Glossiert: Wenn bessere Hälften die WM zum K.... finden

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Glossiert: Wenn bessere Hälften die WM zum K.... finden

Ein Kommentar von Albrecht Peltzer

Es gibt Widersprüche im Leben, die löst kein Philosoph auf, kein Weltveränderer, kein Magier. „Ich finde Fußball einfach nur zum Ko...“, sagte meine garantiert bessere Hälfte neulich morgens, als sie den Spielplan der Fußballweltmeisterschaft auf dem Wohnzimmertisch liegen sah.

Nun neigt die gute Frau in keiner Weise zu Intoleranz oder zum Gebrauch von Fäkalsprache. Aber dass Fußball ungeahnte Kräfte freisetzen, dass er ganz verborgene Dinge hervorrufen kann, beweist sich offensichtlich auch in diesem Fall.

Ja, wenn Reitturnier wäre, sagt sie. „Schio“ sozusagen, dann wäre das etwas anderes! Ich neige wahrlich nicht dazu, den Turnierplan des CHIO auf dem Wohnzimmertisch auszubreiten. Und die Vorstellung, dass bis auf kurze Unterbrechungen – also Sommer- und Winterpause – das ganze Jahr über CHIO wäre, treibt mir gelinde gesagt den Angstschweiß auf die Stirn.

Man stelle sich das vor: Jedes Wochenende und mehrere Tage in der Woche über Stängchen springen, durch Sandvierecke hoppeln, zur Sinfonie traben oder Kutschen durch unsinnige Hindernisse lenken – „Herr, beende dieses Treiben“, würde man rufen!

Nein, sagt die bessere Hälfte, „Schio“, das wäre „etwas ganz anderes“. Das dürfte es ruhig das ganze Jahr geben. Aber dieser blöde Fußball – einfach zum – Sie wissen schon. Das Problem ist weder im heimischen Wohnzimmer zu lösen, noch im Sportpark Soers. Da wird zwar demnächst geritten, aber der Fußball pausiert. Weil er nämlich zeitweise nach Russland umgezogen ist. Es ist „Weh Emm“, kein „Schio“!

Es gibt allerdings Menschen, die offensichtlich von Berufs wegen Optimisten sind. Die glauben, dass der Fußball alle Menschen vereinen kann, dass er Frieden stiftet und Nachsicht sät. Diese Menschen sitzen, wie wir gestern dank einer Mitteilung des städtischen Presseamtes lernen durften – im Umweltministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Also ziemlich in der Nähe. Die Minister sind davon überzeugt, dass – Zitat! – „angesichts des weit verbreiteten Interesses an der WM auch eine gesteigerte Bereitschaft besteht, kurzfristige Beeinträchtigungen hinzunehmen“. Na also, funktioniert offensichtlich doch.

Es geht zum Beispiel um Beeinträchtigungen der Nachtruhe. Wenn die – aus Sicht der bereits erwähnten besseren Hälfte gesehen – Unsitte wieder Raum greift, Fußball auch noch öffentlich zu gucken, in Gärten, Kneipen oder Restaurants. Das sollen Menschen tolerieren? Ja, sagt das Umweltamt. Ja, sagt die Stadt Aachen! Sogar nach 22 Uhr, wo sonst draußen Grabesruhe zu herrschen hat. Schließlich kann es sein, dass die Kicker bei den Abendspielen ins Stechen gehen müssen, um es im Aachener Pferdejargon zu umschreiben. Und nach dem Stechen kann ja auch noch Elfmeterschießen kommen. Man stelle sich das einmal beim CHIO vor. Wer soll da schießen? Und auf wen?

Nun wäre das Amt nicht das Amt, wenn es nicht auch bei solchen Verordnungen den Schimmel wiehern ließe. Beispiel? Bitte: Der Ton der Fußballübertragung darf „ausschließlich durch die fernsehgeräteeigenen Lautsprecher“ erfolgen. Eine weitere Verstärkung ist strikt untersagt. Aber: Wissen die im Amt eigentlich, wie laut mittlerweile so ein High-End-TV-Set ist? Das kann dem Nachbarn, der vom CHIO träumt, ganz schön auf die Nerven gehen. Verboten ist übrigens auch, „lärmbelastende Geräte wie Vuvuzela, Trommeln oder Druckfanfaren“ beim Public Viewing zum Einsatz zu bringen. Außerdem muss der Gastgeber seine fußballverrückten Gäste „zur verstärkten Rücksichtnahme auf Nachbarn und Anwohner anhalten“. Langsam wird die Sache widersprüchlich...

Das Ordnungsamt hält es da mit seinem Schutzpatron Wladimir Iljitsch Uljanow, Insidern besser bekannt als Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ Und daher wird kontrolliert, dass die Verhaltensmaßregeln auch eingehalten werden. Damit den Fans nicht die Gäule durchgehen!

Jetzt rollt also der Ball, die Welt spielt verrückt. Und einzelne finden das zum.... Geschenkt. Dass WM und CHIO übrigens enger miteinander verzahnt sind, als manche denken, sollte nicht unerwähnt bleiben. Am 30. Juni 2002, Sie erinnern sich, spielte Deutschland im fernen Yokohama im WM-Endspiel gegen Brasilien. Und verlor 0:2, auch weil Torhüter Olli Kahn bei Ronaldos Torschuss verweigerte. Gleichzeitig fand in Aachen das CHIO statt. Die Reit-Wettbewerbe wurden eigens unterbrochen, damit alle auch im Stadion WM gucken konnten. Nach Deutschlands Fußball-Pleite siegte Luder Beerbaum im Großen Preis von Aachen. Als Ausgleich sozusagen. Und auch dieses Jahr prallen Fußball und Pferdesport aufeinander. Am Tag des WM-Endspiels ist Soerser Sonntag beim CHIO. Es ist sozusagen für jede Hälfte etwas dabei – für die besseren und für die anderen auch. In Moskau wird dann sicher das Finale unterbrochen, wenn in der Soers die Zwergponyparade beginnt. Rücksichtnahme – mit Pferdeverstand. In diesem Sinne...

 

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