Aachen - Graffiti mit protestartigen Schriftzügen untermalt

Graffiti mit protestartigen Schriftzügen untermalt

Von: Felix Kampel
Letzte Aktualisierung:
12214622.jpg
Graffiti mit professioneller Unterstützung kreiert: Rosco (vorne), sowie Martin Kind, Agnes Jansen, Karl-Heinz Wollschläger und Dr. Dagmar Castillo von der Hauptschule Aretzstraße. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die einen sagen: „Wir schaffen das!“ Die anderen zeigen, wie es im Alltag geht. Oder wie es gehen kann – mit der Integration, mit dem Zusammenleben der vielen Nationalitäten, die Deutschland heute zu dem machen, was es ist.

Zu denen, die in dieser aktuellen Neugestaltungphase der Bunderepublik mehr handeln als reden, gehört einerseits der Graffiti-Künstler Rosco. Andererseits gehören dazu die Schüler, die Flüchtlingskinder und die Lehrer der Gemeinschaftshauptschule (GHS) Aretzstraße in Aachen. In einem Projekt setzen Künstler, Schüler und Lehrer im praktisch gelebten Alltag daher derzeit das um, was seit dem vergangenen Sommer in Deutschland euphorisch als „Willkommenskultur“ gefeiert wurde.

Denn die GHS Aretzstraße hat Rosco mit finanzieller Hilfe des Fördervereins „Jugendliche Powern ohne Gewalt“ sowie der Stadt Aachen für die Gestaltung von zehn Wänden ihres inneren Pausenhofs engagiert. Und rund 30 Schüler der 7b, der achten Klassen und Flüchtlingskinder aus den internationalen Förderklassen gingen dem Künstler bei seinem Schaffensprozess in den letzten Wochen zur Hand. In bisher mehr als 60 Arbeitsstunden entstand so an gelegentlich nasskalten Nachmittagen ein Gesamtkunstwerk. Dessen zentrale Botschaft steht für ein neues und gedanklich freies Europa, das sich jeder Zuordnung in klare nationale Grenzverläufe vollkommen und eindeutig entzieht.

Die Gesichter auf den Wänden, die Rosco und die Kinder mit Sprühdosen, Farben und Pinseln gestaltet haben, können einem eindeutigen Herkunftsland nicht mehr zugewiesen werden. Da gibt es ein Mädchen mit blonden Haaren und Sommersprossen. Doch dass sie noch eine „Deutsche“ ist, davon kann unmöglich die Rede sein. Vielmehr scheint die pastellgelbe Hautfarbe unzweideutig auf mindestens einen Elternteil hinzuweisen, der aus dem asiatischen Kulturkreis, dem Mittleren Osten oder Osteuropa stammt.

Sehr prominent sticht aus dem Zentrum des Gesamtkunstwerks ferner das Gesicht eines Mädchens hervor, das vielleicht aus Syrien kommt. Doch ebenso gut könnte sie oder mindestens ein Teil ihrer Eltern in Brasilien geboren sein. „Sie ist eine nicht in Deutschland geborene Deutsche und steht für das neue Europa ohne nationale Identität“, betont Rosco.

Die Frage nach dem Herkunftsland möchte er daher unter keinen Umständen mit einer klar adressierten Nation beantworten. Flankiert wird das Bild von protestartigen Schriftzügen, die einen offensiven Widerstand gegen die neuen rechten Bewegungen in Europa andeuten. „Lasst uns leben“, heißt es da. „Open your Mind“ oder „Freedom“.

Auf den Weg gebracht wurde das Projekt von der Lehrerin Agnes Jansen, die an der GHS in der Aretzstraße Deutsch und Kunst unterrichtet: „Schon seit einiger Zeit hatten wir die Idee, dem Schulhof einen vollkommen neuen Anstrich zu geben“, sagt Jansen. „Mir ging es besonders um die Zusammenarbeit mit einem Künstler, der moderne Motive schafft, die einen Ausdruck unserer derzeitigen gesellschaftlichen Realität produzieren.“ Bei ihrer Suche nach passenden Sujets und Motiven wurde die Klassenlehrerin der 7b eines Tages in der Stadt auf die Bilder von Rosco aufmerksam. Dann entdeckte sie unter einem seiner Werke ein „Tag“ (Signatur), dem auch eine Telefonnummer zugeordnet war.

Auch die Schulleiterin Dagmar Castillo zeigt sich mit dem Ergebnis sehr zufrieden: „Das Bild spiegelt auf wunderbare Weise das Motto unserer Schule wieder“, sagt sie. „Wir wollen demonstrieren, dass wir eine internationale Willkommensschule für alle Kinder sind. Gemeinsam gehen wir den Weg in eine offene Zukunft. Unser Ziel ist es, das Selbstbewusstsein jedes Kindes so weit zu stärken, dass es seinen eigenen Weg erfolgreich ins Leben findet – egal woher es kommt und wohin es geht.“

Und diese Kinder der GHS Aretzstraße sind allein durch ihre Namen schon der lebende Beweis für die Realität der neuen Vielfalt in Deutschland, die Rosco auf die Wände projiziert hat: „Auch ich habe an der Wand mitgeholfen“, sagt Nuredin Ali Khan und lässt seinen Blick noch einmal stolz über die Fassaden wandern. Neben ihm sitzen Kausar Chehade, Melten Ceyhan, Mirco Rosen oder auch Alessa Maaßen, die später jedoch alle keine Künstler werden wollen. Auch wenn sie Rosco bei der Gestaltung der Wand bisher gerne unterstützt haben. Höher im Kurs der Kinder stehen in der Berufswahl der Kinder dann aber doch schon eher Polizistin, Fußballer oder Innenarchitektin.

Doch bis die Kinder eines Tages die Ausbildung zu ihrem Traumjob absolviert haben, bleibt noch etwas Zeit. So können sie vorläufig im Kunstunterricht Rosco bei der Gestaltung der Wände weiter behilflich sein. Eine der letzten freien Mauern des größten Graffitis im Innenhof wartet derzeit nämlich noch auf ihre Vollendung. Die Portraits der beiden Mädchen sollen auf der rechten Seite noch durch einen Jungen bereichert werden, in dessen Gesicht Spuren einer afroamerikanischen Herkunft angedeutet werden. Doch auch dieser Junge wird freilich kein eindeutiger „Nigerianer“ oder „Kameruner“ sein. Auch sein Gesicht wird am Ende mindestens auf einen Elternteil aus einem Herkunftsland schließen lassen, aus dem mehrheitlich Menschen mit einer weißen Hautfarbe stammen.

„Die Kunst kann ein Weg sein, um mit den schmerzhaften Vergangenheiten der eigenen Geschichte einen friedlichen und versöhnlichen Umgang in der Gegenwart zu finden“, sagt Rosco. Und bei der Betrachtung seiner Bilder möchte man unbedingt glauben, dass der Künstler durch seine Portraits bereits den Weg in eine offene Zukunft Deutschlands ausmalt, von der eines Tages vielleicht die Kinder aus der GHS Aretzstraße mit ihren vielfältigen kulturellen Herkünften ganz besonders profitieren könnten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert