Granny Lilys aufregende Reise um die halbe Welt

Von: Christina Handschuhmacher
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Fünf Kinder und ein Leben hoch in den Bergen: Auf einem Bio-Bergbauernhof in Osttirol hat Lily Heyen (Mitte) zwei Monate als Granny Au-pair verbracht. Derzeit betreut sie zwei Kinder in Luxemburg. Unser Foto zeigt Lily Heyen mit vier Kindern der Familie aus Osttirol und dem Familienvater. Foto: privat

Aachen. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass „Brigitte“ das Leben von Lily Heyen entscheidend verändert hat. Genauer gesagt war es ein Artikel in der gleichnamigen Frauenzeitschrift, der Lily Heyens ungeliebten Ruhestand von heute auf morgen in einen geliebten Unruhezustand verwandelt hat.

Denn seit Lily Heyen vor rund drei Jahren einen Artikel über die Hamburger Agentur „Granny Aupair“ gelesen hat, hat sie nur noch wenig Zeit in ihrer Wohnung in der Nähe des Aachener Westparks verbracht. Stattdessen ist die 74-Jährige seit rund zweieinhalb Jahren als Leih-Großmutter in der Welt unterwegs.

„Als ich den Artikel gelesen hab, dachte ich: ‚Genau das ist es, was ich machen will!‘“, erzählt Heyen – grauer praktischer Kurzhaarschnitt, leuchtend dunkelgrüne Augen, selbst gestrickter Pullover – während eines kurzen Zwischenstopps in ihrer Aachener Wohnung. Seit vier Monaten betreut sie einen dreijährigen Jungen und ein fünfjähriges Mädchen in Luxemburg. Sie fährt die Kinder zum Kindergarten und zum Musikunterricht, kocht das Abendessen und liest Gute-Nacht-Geschichten vor. „Eben das, was eine Granny tun sollte“, sagt Lily Heyen.

Unterkunft und Verpflegung sind frei – genauso wie die meisten Wochenenden. Für ihre Arbeit bekommt sie ein monatliches Taschengeld. Soweit alles ähnlich wie bei Zehntausenden anderen Au-pairs weltweit, nur mit dem Unterschied, dass Lily Heyen mit 74 Jahren wohl über ein halbes Jahrhundert älter ist als die meisten anderen Au-pairs.

Rund 500 Frauen in 40 Länder

Die Hamburgerin Michaela Hansen (52) hat immer daran geglaubt, dass es in Deutschland viele Frauen gibt, denen es so geht wie Lily Heyen: nicht mehr berufstätig, aber immer noch voller Tatendrang. Laut Personalausweis schon älter, aber immer noch vital und fit. Lebenserfahren, aber genauso offen für Neues. 2010 gründete Michaela Hansen – mittlerweile selbst vierfache Großmutter – deshalb „Granny Aupair“, eine Agentur, die Frauen über 50 als Au-pairs in Gastfamilien vermittelt. „Ich habe mich immer gefragt, warum ältere Frauen nicht auch den Schritt ins Ausland wagen sollten“, erzählt Michaela Hansen. „Sie bringen viel Lebenserfahrung mit und das wird von den Familien geschätzt.“

Die Zahlen zeigen: Hansens Angebot kommt an. Rund 500 Frauen hat ihre Agentur bislang auf dem Weg ins Ausland begleitet – in mehr als 40 Länder weltweit. Über „Granny Aupair“ kann man nicht nur als Leih-Oma tätig werden. Die Agentur vermittelt ebenfalls Frauen in soziale Projekte – sie arbeiten mit Straßenkindern in Indien, wirken bei einem Theaterprojekt für benachteiligte Jugendliche in Nicaragua mit oder bei einer Initiative, die Beduinenfrauen auf der Sinai-Halbinsel auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt. Zum Portfolio der Hamburger Agentur gehört ebenfalls die Vermittlung als Gesellschafterin – oft als eine Art Seniorenbetreuerin für alleinstehende ältere Menschen mit deutschen Wurzeln – und die Vermittlung als sogenannte Housesitterin, die sich um Haus und Garten kümmert, wenn der Bewohner längere Zeit nicht da ist.

Eigeninitiative ist gefragt

Das Prinzip von „Granny Aupair“ ist denkbar einfach. „Es funktioniert ähnlich wie eine Kontaktvermittlung“, sagt Hansen, die ihre Erfahrungen mit „Granny Aupair“ mittlerweile sogar in einem Buch verarbeitet hat. Die Profile der Familien lassen sich auf der Homepage von „Granny Aupair“ ansehen. Will man zu einer Familie Kontakt aufnehmen, muss man sich bei der Agentur registrieren und eine kostenpflichtige Mitgliedschaft abschließen. „Granny Aupair“ bietet telefonische Beratung und Hilfestellung, aber auch Eigeninitiative auf Seite der Frauen ist gefragt. Hansen: „Die Grannys müssen sich auch selbst intensiv vorbereiten, sich mit der Familie austauschen und genau abklären, was ihre Aufgaben vor Ort sind und wie sie dort leben werden.“ Letztendlich entscheidet die Sympathie, ob Granny und Familie zueinander finden und wie sie das Zusammenleben gestalten.

Klar, dass es auch schief gehen kann, wenn eine lebenserfahrene Frau in eine fremde Familie kommt und die Vorstellungen vom Leben und vom gemeinsamen Miteinander zu unterschiedlich sind. Auch Lily Heyen hat das erlebt. Für drei Monate lebte sie bei einer Familie in Niederösterreich, wo sie ein Mädchen betreute. „Das war keine Familie, die sich für Granny Au-pair geeignet hat“, sagt Lily Heyen. „Die Familie war nicht bereit, sich auf einen fremden Menschen einzulassen.“ Aber die gebürtige Belgierin hat sich davon nicht abschrecken lassen – im Gegenteil.

Zu groß ist ihr Fernweh und der Hunger danach, mehr von der Welt zu sehen, unterschiedliche Menschen kennenzulernen, gebraucht zu werden. Endlich wieder. Während andere Menschen die Tage, Monate und Jahre bis zum Ruhestand wie einen Countdown runterzählen, war die Pensionierung für Lily Heyen alles andere als die Erfüllung ihrer Träume. „Ich hätte gerne noch gearbeitet. So von hundert auf null, das war schwierig für mich.“

Heyen stand ihr Leben lang unter Strom. Als Älteste von zehn Kindern übernimmt sie schon früh Verantwortung. Sohn und Tochter zieht sie allein groß. Neben ihrem Job als Sekretärin – zuletzt war sie an einem Lehrstuhl der RWTH Aachen beschäftigt – arbeitet sie oft noch am Wochenende. Nach der Pensionierung kümmert sie sich um ihr jüngstes Enkelkind. Als der Kleine in die Ganztagsschule geht, denkt Lily Heyen, jetzt oder nie und ergreift ihre Chance. Und auch ihre Familie gibt das OK. „Meine Tochter hat gesagt: ‚Mama, jetzt bist du dran!‘“

Nicht wie eine Touristin

Und dann hat Lily Heyen ihre Sachen gepackt – immer bei sich hat sie Fotos ihrer drei Enkel –, alle Zweifel in den Wind geschlagen und ihre erste Stelle als Granny Au-pair angetreten. Zuerst hat sie als Leih-Großmutter ein Jahr im schweizerischen Lausanne verbracht und ein zweijähriges Mädchen betreut. Dann ging es weiter nach Niederösterreich. Den Aufenthalt hat Heyen vorzeitig abgebrochen und stattdessen zwei Monate auf einem Bio-Bergbauernhof in Osttirol verbracht. „Das war superspannend. Ich bin mit ins Heu gegangen, hab den Almauftrieb erlebt. Als Touristin wäre das nie möglich gewesen“, sagt Lily Heyen und ihre Stimme überschlägt sich jetzt noch ein wenig vor Begeisterung, wenn sie davon erzählt. Und nun ist sie seit vier Monaten in Luxemburg.

Welche Eigenschaften muss eine gute Granny mitbringen? „Man muss sich in die Familie integrieren. Es geht nicht, dass man stur an seiner Meinung festhält und nur sein Ding durchzieht. Und eine Granny muss Kinder mögen, sonst hält sie das nicht durch.“

Kein ruhiges Rentnerinnen-Dasein

Lily Heyen begreift „Granny Aupair“ als Chance, ihren Horizont zu erweitern, die Welt zu sehen. Sie ist ungebunden, spricht fließend deutsch, englisch und französisch – eine Sprachbarriere gibt es also nicht. Und teuer ist so ein Au-pair-Aufenthalt auch nicht – schließlich leistet sie als Granny Arbeit, die auch honoriert wird.

Wer Lily Heyen kennenlernt, kann sich auch kaum vorstellen, dass sie mit einem beschaulichen Rentnerinnen-Dasein mit Stricken und Kaffeeklatsch glücklich werden würde – auch wenn sie schon 74 ist. „Ich kann mit Gleichaltrigen oft nicht viel anfangen“, sagt sie. „Ich möchte nicht darüber reden, welcher Knochen mir gerade am meisten weh tut und welcher Arzt mir am besten geholfen hat.“ Fast klingt es ein wenig trotzig, als sie das sagt. So als habe sich Heyen schon so manches Mal dafür rechtfertigen müssen, dass sie eben kein Leben führt wie andere Frauen in ihrem Alter. Dafür, dass ihr Leben eher dem einer 54-Jährigen gleicht als dem einer 74-Jährigen.

Und sowieso. Ein älteres Au-pair bringe für die Familien auch viele Vorteile mit sich, meint Lily Heyen schmunzelnd. „Es kommt gut an, dass ich in meinem Alter keine Partys am Wochenende feiere, keine Flausen mehr im Kopf habe und auch keine fremden Männer mit nach Hause bringe.“ Zudem würden die Familien ihre Kochkünste schätzen – kein Wunder, nachdem Lily Heyen mit 65 in Rente gehen musste, hat sie für einige Zeit einen eigenen Partyservice betrieben. Nun kommen Kinder und Familien in der Schweiz, in Österreich oder derzeit Luxemburg in den Genuss ihrer Kochkünste und im Urlaub ihre zwei Kinder und die drei Enkel daheim.

Als Heyen zum Weihnachtsurlaub nach Aachen aufgebrochen ist, stand die fünfjährige Luxemburgerin vor ihr. „Lily, wann kommst du wieder? Bitte lass deine Sachen hier, damit ich weiß, dass du auch wiederkommst.“ Lily Heyen hat ihre Sachen dagelassen. Bis zum 30. März will sie in Luxemburg bleiben. Dann wird sie ihre Tasche packen und Anfang April in den Flieger nach Washington, D.C. steigen. Dort wartet bereits die nächste Familie auf Granny Lily. Und vielleicht geht es auch danach noch weiter. Vorstellen kann sich Lily Heyen das. Derzeit liebäugelt die 74-Jährige mit Kanada. Und auch praktisch wäre es durchaus möglich. So lange sie fit genug sind, gibt es für Granny Au-pairs seitens der Agentur keine Altersbeschränkung.

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