Aachen - Grenzlandtheater: Berechtigte Hoffnung auf echte Antipathie

Grenzlandtheater: Berechtigte Hoffnung auf echte Antipathie

Von: Kathrin Albrecht
Letzte Aktualisierung:
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Der Spießer und der Ex-Militär: In dem neuen Stück des Aachener Grenzlandtheaters finden sich ganz spezielle Typen zu einer unheiligen Allianz zusammen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Hellseherische Fähigkeiten besitzt Uwe Brandt, Intendant des Aachener Grenzlandtheaters, nach eigener Aussage nicht. Dass er mit dem neuen Stück aber einen außergewöhnlich guten Riecher dafür hatte, was die Stadt im Moment umtreibt, steht außer Frage. „Bürgerwehr“, eine bitterböse Farce des britischen Dramatikers Alan Ayckbourn, feiert am Freitag Premiere.

Es ist ein Stück, das zeigt, was passieren kann, wenn Menschen sich nicht mehr sicher fühlen und wie schnell Dinge aus den Fugen geraten. Das Stück spielt in einem Vorstadt-Idyll, im gut situierten Arkadia-Park. In dieses Idyll zieht das Geschwister-Paar Gerhardt (Volker Weidlich) und Gerda (Lena Sabine Berg) Gauckert, vis-a-vis zum „Schandfleck“ der Gegend, einer Sozialbausiedlung.

Als es zu einem Zwischenfall kommt, bei dem Gerhards geliebter Gartenzwerg „Gaucki“ zu Bruch geht, ist es mit der Idylle vorbei. Auf Gerhards Initiative gründen die Nachbarn eine Bürgerwehr, doch das Ganze läuft mächtig aus dem Ruder.

„Bei der Auswahl des Stückes war das Thema noch nicht so heiß“, reflektiert Brandt die aktuelle Situation in der Stadt Aachen. „Was mich jedoch bewegt hat, war die Tatsache, dass es auch hier in Aachen ähnlich wie im Stück Viertel oder Kreise gibt, die unsichtbare Zäune umgeben und wo ganz klar ist, wer dazugehört und wer nicht“, sagt Brandt.

Das achtköpfige Ensemble zeigt einen Querschnitt der Mittelstandsnachbarschaft: die Klatschtante, den Ex-Militär, den Eigenbrödler, den Tüftler. Und schnell wird deutlich, dass so ziemlich jeder dieser Durchschnittbürger selbst die ein oder andere Leiche im Keller hat.

Er könne die Reaktion verstehen, aus einem Angstgefühl heraus eine Bürgerwehr zu gründen, sagt Volker Weidlich: „Auch, wenn es der falsche Ansatz ist.“ „Die Rechtsstaatlichkeit ist ein ganz hohes Gut, das über privaten Interessen stehen sollte“, fügt Axel Gottschick, der im Stück den Ex-Militär Hans Sturm verkörpert, hinzu. „Jede Bürgerwehr ist aber von privaten Interessen bestimmt“, so Gottschick.

„Bürgerwehr“ ist nach „Biografie: Ein Spiel“ die zweite Regiearbeit von Renate Fuhrmann am Grenzlandtheater, die am Haus auch als Schauspielerin, zuletzt in „Harold und Maude“, große Erfolge feierte. „Wir müssen damit rechnen, dass das Stück schockiert“, sagt sie. „Es kann durchaus sein, dass sich die Zuschauer ertappt fühlen. Das geht mir selbst nicht anders, ich habe gemerkt, dass ich genauso zu den Spießern gehöre wie die dargestellten Personen da oben. Das mag nicht jeder gerne sehen.“

Im Stück ist es eine Nichtigkeit, die dazu führt, dass alles aus den Fugen gerät. Ein Junge aus der Sozialbausiedlung klettert über den Gartenzaun der Gauckerts. „Im Prinzip macht er nichts falsch, denn die Vorbesitzerin, eine alte Dame, war offenherzig und großzügig, er hatte sich dort wohlgefühlt“, erzählt Volker Weidlich. Auch das Bühnenbild von Barbara Krott greift das Thema des Stücks auf: Die schiefen Wände und die schiefe Bühne deuten an, dass sich fest stehende Strukturen verschieben, die klaren Linien verloren gehen.

„Wir sind sehr gespannt auf die Reaktion des Publikums“, sagt Axel Gottschick, und der Schauspieler fügt hinzu: „Ich hoffe, dass ich nicht zu viele Sympathisanten habe.“

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