Aachen - „Gripsgymnastik“ für Senioren

„Gripsgymnastik“ für Senioren

Von: Franz-Josef Antwerpes
Letzte Aktualisierung:
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Der Spaß kommt nie zu kurz: Therapeutin Dr. Brigitte Beier hilft den Seniorinnen und Senioren in Haus Margarete gern dabei, sich auch geistig ein wenig fit zu halten. Foto: Heike Lachmann
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Interview "Antwerpes trifft" "Gripsgymnnastik" im Seniorenhaus Margarethe

Aachen. Mit 60 fühlte sie sich viel zu jung, um in den Ruhestand zu gehen – und sie setzt sich dafür ein, dass auch andere (und weit ältere) Menschen in jeder Hinsicht beweglich bleiben. Brigitte Beier „unterrichtet“ unter anderem Gripsgymnastik in Seniorenheimen.

Sie hat sowohl auf Lehramt studiert, als auch ein medizinisches Studium absolviert, eine Facharztprüfung in Psychiatrie und eine Zusatzausbildung als Psychotherapeutin abgelegt, jahrelang betrieb sie eine eigene Praxis und ist seit Juli 2010 Rentnerin.

Jetzt treibt sie mit den Senioren Gripsgymnastik und berät Senioreneinrichtungen. Sie will älteren Mitbürgern im Rahmen eines Projekts der Bürgerstiftung Lebensraum spielerisch beibringen, ihre geistigen Fähigkeiten zu stabilisieren.Ich will wissen, wie es dabei zugeht, und bin in das Seniorenheim Haus Margarete in Aachen-Forst gefahren. Acht Personen sind zur Gripsgymnastik gekommen.

Ich frage nach der und dem Ältesten. Eine der Damen sagt, sie sei 99, die anderen Damen sind alle über 80. Nur ein Mann ist dabei. Eine 91-Jährige sagt: „Sie haben Pech, dass sie heute nur bei älteren Damen sind“. Ich erwidere, dass mir das nichts ausmachte, denn ich sei selber nicht mehr der Jüngste. Die Runde ist sehr aufgeschlossen. Ich frage, wo denn die Jüngeren blieben, denn die seien doch auch hier im Heim. Die seien zu faul und würden wahrscheinlich nur Fernsehen gucken, meinen einige.

Ich frage Frau Beier, was die Papiere bedeuten, die auf dem Tisch liegen. Es seien Konzentrationsaufgaben, Denksportaufgaben. Die Teilnehmer würden sich besonders für Zahlen interessieren. Es gehe im Augenblick um Flächen- und Rauminhalte. Aber es wird auch Sudoku geübt und Städteraten, also alles, was das Gedächtnis stärkt.

Das lässt mich sofort nach der Hauptstadt von Island fragen. „Das ist Reykjavik“, antwortet eine 91-Jährige. Ich stelle eine schwierigere Frage: die Hauptstadt von Kasachstan? Ich beruhige die Teilnehmer, das wüsste sowieso fast keiner, denn die habe man verlegt, und sie hieße jetzt Astana. „Interessant“ meint eine andere Dame, die auch schon über 90 ist, „mir hat man die Verlegung nicht mitgeteilt.“ Das Ratespiel endete bei der Hauptstadt von Liechtenstein. Eine der Damen sagt korrekt: „Vaduz“. Möchte mal wissen, wer von den 20-Jährigen, die gerade die Schulbildung abgeschlossen haben, da Kenntnis gehabt hätte.

Um auch meinen Beitrag zur Gedächtnisstützung zu leisten, habe ich verschiedene kurze Witze erzählt. Zum Beispiel diesen: Gottvater, Jesus und der Heilige Geist wollen verreisen. Gottvater würde gerne nach Amerika fahren, Jesus nach Palästina. Der Heilige Geist will aber weder da noch dort hin. Schließlich macht Gottvater den Vorschlag, nach Rom zu fahren. Sagt der Heilige Geist: Gute Idee, da war ich noch nie . . .

Es wird viel gelacht. Eine der Damen meint, Frauen würden erst denken und dann handeln, bei Männern sei es umgekehrt. Ich werfe Frau Beier einen bösen Blick zu und frage sie, was sie den Damen alles beibringen würde. Der einzige Mann in der Runde nickt beifällig. Wir kommen wieder auf die Konzentration zurück. Frau Beier sagt, die Teilnehmer könnten die Primzahlen gut und auch die Quadratzahlen. Das hätten sie in der Schule gelernt, und es würde jetzt aufgefrischt. Also will ich wissen: 16 mal 16? Prompt kommt die Antwort: 256. Auch 361 ist bekannt: 19 mal 19.

Auf dem Tisch liegen Übungsblätter. Die nehmen die Teilnehmer mit auf ihr Zimmer und versuchen die Aufgaben bis zur nächsten Woche zu lösen. Kurz vor Schluss kommt noch eine Dame hinzu. Sie stellt sich kurz vor und sagt, sie sei 81. Eine der Jüngsten. Eine ältere scherzt, sie sei so spät gekommen, weil die Entschuldigung noch von Vater und Mutter unterschrieben werden musste. Die Stimmung ist prächtig.

Brigitte Beier gibt den Kurs ein Mal pro Woche, und die Teilnehmer wechseln schon mal. Die meisten sind aber immer dabei und freuen sich auf den nächsten Termin. Ich verabschiede mich von der Runde und spreche noch einmal mit Frau Beier. Sie macht drei Mal die Woche ihre Gripsgymnastik, auch in anderen Einrichtungen. Sie meint aber, dass gemessen an der großen Zahl der Heimbewohner nur wenige die Kurse in Anspruch nehmen. Für viele seien sie zu anstrengend. Man müsse aber Verständnis haben, denn viele Senioren seien gar nicht mehr in der Lage, einem solchen Kurs zu folgen.

Die Jüngeren kämen selten. Die Expertin kann dies nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen. Sie vermutet, dass vergleichsweise jüngere Menschen in der Regel erst dann in ein Heim gehen, wenn zum Beispiel ihre kognitive Leistungsfähigkeit schon stärker eingeschränkt ist. Sie empfänden dann einen solchen Kurs als zu anstrengend. Die Gripsgymnastik soll vorwiegend Spaß machen, die bestehenden Fähigkeiten stärken und die Teilnehmer nicht mit ihren Einschränkungen konfrontieren. Auf die Frage, wie die Heime zu diesen Kursen stünden, meint Frau Beier, dass es hier keinerlei Probleme gäbe. Ob nicht manchmal Frust einkehrte, wenn man die doch kleine Zahl der Teilnehmer überblicke? Frust kennt sie nicht, schließlich sei man erst am Anfang des Projekts, und ihr selbst und den Teilnehmern mache es viel Spaß.

Als ich gehe, habe ich gedanklich den Hut gezogen vor Leuten wie Brigitte Beier. Solche Initiativen halten unsere Gesellschaft zusammen.

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