt hatten.

Auf der Reise durch die Nacht durfte natürlich auch Aachens größtes Gotteshaus nicht fehlen, und so statteten unzählige Menschen dem Dom einen Besuch ab, um bei ökumenischen Nachtgebet zur Ruhe zu kommen, bei einem Bildvortrag der Geschichte des Barbarossaleuchters zu folgen oder aber einfach das beeindruckende Interieur des Münsters im Schein der Nacht einmal ganz anders zu erleben.

Es war am Ende nicht nur den vielen Gelegenheiten zur Meditation und Ruhe zu verdanken, dass in der Stadt irgendwie eine ganz besondere Atmosphäre herrschte, als tausende Interessierte ruhig und entspannt von einer Kirche zur anderen wanderten. Das größte Problem war dabei wohl noch die Vielfalt des Angebots: Eigentlich wollte man davon so viel wie möglich mitnehmen, doch umgekehrt war es eine Nacht, in der Hektik, Stress und Eile keine Rolle spielen sollten. Ganz entspannt ließen mehrere hundert Besucher dann nach Mitternacht zur Musik der Church-Late-Night Band den Abend in der Citykirche St. Nikolaus ausklingen, wo auch Pastoralreferent Dieter Spoo glücklich sein Fazit zog: „Zu Spitzenzeiten waren an die 1400 Leute hier. Wir sind einfach nur begeistert.”

Nicht ganz unberechtigt war diese Begeisterung auch aus einem weiteren Grund: Beim gemütlichen Beisammensein mit Brot und Wein, dass den Schlusspunkt der Nacht setzte, war die Citykirche etwas, was Kirchen vielleicht viel öfter sein wollen: Ein echter Ort der Begegnung.
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