Großaufgebot vor Conti-Werkstor wartet vergebens

Von: Berthold Strauch
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„Werks-Polizei”: Die Beamten konnten wieder abrücken. Die Demo fiel aus. Foto: Jaspers

Aachen. Klaus Kapellner hat die Ruhe weg. Unaufgeregt steht der Erste Polizeihauptkommissar an einem Einsatzfahrzeug nahe dem Continental-Haupteingang an der Philipsstraße. Der Beamte befehligt eine Einsatzhundertschaft der Bonner Polizei.

Die wurde am Mittwoch von ihren Aachener Kollegen zur Verstärkung gerufen. Denn am Horizont zeichnete sich eine brisante Lage ab, die höchste Wachsamkeit verlangte. Kapellner und viele andere Polizisten hielten vergebens Ausschau. Denn das angepeilte „Objekt der Begierde” - als gewaltbereit bekannte Conti-Mitarbeiter des von der Schließung bedrohten Reifenwerks im französischen Clairoix - ließ sich nicht blicken.

Die Polizei war auf alles vorbereitet. Im weiten Umkreis der Fabrik hatten am Mittwoch gegen 10.30 Uhr jede Menge Mannschafts- und Streifenwagen der Polizei Position bezogen. Die Einfallstraßen nach Aachen und wichtige Kreuzungen waren fest im Visier der Ordnungshüter. Der große Parkplatz unmittelbar vor der Conti-Pforte war komplett frei, die Zufahrt mit stählernen Hindernissen - leere Verladegitterboxen für Reifen - versperrt.

Position bezogen hatte auch die Conti-Betriebsfeuerwehr - man weiß ja nie: Schließlich hatten französische Conti-Arbeiter bereits manchen Reifenstapel in Brand gesetzt - weithin sichtbare Zeichen ihres bitteren Protests.

Doch nichts passierte - glücklicherweise: Gegen 14.30 Uhr bestätigte Michael Houba, Sprecher des Aachener Polizeipräsidenten, dass der Einsatz beendet sei und die Polizeibeamten wieder abgezogen würden. Über die genaue Zahl der Einsatzkräfte und Fahrzeuge hüllte er sich in Schweigen.

War wirklich niemand aus Clairoix vor Ort, nicht mal ein „Kundschafter”, der die Lage peilen wollte? Klaus Kapellner wusste davon, dass zumindest ein Auto mit französischem Nummernschild gesichtet worden sei - mit der verräterischen „60” am Ende, dem Hinweis auf das Departement Oise, in dem Clairoix liegt...

Katz-und-Maus-Spiel? Trickreiches Täuschungsmanöver? Wer weiß. Auch Bruno Hickert, Chef des Betriebsrats des Aachener Werks und des Conti-Gesamtbetriebsrats, zuckte nur ratlos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, ich habe heute mit niemandem der Franzosen gesprochen”, sagte er am Abend auf Anfrage. Die AZ erreichte den Mitarbeitervertreter am Handy in der Nähe des lothringischen Sarreguemines (Saargemünd), nicht weit von Saarbrücken entfernt, bei einer Routinesitzung der europäischen Conti-Betriebsräte.

In der Kleinstadt waren knapp 400 der in Aachen „vermissten” Clairoix-Kollegen plötzlich aufgetaucht: Sie verschafften sich gewaltsam Zutritt zur dortigen Conti-Reifenfabrik, indem sie die Schlösser des Eingangstors knackten und das Werksgelände stürmten. Mit aller Macht wollen sie für den Erhalt ihres Werks bei Paris kämpfen. Sie richteten sich für längere Zeit ein, brachten Verpflegung und Zelte mit - und zündeten wieder Reifen an.
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